Die Tätigkeit des Feindes steigerte sich, und der Gegner zeigte bei den vielen kleinen Zusammenstößen eine gute Ausbildung. Er hatte auch zahlreiche neue Askaritruppenteile aufgestellt, die sich zum großen Teil aus den begabten Stämmen des Njassagebietes rekrutierten. Das dem Kilimandjaro nach Nordwesten zu vorgelagerte und nur spärlich mit Busch bestandene Steppengebiet war seiner großen Übersichtlichkeit wegen zu überraschenden Offensivunternehmungen für uns nicht günstig; mehr Aussicht hierzu bot das dichte Buschgelände zwischen Kilimandjaro und Meru selbst, das der Gegner, der vom Longido kam, voraussichtlich durchschreiten würde. Hier wurde nun eine aus fünf ausgesuchten Askarikompagnien bestehende Abteilung von rund 1000 Gewehren versammelt. Bei der Unübersichtlichkeit des Geländes glückte es aber dieser Abteilung nicht, eine der zahlreichen Anfang März nach Süden vordrückenden feindlichen Kolonnen entscheidend zu fassen. Auch für den Gegner war die Schwierigkeit, sich zu orientieren, groß, und erst durch einen indischen Meldereiter, der eine Meldung statt zu seiner eigenen Truppe versehentlich zu uns brachte, erfuhren wir, daß sich hier die erste ostafrikanische Division unter General Steward befand. Da diese Zusammenstöße sich in der Gegend von Geraragua und südwestlich davon abspielten, war es für ein Eingreifen mit unseren bei Neu-Steglitz und Himo stehenden Reserven zu weit (Geraragua-Neu-Moschi etwa zwei Tagemärsche). Ehe dieser Moment eintrat, drückte der Feind auch von Osten her vor. Die Flugrichtung der feindlichen Flieger zeigte das augenscheinliche Interesse des Gegners für die Gegenden ein bis zwei Stunden nördlich von Taveta. Man mußte auf den Gedanken kommen, daß der Feind aus seinen östlich Oldorobo gelegenen Lagern sich nicht ein zweites Mal an diesem Berge blutige Köpfe holen wollte, sondern beabsichtigte, diese Stellung nördlich zu umgehen und das Wasser des Lumiflusses, eine Stunde nördlich von Taveta, zu erreichen. Am 8. März wurden vom Oldorobo aus mächtige Staubwolken beobachtet, die sich vom feindlichen Lager aus in der angegebenen Richtung bewegten. Auch wurden zahlreiche Automobile festgestellt. Vom Ost-Kitovo aus, einem 6 km westlich Taveta gelegenen Berge, beobachtete auch das Kommando diese Bewegungen. Unsere Kampfpatrouillen, die Gelegenheit hatten, die feindlichen Kolonnen mit Erfolg zu beschießen und auch eine Anzahl Gefangene zu machen, stellten einwandfrei fest, daß an dieser Stelle die feindlichen Hauptkräfte anrückten und General Smuts anwesend war.

