Aber dieses Gegenarbeiten Savades gegen Frau Lamondts Überschwenglichkeit war für beide nur wie jene künstlichen Dissonanzen, die nur dazu da sind, die Schönheit der Harmonie um so süßer zu machen und um so stärker hervortreten zu lassen. Beiden war ihr Briefwechsel ein unbeschreiblicher und erhabener Genuß geworden. Denn kein Genuß dieser Welt gleicht der Wonne, die wir empfinden, wenn die Gedanken unseres Herzens in einem anderen Herzen wiederklingen. Das ist der höchste Genuß, denn es ist der reinste. Das ist der reinste Genuß, denn er verlangt keine Berührung.
Ob in den nächsten Jahren sich allmähliche Änderungen im Denken der jungen Frau vollzogen — ob das, wovon jetzt gesprochen werden soll, das Resultat eines plötzlichen Entschlusses war — ob Savades Briefe irgend einen (natürlich unbeabsichtigten) Einfluß auf diesen Entschluß hatten, wird sich mit Bestimmtheit wohl nie feststellen lassen. Tatsache ist, daß Frau Lamondt eines Morgens, etwa drei Jahre nach der oben geschilderten Zeit jenes Besuchs zu ihrem Gatten sagte: „Ich muß Dich in einer ernsthaften Angelegenheit sprechen.“
Lamondt hatte an jenem Tage wenig Zeit, aber er war doch zu erstaunt über die Worte und den Ton seiner Frau, als daß er nicht alles andere vergessen hätte.
„Was gibt es denn, Tutti?“ fragte er teilnehmend.
„Lamondt, was ich Dir jetzt sage, wird Dich sehr überraschen und sehr betrüben. Aber so wahr ich hier stehe, ich kann nicht anders handeln, als ich handeln will. Ich bin es dem, was in meiner Seele keimt und zum Licht drängt, schuldig. Lamondt, die Qual wird durch Umgehen nur größer für uns beide. So sage ich es Dir denn direkt heraus: Ich kann nicht länger Dein Weib sein. Ich muß meinen Weg allein gehen. Versteh’ mich recht: Ich will mich von Dir scheiden lassen. Die Ehe ist nicht das richtige für mich.“
Totenbleich starrte Lamondt sein Weib an. Die Worte erstarben ihm. Er brachte nichts heraus als „Helene!“ Er kannte den Charakter seines Weibes. Er wußte, daß es kein Mittel gäbe, sie von einem einmal gefaßten Entschluß wieder abzubringen.
Frau Lamondt fuhr fort:
„Ich muß Dir alles sagen. Ich kann nicht allein gehen. Das Kind muß bei mir bleiben.“