Am 12. Februar ging wiederum ein auf mehrere Regimenter geschätzter europäischer Gegner bis auf 300 m gegen den Oldorobo vor. Das Kommando in Neu-Moschi war in dauernder telephonischer Verbindung mit Major Kraut, hielt nun den günstigen Augenblick für gekommen und gab Befehl zur Feuereröffnung. Die Wirkung unserer Maschinengewehre und unserer 2 leichten Geschütze war als gut gemeldet worden, als das Kommando im Automobil Neu-Moschi verließ, um sich auf das Gefechtsfeld zu begeben. Abteilung Schulz erhielt Befehl, von Taveta aus hinter der Abteilung Kraut, gedeckt gegen das Feuer der feindlichen schweren Artillerie, entlang zu marschieren und den feindlichen rechten (nördlichen) Flügel entscheidend anzugreifen. Die bei Neu-Steglitz stehenden Truppen rückten nach Taveta vor. Es lagen einige wilde Meldungen vor über feindliche Panzerautomobile, die durch die Buschsteppe fahren sollten. Die Phantasie der Farbigen, denen diese Panzerautomobile etwas ganz Neues und Überraschendes waren, hatte die Leute Gespenster sehen lassen. Am Oldorobo angekommen, wurde das Kommando telephonisch orientiert, daß der Feind, der gegen unsere stark verschanzte Front vorgegangen war, mit schweren Verlusten abgewiesen worden war, und daß Abteilung Schulz voll entwickelt gegen seine rechte Flanke vorging. Die zahlreichen in unsere Stellung auf dem Oldorobo einschlagenden Geschosse der englischen Haubitzen taten fast keinen Schaden, obgleich sie recht gut lagen. Dem großen Munitionsaufwande der feindlichen Artillerie gegenüber mußten sich unsere leichten Geschütze darauf beschränken, besonders günstige Ziele auszunützen, nicht nur, weil die Munition knapp war, sondern auch, weil wir keine Schrapnelle hatten. Der Feind ging in Auflösung durch das Pori zurück. Über 60 Europäer wurden durch uns beerdigt. Nach Gefangenenaussagen und nach den erbeuteten Papieren waren drei Regimenter der 2. südafrikanischen Infanteriebrigade im Gefecht gewesen. Es war also den Engländern tatsächlich gelungen, die militärischen Kräfte der südafrikanischen Union für ihre imperialistischen Ziele nutzbar zu machen; nach erbeuteten Papieren scheint die Aussicht auf Pflanzungen und Farmen bei der Anwerbung der Leute als Zugmittel benutzt zu sein. Die plötzliche Erkrankung des zur Übernahme des Oberbefehls in Ostafrika schon auf der Ausreise befindlichen britischen Generals Smith-Dorrien dürfte den Engländern nicht ungelegen gekommen sein; denn die Übertragung des Oberbefehls an einen Südafrikaner, den General Smuts, hat auf die Werbung einen günstigen Einfluß ausgeübt. Die Ausbildung dieser neu geschaffenen Verbände war gering, und es war an dem Verhalten der vielfach sehr jugendlichen Europäer zu erkennen, daß viele noch niemals an einem ernsthaften Kampf teilgenommen hatten. Nach dem Gefecht am Oldorobo beobachteten wir aber, wie der Feind die Lücken in seiner Ausbildung sehr gründlich zu verbessern suchte.

Trotz dem Nachdrücken durch die Abteilung Schulz und mehrfachen Beschießen sich sammelnder feindlicher Abteilungen entkam bei der Schwierigkeit und Unübersichtlichkeit des Geländes der Feind noch in seine befestigten Lager.