Noch am Nachmittag des 8. 3. beobachtete das Kommando starke feindliche Kolonnen von Europäern am Dzhallasee, die von dort in breit ausgedehnter Schützenlinie ein Stück in Richtung auf den Ostkitovo vorgingen. Bei dem Mangel an Artillerie mußten wir an diesem Tage und häufig auch noch später ruhig mit ansehen, daß der Feind in nicht zu großer Entfernung vor unserer Front wenig geschickte Bewegungen ungestraft ausführen durfte. Es war aber klar, daß diese umfassende Bewegung des Feindes die Stellung am Oldorobo, der wir im Verlaufe des Krieges eine Anzahl glücklicher Gefechte verdankten, nunmehr unhaltbar machte. Ich beschloß, die Truppen auf den Bergen, die westlich von Taveta die Lücke zwischen dem Nordparegebirge und dem Kilimandjaro sperrten, zu neuem Widerstand zu entwickeln. Abteilung Kraut erhielt telephonisch Befehl, am Wege, der von Taveta nach Neu-Steglitz führte, auf den Reata-Latema-Bergen Aufstellung zu nehmen. Nordwestlich des Latema-Berges, an der Straße, die von Taveta nach Himo führt, besetzte Abteilung Schulz die Berge von Nordkitovo und sicherte den Abmarsch der Abteilung Kraut. Diese Bewegungen wurden in der Nacht ungestört vom Feind ausgeführt. Auf unserem äußersten linken Flügel, an den Südosthängen des Kilimandjaro, sperrte die Kompagnie des Hauptmann Stemmermann die Straße, die von Mission Rombo nach Himo und Neumoschi führte. Mission Rombo wurde vom Feinde besetzt. Ein Teil der Eingeborenen machte kein Hehl daraus, daß sie nunmehr Leute der Engländer wären. Hierdurch wächst die Wahrscheinlichkeit dafür, daß in dieser Gegend schon seit langem englische Spionage und Beeinflussung der Eingeborenen tätig waren und daß die oft am Ostabhange des Kilimandjaro beobachteten Lichtsignale hiermit in Zusammenhang standen.

Die von uns eingenommene Bergstellung war durch das Gelände sehr begünstigt, hatte aber doch den großen Nachteil, daß unsere paar tausend Askari viel zu wenig waren, um die etwa 20 km breite Front wirklich zu füllen. Es konnten nur einige Punkte der vorderen Linie besetzt werden; die Hauptmasse der Truppe wurde bei Himo zur Verfügung gehalten, um sie, je nachdem sich die Lage entwickelte, einzusetzen. Es war eine Zeit großer Spannung. Vor uns hatten wir den weit überlegenen Feind, hinter uns, aus Richtung Longido nach Süden vordrückend, einen gleichfalls überlegenen Gegner, und unsere rückwärtige Verbindung, die zugleich unser Abmarschweg war, wurde, wie oben geschildert, in so empfindlicher Weise vom Feinde bedroht. Mit Rücksicht auf das Gelände, unsere Bekanntschaft mit diesem und in Anbetracht der augenscheinlich nicht allzu gewandten taktischen Führung des Feindes hielt ich es aber nicht für aussichtslos, diesen mindestens in einem seiner Teile gründlich zu schlagen. Die Stellungen der Linie Reata-Nordkitovo sollten deshalb zu zähem Widerstand ausgebaut werden. Von Tanga wurde eines der dort montierten Königsberggeschütze mit der Bahn heranbefördert. Mit Recht wird der Leser fragen, warum dies nicht längst geschehen war. Aber das Geschütz war ohne Räder und schoß von feststehendem Pivot aus, war also sehr unbeweglich. Es ist daher erklärlich, daß sein Einsatz so lange hinausgezogen wurde, bis über die Stelle kein Zweifel mehr bestand.

Die Lage entwickelte sich nun so schnell, daß das Geschütz gegen Taveta nicht mehr eingesetzt werden konnte. Es ist daher an der Bahn bei Kahe, am südlichen Ufer des Panganiflusses aufgebaut worden, von wo es später in den Gefechten von Kahe ausgezeichnet gewirkt hat.

