Als ich gegen 6 Uhr früh auf dem Reataberge eintraf, wurde die zahlreich vorhandene Beute gesammelt. Das Durcheinander des nächtlichen Nahkampfes im Busch war sehr groß gewesen. Englische Gefallene, die weit hinter der Front der Abteilung Kraut im Busch lagen, zeigten an, wie weit einzelne Abteilungen des Feindes geraten waren. Feindliche Einzelschützen, die versteckt in den Felsen eingenistet waren, unterhielten ein gutgezieltes Feuer und waren nicht auszumachen. Es war klar, daß der feindliche Angriff mit schweren Verlusten für den Gegner abgewiesen worden war. Der Abtransport der eigenen und feindlichen Verwundeten ging glatt vonstatten, ebenso der der Gefangenen. Mit den aus der Gegend von Himo an die Straße Kahe-Reata durch dichten Busch heranrückenden Abteilungen bestand keine Verbindung, und es war nicht zu erwarten, daß diese vor Ablauf mehrerer Stunden hergestellt werden würde.
Bei dieser Lage war es zu bedauern, daß ich die Truppen unseres linken Flügels, die in der Gegend Kitovo-Himo gestanden hatten, an die Straße Kahe-Reata herangezogen hatte. Bei der Preisgabe der Höhen unseres linken Flügels war die Stellung von Reata auf die Dauer nicht zu halten, um so weniger, als unsere Stellung kein Wasser hatte, das eine Stunde weit von rückwärts herangebracht werden mußte. Um die in Marsch befindlichen Abteilungen des linken Flügels wieder abzudrehen und von neuem in die Gegend von Himo und Kitovo in Marsch zu setzen, dazu fehlte in diesem Augenblick die Verbindung, und es war, wie erwähnt, anzunehmen, daß sie nicht vor Ablauf von Stunden erreicht werden würde. Ich beschloß deshalb, die Stellung von Reata zu räumen, und ging nach Aufräumung des Gefechtsfeldes mit der am weitesten nach dem Feinde zu gelegenen Gefechtslinie bis an das südwestlich des Reataberges gelegene Wasser zurück. Im Laufe des Tages trafen dahinter die anderen Abteilungen an verschiedenen Punkten der Straße Kahe-Reata ein und bezogen Lager.
Das Kommando begab sich zur Pflanzung Neu-Steglitz. Das Pflanzungsgebäude liegt auf halbem Wege zwischen Kahe und Reata, auf einer kleinen Höhe, die einen weiten Überblick über den gerade an der Straße Kahe-Reata besonders dichten Wald gewährt. Auf dem Wege traf ich den Kapitän Schoenfeld, der mich von der Aufstellung seines 10,5 cm-Königsberggeschützes bei Dorf Kahe, am Südufer des Panganiflusses, unterrichtete. Der Feind besetzte nach unserem Abzug den Reataberg und schoß eine Weile mit Gewehren und leichten Geschützen ins Blaue hinein.
In den nächsten Tagen wurde der Vormarsch starker feindlicher Abteilungen von Taveta her nach Himo und das Aufschlagen großer Lager dort beobachtet. Gegen einen vorgelagerten, von uns nicht besetzten Berg, den kleinen Himo, entwickelte sich von Osten her über die dort ganz freie Ebene ein starker feindlicher Angriff, der nach langer und lebhafter Beschießung der leeren Höhe mit ihrer Inbesitznahme durch den Feind endete. Leider war es uns nicht möglich, mit raschen Truppenverschiebungen diesem Angriff aus unserem dichten Busch her schnell genug beizukommen. Vom kleinen Himo her beschoß leichte feindliche Artillerie häufiger unser Pflanzungsgebäude in Neu-Steglitz. In den wenigen Räumen dieses Gebäudes hatte ich vor Wochen nach erfolgreicher Büffeljagd eine gastliche Stunde verlebt. Der damalige eingeborene Jagdführer war zu den Engländern übergelaufen. Jetzt lag hier recht eng der Stab des