Die Patrouillen mußten den verräterischen Lagerrauch vermeiden und nach Möglichkeit schon fertiges Essen mitnehmen. Mußte aber abgekocht werden, so war dies in den Morgen- und Abendstunden besonders gefährlich. Der Führer mußte sich dann ein dem Einblick entzogenes Versteck aussuchen und auf alle Fälle nach dem Abkochen den Lagerplatz wechseln, ehe er zur Ruhe überging. Ein voller hygienischer Schutz war bei den Strapazen einer Patrouille nicht möglich. Regelmäßig traten daher nach der Rückkehr eine Anzahl Malariafälle bei den Teilnehmern auf. Da aber der Patrouillendienst trotz ständiger Schädigung des Feindes verhältnismäßig wenig Leute erforderte, brauchte nur ein Teil der Kompagnien in vorderer Linie zu sein. Nach einigen Wochen wurde jede Kompagnie in gesund gelegene Ruhelager zurückgezogen. Europäer und Askari konnten sich von den enormen Strapazen erholen und in Ausbildung und Mannszucht befestigt werden.
Gegen Ende des Jahres 1915 war die Wasserarmut im Lager von Mbujuni so groß und der Verpflegungsnachschub so schwierig geworden, daß nur eine Postierung dort belassen, die Abteilung selbst aber weiter nach Westen in die Gegend des Oldoroboberges zurückgezogen wurde. Das feindliche Lager von Makatau wuchs inzwischen immer mehr an. Ein lebhafter Zugverkehr herrschte dorthin, und man sah deutlich, wie für die Weiterführung des Bahnbaues eine große Schneise in westlicher Richtung geschlagen wurde. Zwar hatten unsere Kampfpatrouillen hier häufig Gelegenheit, dem Feinde bei seinen Arbeiten und bei der Sicherung derselben Verluste beizufügen, aber der Bahnbau schritt doch immer weiter nach Westen vorwärts.
Die Möglichkeit war zu erwägen, daß das Gebiet der Nordbahn bald in die Hände des Feindes fallen könnte. Es mußte also Vorsorge getroffen werden, die Truppenbestände der Nordbahnbezirke rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Das hatte, soweit Schienenwege zur Verfügung standen, keine Schwierigkeit. Der Weitertransport über Land aber erforderte große Vorbereitungen. In Neumoschi und in Mombo lagerten zum großen Teil unsere Bestände an Munition, Bekleidung und Sanitätsmaterial. Es war vorauszusehen, daß die Fabrikanlagen oder Teile derselben über Land nicht würden abtransportiert werden können; sie mußten deshalb so lange wie möglich an Ort und Stelle ausgenutzt und in Betrieb gehalten werden. Den feindlichen Angriff im Norden vorausgesetzt, ergab sich die Richtung unseres Abtransportes im allgemeinen in südlicher Richtung, und nicht nur die Vorbereitungen, sondern auch die Transporte selber mußten ohne Zeitversäumnis, also schon im August 1915, begonnen werden.
In umsichtiger Weise beschaffte daher der Linienkommandant, Leutnant a. D. Kroeber, von den Pflanzungen Feldbahnmaterial und baute bei einer Tagesleistung von etwa 2 km von Mombo aus eine Feldbahnstrecke nach Handeni. Die Trollis wurden ebenfalls von Pflanzungen aufgekauft und nach reiflicher Überlegung dem Handbetrieb der Vorzug vor dem Lokomotivbetrieb gegeben. So gelangten die Bestände aus dem Norden vollzählig und rechtzeitig auf Schienen bis Handeni. Dort setzte, von der Benutzung einiger weniger Wagen abgesehen, in der Hauptsache Trägertransport bis Kimamba an der Zentralbahn ein. Zurückhaltung in den Transporten war jedoch geboten, weil ich trotz aller sichtbaren Vorbereitungen eines feindlichen Angriffs gegen das Kilimandjarogebiet doch mit der Möglichkeit rechnete, daß die Hauptkräfte des Feindes oder wenigstens erhebliche Teile desselben nicht am Kilimandjaro, sondern in der Gegend von Bagamojo-Daressalam eingesetzt werden würden.