Verpflegung bringende Eingeborene


GRÖSSERES BILD

Am 10. März erkundete der Feind gegen unsere gesamte Front. Berittene Abteilungen von etwa 50 Mann ritten heran, saßen dann ab und gingen in weit ausgedehnter Schützenlinie, die Pferde am Zügel, weiter vor, bis sie Feuer erhielten. Dies war ihr Zweck. Das Feuer verriet ihnen unsere Stellungen, wenn auch unvollkommen. Uns bot diese Art der Erkundung Gelegenheit zu Teilerfolgen, die dem Feind eine Anzahl Menschen kostete und uns einige 20 Pferde einbrachten. Von unserem Berge von Nordkitovo aus beobachteten wir genau, wie Teile unserer Schützenlinien, schwache Momente beim Gegner erkennend, rasch vorgingen und die feindlichen Erkundungsabteilungen von mehreren Seiten unter Feuer nahmen. Mir schien der Kräfteeinsatz dieser feindlichen Unternehmungen zu groß, um sie nur mit einer Erkundungsabsicht zu erklären; es machte mir den Eindruck, daß es sich um ernsthafte, aber etwas verunglückte Angriffsbewegungen handelte. Über die Richtung des weiteren feindlichen Hauptangriffes konnte noch keine Klarheit gewonnen werden. Eine Umfassung unseres linken (nördlichen) Flügels bot für den Feind sehr viel weniger taktische Schwierigkeiten, beraubte ihn aber des wirksamen Druckes auf unsere rückwärtigen Verbindungen. Die für uns unangenehmste Richtung von Taveta über Reata gegen Kahe bedingte für den Feind einen schweren und auch bei großer Überlegenheit wenig Erfolg versprechenden Frontalangriff gegen die befestigten Höhen von Reata und Latema. Es schien mir angezeigt, hinter der Abteilung des Majors Kraut, die auf der Höhe von Reata-Latema lag, den Hauptmann Koehl mit zwei Kompagnien so dicht heranzuschieben, daß er zum schnellen Eingreifen auch ohne Befehl in der Lage war. Die telephonische Verbindung mit unseren Abteilungen war für den Augenblick sichergestellt. Man mußte aber damit rechnen, daß sie zum mindesten sehr erschwert wurde, sobald eine Abteilung sich von den augenblicklichen Drahtlinien entfernte. Material zu schnellem Bau eines Kabels, das den Bewegungen hätte folgen können, war nicht verfügbar. Ebenso fehlte es uns an leichten Funkenstationen, durch die später die Engländer mit Erfolg die Bewegungen ihrer Kolonnen im Busch regelten.

Am 11. März früh erschien wieder ein Flugzeug über Neumoschi und warf einige Bomben. Ich sprach gerade mit einem alten Buren über das Gefecht vom 12. Februar und daß es von den Engländern doch unverantwortlich sei, eine solche Menge junger und in den Tropen ganz unerfahrener Leute den Einflüssen unseres Klimas und des Tropenkrieges so rücksichtslos auszusetzen. Von Reata her meldete Major Kraut, daß sich starke feindliche Truppen von Taveta her auf seine Stellungen zu bewegten. Bald erfolgte auch ein kräftiger feindlicher Angriff von mehreren tausend Mann gegen unsere in ihrer Stellung eingenisteten 3 Kompagnien. Unsere 3 leichten Geschütze konnten den Geschützkampf gegen die schwere Artillerie natürlich nicht aufnehmen und mußten sich wie bei dem Gefecht am Oldorobo darauf beschränken, mit ihren wenigen Granaten die günstigen Momente gegen feindliche dichtere Truppenmassen auszunutzen. Ich hielt den Angriff in dem mir bekannten schwierigen Gelände für wenig aussichtsvoll, doch wurden die zwei hinter der Abteilung des Majors Kraut zur Verfügung stehenden Kompagnien des Hauptmanns Koehl zum Angriff angesetzt. Hauptmann Koehl, der ursprünglich einen der Lage entsprechenden und entscheidenden Flankenstoß gegen den Feind beabsichtigt hatte, mußte sich in dem unbekannten und dichten Busch von dessen Unausführbarkeit überzeugen. Zeit und Ort und damit die Wirksamkeit seines Angriffes hätten ganz dem Zufall überlassen werden müssen. Richtigerweise marschierte er deshalb an Major Kraut zu dessen unmittelbarer Unterstützung heran. Auf Grund meiner Beobachtung von Nordkitovo aus und nach den einlaufenden Meldungen gewann ich das Bild, daß der Feind unsere Front von Reata bis Kitovo beschäftigen wollte, seine entscheidende Bewegung aber um unseren linken Flügel ausholte. Dorthin bewegten sich zunächst große Reitermassen, die auf den Höhen und Schluchten des südöstlichen Kilimandjaroabhanges abwechselnd sichtbar wurden und wieder verschwanden. Die 11. Kompagnie, Hauptmann Stemmermann, die sich oberhalb dieser Reiter am Hange befand, verhinderte, daß der Feind diesen erstieg. Im Laufe des Nachmittags hatte sich die Spitze der Reiter durch die dichten Bananenpflanzungen bis in die Gegend von Marangu vorgearbeitet. Anscheinend waren die Reiter sehr erschöpft. Es wurde beobachtet, daß sie sich zum Teil mit den vorgefundenen unreifen Bananen verpflegten.

