Am 14. Juli erschien eine feindliche Brigade unter General Malleson in der im allgemeinen lichten Dornbuschsteppe von Makatau. Das Feuer einer Feldbatterie, das sich gegen die Schützengräben unserer Askari richtete, war ziemlich wirkungslos, aber die feindliche Überlegenheit von 7 : 1 war doch so erheblich, daß unsere Lage kritisch wurde. Feindliche berittene Europäer umfaßten den linken Flügel der Unsrigen, und es ist das Verdienst des leider später gefallenen Oberleutnant d. Ldw. Steinhäuser, daß er mit der braven, aus den Gefechten in der Gegend des Longido bewährten 10. Feldkompagnie nicht wich, obgleich die Unsrigen seitwärts der Kompagnie zurückgingen. Gerade im kritischen Moment kam die Patrouille des gleichfalls später gefallenen Oberleutnants von Lewinsky, die auf den Gefechtslärm sogleich losmarschiert war, der gefährlichen feindlichen Umfassung in den Rücken und lähmte sie völlig. Die englischen Truppen, mit Europäern und Indern durchsetzte Askari, waren sehr brav in dem wenig Deckung bietenden Gelände gegen unsere Front vorgegangen. Das Scheitern der englischen Umfassung aber besiegelte ihre Niederlage. Auf dem Bahnhof in Moschi wurde ich von dem Fortgang des Gefechtes telephonisch genau unterrichtet und habe so aus der Entfernung alle Spannungen von dem zunächst ungünstigen Stande bis zum vollen Erfolge miterlebt.
Dieser und die erhebliche Beute steigerten die Unternehmungslust unserer Europäer und Askari von neuem. Gestützt auf die bisherigen Erfahrungen und die erlangte Gewandtheit folgte jetzt recht eigentlich die Zeit unausgesetzter Kampf- und Sprengpatrouillen. Ich glaube in der Zahl nicht zu hoch zu greifen, wenn ich annehme, daß mindestens 20 englische Eisenbahnzüge zerstört oder wenigstens erheblich beschädigt worden sind.
Aufgefundene Photographien und eigene Beobachtungen bestätigten die Vermutung, daß tatsächlich eine Bahn von Voi nach Makatau gebaut wurde, welche wegen ihrer guten Erreichbarkeit und ihrer Bedeutung ein wundervolles Objekt für unsere Patrouillen bot. Der Bau dieser Kriegsbahn bewies, daß ein Angriff mit großen Truppen, und zwar an dieser Stelle des Gebietes des Kilimandjaro, vorbereitet wurde. Das erwartete Eingreifen der Südafrikaner stand also bevor. Es galt, den Feind in dieser seiner Absicht zu bestärken, damit die Südafrikaner auch wirklich, und zwar in recht großer Zahl, kamen und von anderen, wichtigeren Kriegsschauplätzen ferngehalten wurden. Mit äußerster Anstrengung wurden deshalb die Unternehmungen gegen die Ugandabahn, die nach Lage der Verhältnisse auch jetzt noch im wesentlichen nur in Patrouillenunternehmungen, nur ausnahmsweise in Vorstößen ganzer Kompagnien bestehen konnten, betrieben.
Die nähere Bekanntschaft mit dem Steppengebiet zwischen Ugandabahn und deutsch-englischer Grenze hatte ergeben, daß von den verschiedenen aus der Ebene schroff aufsteigenden Gebirgsstöcken das Massiv des Kasigao wasserreich und leidlich besiedelt war. Bei der Entfernung von nur 20 bis 30 km von der Ugandabahn mußte der Kasigao einen günstig gelegenen Rückhalt für Patrouillenunternehmungen bilden. Schon die Patrouille des Oberleutnants Freiherrn Grote hatte einen Handstreich gegen das auf halber Höhe des Berges gelegene kleine englisch-indische Lager ausgeführt. Die Schützen der Patrouille Grote hatten das von einer Steinmauer umgebene Lager umstellt und schossen von dem überhöhenden Teil des Berges wirkungsvoll in das Lager hinein. Sehr bald zeigte der Feind die weiße Flagge, und ein englischer Offizier und einige 30 Inder ergaben sich. Einem Teil des Feindes war es gelungen, auf den Berg zu entkommen und unsere Patrouillen beim Abrücken zu beschießen. Hierbei traten für uns die einzigen Verluste ein, in einigen Verwundeten bestehend, unter ihnen ein deutscher Sanitätsunteroffizier. Auch durch das Feuer eines 6 cm-Geschützes war die feindliche Postierung am Kasigao gelegentlich überrascht worden.