Interessant war es, daß in mehreren aufgefundenen Tagebüchern der ausdrückliche Befehl (order) verzeichnet stand, daß keine Gefangenen gemacht werden sollten. Tatsächlich hatte der Feind ja auch keine gemacht, aber es schien doch angezeigt, an den britischen Befehlshaber eine Anfrage zu richten, damit wir unser Verhalten den englischen Gefangenen gegenüber danach einrichten konnten. Es liegt kein Grund vor, die Mitteilung des Brigadegenerals Malleson, daß ein solcher Befehl nicht gegeben sei, in Zweifel zu ziehen; dieser und manche spätere Fälle zeigen aber, was für ein Unsinn in den privaten Tagebüchern steht. Es ist deshalb verkehrt, wenn der Feind deutsche Aufzeichnungen, die in seine Hände fielen, ohne eingehende Prüfung für Ernst nehmen will.

Zu dieser Zeit waren auch die feindlichen Truppen auf dem Longidoberg erheblich verstärkt worden. Dieser Berg, der von dem Feinde wahrscheinlich aus Nachschubschwierigkeiten geräumt worden war, wurde neuerdings wieder von ihm besetzt. Unsere Patrouillen hatten den dicht bewachsenen Felsen mehrfach erstiegen und die feindlichen Lager aus nächster Nähe beobachtet. Wenn es an sich schon schwer ist, Truppenzahlen richtig einzuschätzen, so ist das in dem buschigen Gelände, wo immer nur wenige Leute gleichzeitig zu sehen sind, und wo das Bild sich dauernd ändert, ganz unmöglich. Die Angaben von Eingeborenen waren zu ungenau. Aber allgemein mußte aus der Gesamtlage sowie aus der Steigerung des Nachschubes, der andauernd mit Ochsenwagen zum Longido vom Norden her gebracht wurde, geschlossen werden, daß der Feind sich erheblich verstärkte.

Seine Streifzüge in das Kilimandjarogebiet waren blutig abgewiesen worden. Als eine Eskadron von indischen Lancers zwischen Kilimandjaro und Meruberg hindurch sich nach Süden vorbewegte, wurde sie von einer unserer berittenen Patrouillen unter Oberleutnant Freiherrn von Lyncker sogleich energisch angegriffen. Unsere Askari, die den hohen Wert von Reittieren für unsere Kriegführung begriffen hatten, stürzten sich mit dem Ruf: „Wahindi kamata frasi“ (Es sind Inder, fangt die Pferde) auf den abgesessenen Feind. Dieser war so überrascht durch die Schnelligkeit unserer Leute, daß er in wilder Flucht davonlief und einen Teil seiner Pferde stehenließ. Unter anderem war der brave europäische Führer tot liegengeblieben; es war ihm nicht gelungen, die Kopflosigkeit seiner Leute zu verhindern.

Ich möchte überhaupt betonen, daß in dieser ersten Zeit des Krieges das Verhalten der britischen Berufsoffiziere durchweg ein ritterliches war, und daß die Achtung, die sie uns zollten, voll erwidert wurde. Aber auch unsere Askari gewannen durch ihr braves Verhalten im Gefecht und durch ihre Menschlichkeit die Achtung des Feindes. Der schwerverwundete englische Oberleutnant Barrett fiel am 10. März in die Hände unserer Askari; auf Grund falscher Schilderungen glaubte er, daß seine letzte Minute gekommen sei, und war erstaunt, als unsere Askari, bei denen sich kein Europäer befand, ihn so gut es ging verbanden und zum Arzt trugen. Verwundert äußerte er: „Ihre Askari sind ja Gentlemen.“ Bis zu welchem Maße die Vorstellung der englischen Soldaten irregeleitet war, zeigte mir am 12. Februar ein junger am Oldorobo gefangener Südafrikaner, der fragte, ob er nun erschossen werden würde. Wir lachten ihn natürlich aus. Gewiß kommen in einem langen Kriege Fälle von Roheit und Unmenschlichkeit vor. Das ist aber auf beiden Seiten der Fall und darf nicht, wie es von der englischen Presse geschehen ist, verallgemeinert und zu einer unwürdigen Hetze ausgenutzt werden.

[4] [Skizze IV].