Kommandos und seine Fernsprechzentrale. Ich selbst war so glücklich, mit Hilfe einer Chaiselongue und der Decke des Eßtisches ein leidlich bequemes Lager zu finden. Fernsprüche und Meldungen kamen ohne Unterbrechung Tag und Nacht; sie störten uns aber nicht dabei, uns wenigstens die materielle Seite des Daseins leidlich behaglich zu gestalten. Wir hatten ein Dach über uns, hatten auch die Benutzung einer europäisch ausgestatteten Küche und führten unsere gemeinsame Messe wie bisher in Neu-Moschi. Die eigenartigen ostafrikanischen Verhältnisse bedingen es, daß der Europäer dort eine nach europäischen Begriffen zahlreiche Bedienung hat. Auch jetzt im Felde hatte fast jeder zwei eingeborene Boys, die das mitgeführte Kochgerät und die Verpflegung verwalteten, vorzüglich kochten, Brot buken, wuschen und auch dem Leben im Busch einen großen Teil der Behaglichkeit verliehen, die man in Europa nur in Wohnhäusern vorfindet. Ich habe diese Erleichterungen des Daseins mitten im Busch so wenig wie möglich eingeschränkt mit Rücksicht auf Kräfte, Gesundheit und Stimmung der Europäer. Wenn der Stab des Kommandos trotzdem mehrfach Gebäude vorzog, so geschah dies weniger aus Gründen der Bequemlichkeit, als zur Erleichterung des nun einmal notwendigen Schreib- und Zeichenwesens.
Hier auf der Pflanzung Neu-Steglitz erreichte uns die überraschende Nachricht, daß ein zweites Hilfsschiff mit Waffen, Munition — dabei auch mehrere tausend Schuß für die nunmehr an Land verwandten 10,5 cm-Königsberggeschütze — und anderem Kriegsmaterial für uns im Schutzgebiet angelangt war. Das Schiff war im äußersten Süden unserer Küste in die Ssudibucht eingelaufen und hatte sofort begonnen, seine Vorräte an Land zu schaffen. Trotz der großen Entfernung und der ausschließlichen Verwendung von Trägern als Transportmittel ist die Ladung für die Truppe in vollem Umfange nutzbar gemacht worden. Dieses Ergebnis war bei den vielen feindlichen Schiffen, die unsere Küste blockierten und absuchten, und denen das Einlaufen unseres Hilfsschiffes bekannt war, erstaunlich. Aber auch den Engländern wird unser Schiff Anlaß zum Erstaunen gegeben haben. Nachdem die Ladung gelöscht war, lief es wieder aus und war zur nicht geringen Überraschung des Feindes verschwunden. Wenn bei den auch in England vorkommenden Neckereien zwischen Marine und Landtruppen den letzteren vorgeworfen wurde, daß sie nicht mit uns fertig würden, so wurde die Marine mit dem berechtigten Hinweise zum Schweigen gebracht, daß sie den Deutschen nicht soviel Zufuhr an Waffen und Munition hätte gestatten sollen.
Die Bestände des Hilfsschiffes gingen nun in der Hauptsache über Land zur Zentralbahn und wurden an dieser oder in deren Nähe zur Verfügung des Kommandos gestapelt. Bei unserem Mangel an geeigneter Artillerie war es besonders willkommen, die mit dem Schiff gelandeten 4 Feldhaubitzen und 2 Gebirgsgeschütze schnell heranziehen zu können.
Das Hilfsschiff hatte auch Kriegsauszeichnungen mitgebracht: ein Eisernes Kreuz 1. Klasse für den Kommandanten der „Königsberg“ und so viel 2. Klasse, daß die Hälfte ihrer Besatzung dekoriert werden konnte. Für die Schutztruppe kam ein Eisernes Kreuz 1. und eins 2. Klasse, die für mich bestimmt waren, außerdem eine Anzahl Auszeichnungen für Askari; für die Europäer traf erst im September 1916 funkentelegraphisch die Nachricht ein, daß die Dekorationsvorschläge des Kommandos genehmigt seien.