Im Laufe des Nachmittags wurde es klar, daß ein starker Frontalangriff des Feindes sich gegen die Abteilung Kraut auf dem Reata- und Latemaberg richtete. Die eingehenden telephonischen Meldungen lauteten aber günstig: der Feind hatte augenscheinlich schwere Verluste; Hunderte von Tragbahren waren bei ihm zum Abtransport Verwundeter in Tätigkeit. Abends waren alle Angriffe des Feindes gegen unsere Front mit schweren Verlusten für ihn abgeschlagen. Bei Dunkelheit hatten die beiden Kompagnien der Abteilung Koehl energisch nachgedrückt und den sich von neuem setzenden Feind unter Maschinengewehrfeuer genommen. Ich hatte mich abends nach Himo zurückbegeben und war gegen 11 Uhr damit beschäftigt, den Befehl zum Angriff auf die bei Marangu festgestellten feindlichen Reiter in der Morgenfrühe des 12. März auszugeben. Da telephonierte Leutnant Sternheim, der Führer der Geschütze der Abteilung Kraut, daß der Feind in der Nacht noch einmal angegriffen habe und mit starken Massen in die Stellung bei Reata eingedrungen sei. Die Meldung ließ es als wahrscheinlich erscheinen, daß dieser starke Feind von Reata nun weiter in der Richtung auf Kahe drücken und uns von unserer Verbindung abschneiden würde. Dieses Risiko zu übernehmen und trotzdem den Angriff auf den Feind bei Marangu durchzuführen, erschien mir zu bedenklich. Ich gab daher Befehl zum Abmarsch der bei Kitovo und Himo stehenden Truppen noch während der Nacht an die Straße Kahe-Reata. Als Sicherung sollte in Himo die Kompagnie Stemmermann verbleiben. Der befohlene Abmarsch der Truppe mußte die unangenehme Folge haben, daß im günstigsten Falle für Stunden jede Verbindung des Kommandos mit den einzelnen Truppenteilen aufhörte. Wer diese Nachtmärsche im dichten Busch kennt, der weiß, wie leicht außerdem Teile ganz abreißen und dann auf absehbare Zeit überhaupt nicht wieder zu erreichen sind. Glücklicherweise war mir das Gelände wenigstens einigermaßen bekannt, als wir querfeldein auf die neue Straße herüberrückten und hierbei andauernd lebhaftes Feuer auf den Reata- und Latemabergen hörten. Einige Versprengte, die sich im Busch verlaufen hatten, kamen uns entgegen; unserer Angabe, daß wir Deutsche wären, glaubten sie nicht und verschwanden wieder. An der neuen Straße angekommen, trafen wir auf den Verbandplatz. Auch hier waren die Angaben der vielen Verwundeten so widersprechend und unklar, daß man nur den Eindruck eines sehr heftigen Nahkampfes im Busch hatte, aber über dessen eigentlichen Zusammenhang und Verlauf man nichts erfuhr. Allmählich gelang es, telephonische Verbindung mit Major Kraut zu erhalten. Dieser befand sich mit einem Teil seiner Abteilung am Südwesthange des Reataberges an der Straße Kahe-Taveta. Das Feuer auf den Höhen war allmählich verstummt, und seine Patrouillen hatten auf dem Reataberge nichts mehr vom Feinde gefunden. In der Morgenfrühe des 12. fand Major Kraut auf den Bergen einen Teil seiner Abteilung in den alten Stellungen wieder; der Feind war nach Taveta zurückgegangen.