Aber überall fand Frau Lamondt Abweisung. Als sie endlich einsah, daß es besser sei, gar nicht über solche Dinge zu sprechen oder doch nur notgedrungen, war sie bereits der Gesellschaft ein wenig zum Gespött geworden. Sie merkte es und zog sich von da an nur noch mehr in sich zurück und in ihre Phantasie-Welt, die dadurch immer mehr Macht über sie gewann.

Lamondt selber war zu harmlos, als daß er dieser Geistesrichtung seiner Frau irgend welche Bedeutung beigemessen hätte. Der Gedanke, daß eine Entfremdung zwischen ihnen eintreten könne, wäre ihm etwas unfaßbares gewesen. Seinem Gefühl nach gehörten sie beide zusammen von jeher und für immer.

Nach zweijähriger Ehe beschenkte Frau Lamondt ihren Mann mit einem Töchterchen. Lamondt’s Glück war grenzenlos. Dieses Ereignis brachte eine tiefe Änderung in den Verhältnissen zustande. Beide liebten ihr Kind abgöttisch und sich gegenseitig in dem Kinde mit jener stillen, sanften Liebe, die dem gleichmäßig-milden Licht der Planeten zu vergleichen ist, während jene erste Liebe dem scharfen Funkeln der Fixsterne gleicht.

Die nachfolgenden Jahre waren die sonnigsten im Leben der Frau Lamondt. Denn ein nachdenklicher Mensch hat nicht viel Sonne, weil er fast ständig unter der Wolke seines eigenen Denkens wandelt. Ihre hochragenden philosophischen Ideen hatten sich gewissermaßen auf das Kind niedergeschlagen und dort Form angenommen. All ihr Können, all ihr Wissen, all ihre Sorgfalt wollte sie auf das Kind konzentrieren und dasselbe in geistiger wie leiblicher Beziehung zur denkbar höchsten Entwickelung bringen. Manchmal verirrten sich ihre Gedanken so weit in die Zukunft, daß sie sich mit ihrer Tochter vereint wirken sah zum Besten der Menschheit, zu ihrer Veredelung, Hebung.

So mochten vier Jahre vergangen sein, da bekam Herr Lamondt eines Tags Besuch von einem Freunde aus Holland. Es war ein Herr Savade, ein Marine-Offizier, dessen Schiff für einen Tag Batavia anlief.

Er suchte Lamondt in seinem Kontor in der Stadt auf. Der freute sich kindisch. Aber nachdem er ihn umarmt und geküßt und das nötigste gefragt hatte, sagte er:

„Weißt Du, heute ist Posttag. Dieses hier (er zeigte auf einen Stoß Briefe) muß fort. So kann ich hier nichts mit Dir anfangen. Geh’ zu meiner Frau raus und vertreib der die Zeit. Sie wird sich freuen. Und ein Mädel haben wir auch.“ Sein Auge glänzte. „Nun, ich sage nichts weiter. Du wirft ja sehen.“

Savade lächelte. Lamondt umarmte ihn noch einmal. „So bald ich irgend kann, komm’ ich auch: In einer Stunde ist Postschluß“ rief er dem Davonfahrenden nach.

Savade kannte Frau Lamondt nicht. Er hatte Lamondt während dessen Lehrjahren in Rotterdam kennen gelernt. Lamondt hatte aber viel von seiner Zukünftigen gesprochen und ihm ihr Bild gezeigt; denn sie waren wahre Freunde geworden, trotzdem Savade wohl an zehn Jahre älter war als Lamondt.