„Java ist ein gesegnetes Land,“ fiel Frau Lamondt ein. „Es ist das Paradies der Vegetarier. Es ist so leicht hier, naturgemäß zu leben.“

„Ja, für einen, der kein Kaffee-Geschäft hat,“ meinte Lamondt und begann von seinen Sorgen und Lasten zu erzählen.

Nach beendeter Reistafel empfahl sich Savade, um am Abend zum Diner wieder zu erscheinen. Am nächsten Morgen früh lief sein Schiff weiter nach Samarang, Surabaya und dann in die Molukken-See. Batavia wurde nicht wieder angelaufen. So galt es, die kurze Zeit des Beisammenseins auszunutzen.

Er fuhr mit der Bahn zurück zum Tandjong Priok, um auf seinem Schiff Toilette für den Abend zu machen. Nach Batavia zurückgekehrt hielt er nach einer Gärtnerei Umschau, um den üblichen Blumenstrauß für die Dame des Hauses zu erwerben. Das war aber in Batavia leichter gesagt als getan, weil hier jeder seinen Privat-Garten besitzt. Endlich wies man ihn in die Chinesenstadt. Sein Riksha-Kuli wußte hier Bescheid. Er setzte ihn in einer Straße ab, in der einige Chinesen-Weiber dürftige Sträußchen feil hielten. Für ein Paar Cent erstand er eines, froh überhaupt etwas bekommen zu haben.

Als er gerade mit dem Handel beschäftigt war, bat ihn ein grauhaariger Chinese, ein Krüppel, um eine Gabe, indem er sich schweigend in ehrfurchtsvoller Weise verneigte. Savade aber sah über ihn hinweg, nur in seinen Kauf interessiert. Es war sonst nicht seine Art, einen Bettler vergeblich bitten zu lassen. Erst als er schon wieder ein Weilchen in seiner Riksha saß, kam ihm plötzlich dieser bescheidene Alte wieder vor Augen. Er erschrak innerlich. „So habe ich für diesen stillen Bettler nicht eine Kupfermünze übrig gehabt“ sagte er mißbilligend zu sich selber. Er behielt ein unbehagliches Gefühl, bis er an Lamondt’s Villa anlangte.

Nach dem Diner, als sie draußen in den bequemen indischen Langstühlen saßen, kam das Gespräch wie von selber wieder auf die Philosophie. Denn Philosophie, entgegen anderen Wissenschaften, faßt den ganzen Menschen, und jede Regung ist bei einem solchen nichts als eine Anregung zum Philosophieren. Wahre Philosophie ist wie die Natur. Sie erlaubt von jedem Punkt aus den Eintritt.

So standen Frau Lamondt und ihr Gast bald mitten in diesem Thema, ohne zu wissen, wie sie hineingeraten waren. Man merkte, diese beiden waren sich gegenseitig wie Stahl und Feuerstein. Einer schlug Funken aus dem andern.

Der jungen Frau war, als ob eine geistige Spannkraft, die seit Jahren in ihr angehäuft lag, sich nun wie in Blitzschlägen entlüde. Sie hatte vielleicht nie im Leben ein Gefühl so völliger Befriedigung gehabt. Sie hatte die Empfindung einer wunderbaren Erhabenheit, von der sie nicht wußte, ob sie in ihr ruhte, oder als etwas von außen kommendes sie umwehte. Sie erschrak förmlich, als Savade sagte: „Es ist aber schon so spät. Wir müssen abbrechen.“

Lamondt, der inzwischen verschiedene Zigarren geraucht und sich meist schweigend verhalten hatte, meinte:

„Ich glaube auch, es ist Zeit, daß Ihr in dieser Tonart aufhört. Im übrigen ist es schändlich, daß Du nicht mal eine Nacht in meinem Hause bleiben kannst.“