Zwischen Savade und Frau Lamondt entwickelte sich ein nicht häufiger aber sehr regelmäßiger Briefwechsel. Der Gegenstand desselben waren nur philosophische Themata. Alle Bemerkungen über persönliche Verhältnisse wurden beiderseits so völlig vermieden, daß der Unbefangene fast etwas Absichtliches darin hätte finden können.
In Frau Lamondts Briefen trat immer ein und dasselbe Thema zutage: Die Hingabe an die Menschheit und an ihre Ideale, das Arbeiten an der Hebung der Menschheit zu immer stolzerer, sonnenhafterer Höhe. Das erschien ihr als die einzige aller Aufgaben dieser Welt, bei der schon im Streben allein der Erfolg liegt, Erfolg mit all seiner beglückenden Macht.
Sie liebkoste dieses Thema und ging dabei mit einem ihr selber vielleicht unbewußten Raffinement zu Werke. Um Überdruß zu vermeiden, ließ sie es bald in schweren gesammelten Baßschlägen auftreten, bald in eleganten Diskant-Figuren, die in graziöser Weise sich auflösten und wieder zur Form vereinigten. Eine solche Meisterin war sie in Darstellung ihres Gedankens, daß Savade immer wieder erstaunte, wenn er ihre scheinbaren Abschweifungen plötzlich wie durch einen Coup zum Thema verdichtet vor sich stehen sah. Er selber gehörte zu jenen glücklichen Naturen, die instinktiv das Maßhalten, das Wandeln auf der richtigen Mitte als das der menschlichen Natur notwendigste erkennen. Er stimmte in seinen Ansichten mit denen Frau Lamondt’s überein. Ihre Ideale waren auch die seinigen. Aber er fühlte das Zuviel auf Frau Lamondt’s Seite und versuchte unwillkürlich dieses Plus auf ihrer Seite durch ein entsprechendes Minus auf seiner Seite auszugleichen.
Bald derber, bald zarter deutete er an, daß trotz aller idealen Pflichten, die uns an die Menschheit ketten, doch unsere erste und Hauptpflicht die ist, für unsere eigene Besserung, für unser eigenes Heil, für unsere eigene Ruhe zu sorgen. Leise gab er ihr zu bedenken, ob dieses Vergafftsein in die Menschheits-Ideale nicht oft ein Vergafftsein in sich selber sein könnte, nichts als eine Form der Eigenliebe in besonders bauschiger und eleganter Enveloppe, eine Eigenliebe in Balltoilette. „Wenn einer,“ schrieb er, „der selber schmutzig ist, einen anderen schmücken will, so wird er bösen Erfolg haben. Wer das will, der muß im Groben, Gemeinen bleiben, wie die Scheuerfrauen, für die es nichts ausmacht, wenn sie ihre Arbeit in schmutzigem Habit verrichten. Aber sie gehören auch nur in die Küche und auf die Treppen. Der Anständige, der in sein bestes Zimmer treten will, legt vorher schmutzige Stiefel und Kleider ab; andernfalls macht er sein Staatszimmer zum Vorraum. Ich glaube nicht, daß es eine herrlichere Behausung gibt als jenen Tempel, den die großen Geister aller Zeiten errichtet haben. Sollten wir nicht rein sein bis ins Innerste, ehe wir in diesen Tempel einzutreten wagen, um ihn zu schmücken und auszubauen?“
Als Frau Lamondt in einem ihrer Briefe über die Schwierigkeit und Hoffnungslosigkeit der Arbeit am eigenen „Ich“ klagte, antwortete er folgendes:
„Freilich ist das eigene ‚Ich‘ jenes wunderliche Ding, mit dem sich abzugeben der eine überhaupt nicht für der Mühe wert hält, und mit dem der andere nie fertig wird. Von dem ersteren sagen wir mit Dante: Guarda e passa! ‚Schau und geh’ vorüber überall!‘ Für den letzteren kommt alles auf die Art des Vorgehens an. Wer das ‚Ich‘ täppisch greifen will, dem entgleitet es wie einem, der Wasser in der hohlen Hand zusammenpressen will. Das ‚Ich‘ kann nicht begriffen werden, es kann nur angeschaut werden. Aber auch das Schauen muß verstanden werden.“
Und weiter hieß es: „Es ist freilich wahr, das ‚Ich‘ ist das Rätsel aller Rätsel, das Wunder aller Wunder, und hier einen Zweifel lösen, heißt hier nur, ihn in zwei neue zerspalten. Aber was sollen wir hieraus für Lehren ziehen? — Erstens, daß wir keinen Augenblick säumen dürfen und uns vor allem an die Beschäftigung mit diesem Ich machen müssen, eben wegen der Schwierigkeit der Sache einerseits und ihrer einzigen Wichtigkeit anderseits. Wir dürfen hier nie sagen: ‚Was hat diese Arbeit für Zweck? Das mühsam Errungene wird in neuen Zweifeln verloren gehen.‘ Hier ist ja auch der Verlust Fortschritt. Wird jemand sagen: ‚Was hat es für Zweck, mich jetzt zu sättigen? Zum Abend werde ich doch hungrig sein.‘ Das Hungrig-Werden ist ja hier Fortschritt, ist Gelingen. Diese Einsicht sollte uns hindern, uns zu früh über unser eigenes ‚Ich‘ hinwegsehen zu lassen auf das ‚Ich‘ des Nebenmenschen hin. Wir wollen auch nicht vergessen, daß wir, um zu anderen zu kommen, die Straße passieren müssen, und daß es wohl sein könnte, daß wir bestaubt und beschmutzt von unseren Liebeswerken zu uns selbst zurückkehren.“
„Zweitens aber sollen wir daraus die Lehre ziehen, uns nicht so tief in unserem eigenen Ich zu verlieren, daß wir garnichts anderes mehr neben diesem ‚Ich‘ sehen, oder daß es uns schließlich gar den Verstand verwirrt. Wenn irgend wo, so heißt es hier, der gefühlten Unendlichkeit gegenüber: Maßhalten. Wir wollen uns doch gewöhnen, die Tatsache des Ewigen, des Göttlichen, Unfaßbaren in uns mit Maß zu tragen, wie es eben eines so kostbaren Inhaltes würdig ist. Wir wollen doch endlich aufhören, in törichter und barbarischer Weise zu versuchen, dieses Ewige, Göttliche, Unfaßbare in uns ans Tageslicht zu zerren, wie einer, der seine eigenen Eingeweide herauszerren will. Er mordet nur sich selbst.“
„So wollen wir es dem Lebens-Rätsel, dem Ich-Rätsel gegenüber machen, nicht wie der Schüler, der, an der Bewältigung seiner Aufgabe verzweifelnd, das Buch in die Ecke wirft, sondern wir wollen es machen wie der Verständige, der das seinen Kräften entsprechende Teil gelesen hat und nun ruhig das Buch schließt und sich sagt: ‚Es ist genug für heute.‘ Denn das ist auch ein Ende, zu wissen, daß man nicht am Ende ist und doch gefaßt und zufrieden bleiben. Und ich fürchte sogar, dieses ist das letzte Ende, das uns beschieden ist.“ So spricht der Verständige, Denkende, solange er nicht vom Buddha belehrt worden ist oder sich von ihm hat belehren lassen.