Gegen Ende des Jahres 1915 wurde der Feind am Kasigao, der sein Lager inzwischen verlegt hatte, erneut angegriffen. Eine deutsche Kampfpatrouille hatte unter Oberleutnant von Ruckteschell die Nacht durch in 9 Stunden den steilen Berg erstiegen und war ziemlich erschöpft in der Nähe der feindlichen Verschanzung angelangt. Eine zweite, mit der Patrouille Ruckteschell gemeinsam handelnde Patrouille unter Oberleutnant Freiherrn Grote war infolge von Erkrankung und Erschöpfung dieses Offiziers etwas zurückgeblieben. Oberleutnant von Ruckteschell schickte eine zuverlässige alte farbige Charge zum Feinde und ließ ihn zur Übergabe auffordern. Er beobachtete, daß unser Askari beim Feinde sehr herzlich bewillkommnet wurde; er hatte dort unter den englischen Askari eine Anzahl guter Bekannter getroffen. Der Feind lehnte aber trotz aller Freundlichkeit die Übergabe ab. Für uns war die Lage infolge großer Erschöpfung und Mangels an Verpflegung kritisch. Wenn überhaupt etwas unternommen werden sollte, mußte sofort gehandelt werden. Glücklicherweise hielt der Feind in seinen Verschanzungen unserem Maschinengewehrfeuer und dem unmittelbar darauf ansetzenden Ansturm nicht stand, er wurde aufgerieben und ein großer Teil seiner fliehenden Leute zerschellte beim Herabstürzen von den steilen Felsen. Bei der Beute befand sich außer reichlicher Verpflegung auch Bekleidung und wertvolles Zeltgerät. Das Zusammengehörigkeitsgefühl, das unsere Askari uns Deutschen gegenüber empfanden und das durch die zahlreichen gemeinsamen Unternehmungen mächtig entwickelt wurde, führte bei dieser Gelegenheit zu einer eigenartigen Szene. Nach der nächtlichen Ersteigung des Kasigao, die über Felsklippen und Dorngestrüpp ging, bemerkte ein Askari, daß Oberleutnant v. Ruckteschell sich das Gesicht blutig gerissen hatte. Sogleich nahm er seinen Strumpf, den er wohl 6 Tage nicht gewechselt hatte, und wischte damit seinem „Bwana Oberleutnant“ das Gesicht ab. Dessen etwas erstaunter Frage kam er mit den Worten zuvor: „Das ist Kriegssitte, so etwas tut man nur seinen Freunden.“
Ich hatte mich, um mich selbst über die Verhältnisse an Ort und Stelle zu orientieren und die Unternehmungen gegen den Kasigao zu beschleunigen, mit der Bahn nach Same, von dort im Auto nach der Mission Gonja und dann mit dem Fahrrad oder zu Fuß in Richtung auf den Kasigao an die deutsche Grenze begeben, wo eine Kompagnie an einer Wasserstelle lagerte. Die Verbindung durch Heliograph und durch Boten von dort zum Kasigao funktionierte leidlich, und so konnte der am Kasigao errungene Vorteil festgehalten werden. Es wurden sofort Truppen nachgeschoben, so daß der Kasigao bis zum Eintreffen der Südafrikaner durch mehrere Kompagnien besetzt blieb. Der Nachschub dorthin gestaltete sich allerdings recht schwierig; das deutsche Grenzgebiet westlich des Kasigao war an sich zwar reich, konnte aber doch der Verpflegung einer so großen Truppenmasse, deren Kopfstärke mit Trägern etwa 1000 Mann betrug, auf die Dauer nicht genügen.
Ich fuhr dann mit dem Auto um die Süd-Pareberge herum auf einer seinerzeit im Frieden angelegten Kunststraße. Der Bau dieser Straße war mit Rücksicht auf die Kosten liegen gelassen worden, und die Haufen Kleinschlag lagen seit Jahren unbenutzt an der Seite des Weges. Die Wasserdurchlässe — in Röhren unter der Oberfläche der Straße bestehend — waren zum großen Teil gut brauchbar. Es bedurfte geringer Arbeit, um diese Straße für den Nachschub vermittels eines Lastautos in Stand zu setzen. Von der Nordbahn bei Buiko ging dieser mit Auto bis Gonja und von dort weiter zum Kasigao mit Trägern. Die Telephonleitung bis zur Grenze war bereits im Bau und wurde nach wenigen Tagen fertiggestellt.