Zweiter Abschnitt
Vorrücken des Feindes und Kampf bei Reata

In jener Zeit wurden nun die ersten feindlichen Späherpatrouillen beobachtet und teilweise auch festgenommen. Es waren dies „Schensi“ (harmlos erscheinende Eingeborene), welche als Zeichen, daß sie das Objekt ihres Auftrages wirklich erreicht hatten, bestimmte Gegenstände, z. B. Teile vom Bahnkörper der Usambarabahn, mitbringen mußten. Das Gesamtbild, das man sich zu machen hatte, zeigte, daß der Feind das Gebiet der Usambarabahn und die Anmarschwege zu derselben eingehend erkundete. Ein Blick auf die Karte lehrt nun folgendes. Ein gleichzeitiges Vordringen des Feindes vom Oldorobo und Longido her in Richtung auf Neu-Moschi mußte den Verlust des wirtschaftlich wertvollen Kilimandjarogebietes zur Folge haben. Wenn wir aber vor einem überlegenen Feind auf unsere Hauptnachschublinie allmählich ausweichen wollten, so führte dies zu einer Bewegung unserer Hauptkräfte längs der Usambarabahn, also fast spitzwinklig zu der Richtung eines vom Oldorobo her erfolgenden Angriffes. Die Gefahr für uns, von dieser unserer Hauptnachschublinie durch den Feind abgeschnitten zu werden, war sehr groß. Ging der Feind nördlich des Djipesees vor, so war er in seiner Bewegungsfreiheit beschränkt durch den Kilimandjaro und das Steilmassiv des Nordparegebirges. Es ist klar, daß dann sein Vordrücken unmittelbar gegen Kahe für uns am unangenehmsten war und, wenn erfolgreich, unsere rückwärtige Verbindung, die Usambarabahn, durchschnitt. Noch bedenklicher aber war es für uns, wenn der Feind südlich des Djipesees durch das Tal vordrückte, welches zwischen Nordpare und Mittelpare südlich Lembeni an die Nordbahn heranführte. Schließlich konnte er auch zwischen Mittelpare und Südpare durch das Tal bei Same die Bahn erreichen. Beim Anmarsch aus Lembeni und Same konnte der Feind sich schnell und streckenweise ohne Vorbereitungen auf freier Ebene einen brauchbaren Weg für seine Kraftfahrzeuge schaffen und auf diese seine Unternehmungen basieren.

Bei unserer geringen Truppenzahl in der Gegend des Kilimandjaro — etwa 4000 Gewehre — war es unmöglich, die Streitkräfte zur Sicherung gegen diese verschiedenen Anmarschmöglichkeiten zu zersplittern. Schon aus rein defensiven Gründen mußten wir die Kräfte zusammenhalten und dicht am Feinde bleiben, um ihn dort festzuhalten, wo wir waren, und hierdurch seine Bewegungen zu überwachen. Ob es glücken würde, die beiden aus Richtung Longido und Makatau im Vormarsch gegen das Kilimandjarogebiet zu erwartenden Hauptgruppen des Feindes, deren jede allein uns erheblich überlegen war, nacheinander einzeln zu schlagen, war von Anfang an sehr fraglich. Eine Aussicht hierzu bot sich nur, wenn unsere Truppen blitzartig erst gegen die eine und dann ebenso schnell gegen die andere feindliche Gruppe bewegt werden konnten. Die Vorbereitungen hierzu wurden getroffen, und auf Grund persönlicher Erkundung wurden eine Anzahl Kolonnenwege, die mit Namen und Bezeichnungen versehen waren, in dem zerklüfteten Waldgelände nördlich der großen Straße festgelegt, die von Neu-Moschi nach Westen führt. Zur Benutzung dieser Wege in größerem Umfange ist es nicht gekommen. Man durfte sich eben nicht scheuen, eine Sache neunundneunzigmal vergeblich zu versuchen, wenn das hundertste Mal Aussicht auf Gelingen bot. Mit der Befolgung dieses Grundsatzes sind wir nicht schlecht gefahren.