Dritter Abschnitt
Zurückweichen vor übermächtiger, feindlicher Bedrängung
In unserem Rücken war Major Fischer mit seinen zwischen dem Kilimandjaro und Meru verwandten fünf Kompagnien vor der feindlichen Übermacht nach Neu-Moschi ausgewichen und nach Kahe herangezogen worden. Der ihm unterstellt gewesene Hauptmann Rothert war vor stark nachdrängenden Truppen mit seiner Kompagnie und der etwa gleichfalls kompagniestarken Abteilung Aruscha über Aruscha in der Richtung aus Kondoa-Irangi ausgewichen. Verbindung mit ihm war erst nach längerer Zeit über den Draht, der von Dodoma-Kondoa-Irangi nach Umbulu gebaut war, zu erwarten. Unsere Preisgabe von Neu-Moschi gab notgedrungen die Straße Taveta-Neu-Moschi-Aruscha dem Feinde frei. Dieser hatte somit die Möglichkeit, auch mit seinen von Taveta kommenden Truppen über Aruscha-Kondoa-Irangi in das Innere der Kolonie einzudringen und unser Nachschubwesen hier an einer äußerst empfindlichen Stelle zu treffen. Von uns, die wir in der Gegend von Kahe und Neu-Steglitz versammelt waren, hatte er hierbei nicht allzuviel zu befürchten. Gefährlich konnten wir ihm nur durch Angriff werden. Wenn wir nun auch alle Kompagnien von Tanga herangezogen und nur die unumgänglich nötigen Sicherungen dort zurückgelassen hatten, so konnten wir mit unseren 4000 Gewehren zwar den Feind im geeigneten Gelände anlaufen lassen, auch wohl, wenn er Fehler machte, diese durch geschicktes und schnelles Handeln ausnutzen, aber für mehr war das Kräfteverhältnis von 1 : 7 doch zu ungünstig. Von einem Angriff, der den nicht nur zahlenmäßig, sondern auch an Bewaffnung stark überlegenen Feind noch dazu in befestigten Stellungen vorfinden würde, konnte ich mir keinen Erfolg versprechen. Den Bitten mehrerer Kompagnieführer, anzugreifen, habe ich deshalb nicht nachgegeben. Aber dieser Ausdruck kühnen Soldatengeistes hat mich in der schwierigen Lage, in der wir uns befanden, gestärkt und gehoben. Kleinere Unternehmungen, die wir mit Patrouillen und einzelnen Abteilungen gegen die feindlichen Lager unternahmen, verliefen bedeutungslos, haben aber vielleicht dazu beigetragen, daß der Feind uns mit seinen Hauptkräften beachtete und nicht einfach an uns vorbeimarschierte. Von Himo schob er sich zwar weiter nach Westen vor, und es wurden auch starke Staubwolken beobachtet, die bis nach Neu-Moschi und weiter darüber hinaus nach Westen zogen. Ein großer Teil des Feindes bog aber aus der Gegend von Himo auf uns ab. Für den Führer sind solche Lagen außerordentlich spannend: man ist nicht Herr der Lage und muß notgedrungen auf die Initiative verzichten. Nur die allergenaueste Erkundung kann vielleicht eine Schwäche des Gegners enthüllen, und um diese auszunutzen und von neuem die Initiative zu gewinnen, darf keine Minute verloren werden. Glücklicherweise bot aber der Feind Schwächen, die wenigstens teilweise ausgenutzt werden konnten.
Die Fliegererkundung dürfte bei dem dichten Busch und dem mächtigen Hochwald, in deren Schutz sich unsere Lager befanden, dem Feinde kaum etwas genutzt haben. Die von den Fliegern geworfenen Bomben führten bei Kahe nur zu wenigen Verlusten und störten den über diesen Ort gehenden Abtransport unserer Bestände nicht. Um unser Feuer herauszulocken, erschienen wiederum nordwestlich Neu-Steglitz die bekannten englischen Reiter in weit ausgedehnter Schützenlinie. Ihnen gegenüber, im Busch versteckt, waren unsere Kompagnien bereit, sofort zuzufassen, sobald sich größere Abteilungen zeigten. Ein solcher Gegenstoß wurde am Spätnachmittag des 18. März durchgeführt, und zwar mit leidlichem Erfolge. Um das in Frage kommende Gelände gründlich kennenzulernen, waren Europäerpatrouillen andauernd unterwegs, und auch ich benutzte dazu jede verfügbare Minute. Durch das Dickicht wurden Wege geschlagen und bezeichnet. Hierdurch wurde die Möglichkeit geschaffen, klar zu bestimmen, an welchen Punkt man eine Abteilung hinschieben wollte.