Vom Kasigao aus vorgehende Patrouillen hatten dann mehrfache Zusammenstöße mit feindlichen Abteilungen und führten auch Störungen der Ugandabahn durch. Bei dem wild zerklüfteten und mit Dornbusch dicht bewachsenen Gelände waren indes die Bewegungsschwierigkeiten so groß, daß der Kasigao als Rückhalt für Patrouillenunternehmungen bis zum Eintreffen der Südafrikaner nicht voll zur Geltung gekommen war. Aber durch die stete Bedrohung der Bahn war der Feind wenigstens zu umfassenden Sicherungsmaßnahmen veranlaßt worden. Längs der Bahn waren breite Schutzstreifen freigeschlagen und nach außen durch dichte Dornverhaue abgesperrt worden. Dann waren alle paar Kilometer feste, mit Hindernissen versehene Blockhäuser oder Verschanzungen angelegt, von denen aus Wachen ständig den Bahnkörper absuchen mußten. Bereitschaften von Kompagniestärke und mehr wurden beweglich gehalten, um sofort, wenn von einer Stelle die Gefährdung des Bahnkörpers gemeldet wurde, mit Extrazug zum Schutz heranzufahren. Außerdem waren Sicherungsabteilungen nach uns zu vorgeschoben, von denen aus versucht wurde, unsere Patrouillen bei der Rückkehr von der Bahn abzuschneiden, sobald Späher oder auf den Höhen aufgestellte Beobachtungsposten Meldung erstatteten. Auf den Höhen südöstlich des Kasigao bis zur Küste hin und weiter in dem Ansiedlungsgebiet der Küste wurden gleichfalls englische Lager festgestellt. Auch gegen sie richteten sich die Unternehmungen unserer Patrouillen und Streifabteilungen. Immer wieder wurde versucht, den Feind zu schädigen, zu Schutzmaßregeln zu veranlassen und auf diese Weise seine Kräfte hier im Gebiet der Ugandabahn zu fesseln.
Waren so von der Küste aus bis Mbujuni (an der Straße Taveta-Voi) Stützpunkte für unsere Kampfpatrouillen geschaffen worden, so wurde auch weiter nördlich im gleichen Sinne gearbeitet. Das feindliche Lager bei Mzima, am oberen Tsavoflusse, und dessen am Tsavofluß entlangführende rückwärtige Verbindung waren andauernd Objekte für unsere Unternehmungen, auch mit größeren Abteilungen. Hauptmann Augar war bei einer solchen Unternehmung mit seiner 13. Kompagnie südwestlich des Mzima-Lagers im dichten Busch durch drei feindliche Europäer-Kompagnien des neu eingetroffenen 2. Rhodesischen Regiments überrascht worden. Der Feind kam von verschiedenen Seiten, doch fehlte ihm, im Buschkrieg noch wenig bewandert, die nötige Einheitlichkeit im Handeln. So glückte es unserer Askari-Kompagnie, erst einen Teil des Feindes zu werfen und dann schnell entschlossen auch den anderen Teil zu schlagen, der im Rücken erschienen war.
Auch weiter nördlich spielten sich für uns günstige Buschgefechte ab, in denen wir in Kompagniestärke auftraten und dem Feinde, der häufig überlegen war, empfindliche Verluste beibrachten. Nördlich des Engare Len hat besonders die aus Lindi herangezogene 3. Feldkompagnie recht energisch gearbeitet und ihre Kampfpatrouillen bis zur Ugandabahn vorgetrieben. Schon der Umstand, daß wir jetzt mitten in der verpflegungslosen und vielfach wasserarmen Steppe Streifzüge in Stärke von Kompagnien und mehr ausführen konnten, zeigt, daß die Truppe in dieser Art des Kleinkrieges gewaltige Fortschritte gemacht hatte. Der Europäer hatte gelernt, daß vieles, was für Reisen in tropischen Gebieten recht erwünscht ist, im Kriege auf Patrouillengängen eben fortfallen muß und daß man sich zur Not auch eine Weile mit einer einzigen Traglast behelfen kann.