Ende 1915 drängte nun der Feind mit seiner Eisenbahnhaubitze immer weiter nach Westen vor, ihm gegenüber verstärkte Major Kraut mit drei Kompagnien und zwei leichten Geschützen seine Stellung auf dem Oldoroboberge. Dieser Berg erhebt sich 12 km östlich Taveta an der Hauptstraße aus der flachen Dornsteppe und beherrscht das Gelände in weitem Umkreise. Seine teilweise in den Fels eingehauenen Verschanzungen mit zahlreichen Scheinanlagen hatten einen fast uneinnehmbaren Stützpunkt geschaffen. Der Nachteil der Stellung lag in dem absoluten Wassermangel. Ein zur Truppe eingezogener Pflanzer, Leutnant d. R. Graf Matuschka, hatte als Kundiger mit der Wünschelrute zwar bei Taveta in der Erschließung vortrefflicher Brunnen Erfolge gehabt, aber am Oldorobo wurde kein Wasser erschlossen, obgleich an den von ihm bezeichneten Stellen über 30 m tief gegraben wurde. Das Wasser mußte daher von Taveta her in kleinen Eselwagen zum Oldorobo gefahren werden und wurde dort in Fässern gesammelt. Dieser Wassertransport war eine außerordentliche Belastung unserer Transportmittel. Merkwürdigerweise kam der Feind nicht darauf, ihn zu stören und dadurch den Oldorobo für uns unhaltbar zu machen. Statt dessen schob er sich, gestützt auf seinen Bahnbau, bis auf 5 km von Osten her an den Berg heran und baute dort stark befestigte Lager. Es war nicht gelungen, ihn daran zu hindern, da wegen Wasser- und Transportschwierigkeiten stärkere Truppenmassen sich nur vorübergehend von Taveta entfernen konnten. Der Feind selbst deckte seinen Wasserbedarf vermittels einer langen Leitung, die von den Quellen der Buraberge ausging. Die Zerstörung des feindlichen Wasserreservoirs durch die Patrouillen des Leutnants d. R. v. Stietencron brachte dem Gegner nur vorübergehende Verlegenheit.
Um diese Zeit zeigten sich auch die ersten Landflugzeuge des Feindes und bewarfen unsere Stellungen am Oldorobo und bei Taveta, später auch Neumoschi selbst mit Bomben. Am 27. Januar 1916 wurde einer dieser Flieger, der vom Oldorobo zurückkehrte, mit Erfolg von unserer vorgeschobenen Infanterie beschossen und stürzte ab. Die Engländer hatten den Eingeborenen mitteilen lassen, daß dies Flugzeug ein neuer „Mungu“ (Gott) wäre; dadurch, daß dieser neue Mungu nun aber abgeschossen und von uns erbeutet wurde, trug er eher zur Hebung als zur Schädigung des deutschen Ansehens bei.
Neunter Abschnitt
Die Nebenkriegsschauplätze. Kleinkrieg zu Wasser und zu Lande bis zur Jahreswende 1915–16
Bei der Verwendung der Hauptkräfte der Truppe im Gebiete der Nordbahn durften die anderen Teile der Kolonie nicht gänzlich entblößt werden. Es war notwendig, im Innern des Landes unbedingt Herr über die Eingeborenen zu bleiben, um den gesteigerten Anforderungen der Trägergestellung, des Anbaues, der Lieferungen und der Arbeiten aller Art nötigenfalls Nachdruck geben zu können. So blieb die 12. Kompagnie in Mahenge und die 2. Kompagnie in Iringa. Beide haben neben ihren sonstigen Aufgaben zugleich als größere Rekrutendepots fungiert, welche zur Auffüllung der in der Front entstandenen Lücken dienten und gleichzeitig Neuaufstellungen ermöglichten.
Die weit entfernten und drahtlich nicht erreichbaren Abteilungsführer an den Grenzen waren richtigerweise bestrebt, dem Feinde zuvorzukommen und ihn auf seinem eigenen Gebiete anzugreifen. Bei dem Mangel an Verbindungen deutscherseits zerfielen diese Kämpfe in eine Reihe von Einzelunternehmungen, die von einander unabhängig waren. Anders beim Feinde; offensichtlich war dieser bestrebt, seine Hauptkampfhandlungen mit den an anderen Stellen der Grenze stattfindenden Nebenunternehmungen in Einklang zu bringen.
Im Oktober 1914, also vor den Gefechten von Tanga, meldete Kapitän Zimmer aus Kigoma, daß an der belgischen Grenze etwa 2000 Mann ständen; Hauptmann Braunschweig aus Muansa, daß am Viktoriasee bei Kisumu gleichfalls ein stärkerer Gegner, bei Kisii etwa 2 Kompagnien sowie weitere Truppen bei Karungu versammelt seien. Nach anderen, von einander unabhängigen Eingeborenenaussagen sind indische Truppen im Oktober in Mombasa gelandet und sodann weiter in Richtung Voi abtransportiert worden. Im Bezirke Bukoba drangen englische Truppen über den Kagera vor, und die Nebenstelle Umbulu meldete den Einmarsch feindlicher Truppen in das Ssonjogebiet. Offenbar waren dies Vorbereitungen für Unternehmungen, die im Einklang mit dem großen, Anfang November 1914 auf Tanga einsetzenden Angriff stehen sollten.