Auch an der großen Straße, die von Himo nach Kahe führt, hatte sich ein starker Feind bis vor die Front der Abteilung Stemmermann vorgeschoben, die bei Kahe mit der Front nach Norden an dieser Straße in befestigter Stellung lag. Feindliche Patrouillen kamen recht gewandt in die unmittelbare Nähe der Abteilung und verschleierten zugleich den Feind. Als ich am Nachmittag des 20. März bei der Abteilung Stemmermann eintraf, herrschte keine Klarheit darüber, was vor der Front eigentlich los war. Es war sehr wohl möglich, daß der Feind hier nur demonstrierte, um uns an einer anderen, für uns empfindlicheren Stelle anzufassen. Ein solches Manöver wäre für uns sehr gefährlich gewesen, da es in dem unübersichtlichen Busch erst sehr spät, meist zu spät, bemerkt werden konnte. Ich beschloß, den feindlichen Patrouillenschleier vor unserer Front zurückzuwerfen, bis auf die eigentliche Stellung. Schon vorher wurde bekanntgegeben, daß um 1 Uhr nachts die Kompagnien wieder auf ihre bisherigen Stellungen abrücken sollten; die Maschinengewehre blieben, um nicht verloren zu gehen, und zur Sicherung in unseren Verschanzungen zurück. Es war heller Vollmond, als die Spitzenkompagnie Feuer erhielt, anscheinend durch eine feindliche Wache oder Patrouille, die abzog. Wir stießen noch mit mehreren Patrouillen zusammen, gelangten dann aber etwa 5 Kilometer nördlich unserer eigenen Verschanzungen auf einen stärkeren Gegner mit Maschinengewehren. Das sich nun entwickelnde recht heftige Gefecht zeigte uns, daß wir auf die Hauptstellung des Feindes gestoßen waren; ein Sturm auf diese schien mir aussichtslos. Unter Belassung von Patrouillen baute ich wieder ab. Unter unseren nicht unerheblichen Verlusten befanden sich leider auch drei schwer ersetzbare Kompagnieführer, von denen die Oberleutnants von Stosch und Freiherr Grote nach wenigen Tagen an ihren Wunden starben, während Hauptmann Augar erst nach langer Zeit durch einen künstlichen Fuß wieder zum Dienst verwendbar wurde.

Unser Abbauen, das der Feind wohl für unfreiwillig hielt, hat in ihm anscheinend den Glauben hervorgerufen, uns durch einen energischen Angriff am nächsten Tage über den Haufen werfen zu können. Am 21. März waren die Angriffe starker feindlicher Kräfte gegen die Front der Abteilung Stemmermann bei Kahe erfolglos: sie wurden mit schweren Verlusten für den Feind, der in der Hauptsache aus südafrikanischer Infanterie bestand, zurückgeschlagen. Unser 10,5 cm-Königsberggeschütz, dessen Feuer von erhöhten, Übersicht gewährenden Standpunkten aus geleitet wurde, beschoß den feindlichen Anmarsch mit anscheinend gutem Erfolg. Man darf annehmen, daß von den schweren Verlusten, die die Engländer an südafrikanischen Europäern allein auf mehrere hundert Mann an diesem Tage angaben, ein Teil auch diesem Geschütz zu danken ist. Der Feind erkannte, daß ein erneutes Vorgehen über das 500 Meter breite Schußfeld vor unseren Schützengräben keine Aussicht bot und versuchte, unsere rechte Flanke zu umfassen. Aber auch unser Gegenstoß war durch Erkundungen und Festlegen von Wegen gut vorbereitet und traf am Nachmittag von der Abteilung Schulz aus wirksam in die feindliche Flanke. Der letzte Teil des Vorgehens der Abteilung Schulz war durch den dichten Busch allerdings sehr mühsam gewesen. Die Askari konnten sich nur schrittweise hindurcharbeiten, als sie plötzlich die feindlichen Maschinengewehre nur noch wenige Schritte vor sich arbeiten hörten.

Leider gelangte aber dieser Gegenangriff wegen der inzwischen auf unserem linken Flügel stattgehabten Ereignisse nicht zur Durchführung. Die Patrouillentätigkeit der letzten Tage und die Staubwolken hatten gezeigt, daß aus der Gegend von Neumoschi her starke berittene feindliche Abteilungen westlich der Bahn Kahe-Neumoschi unsere nach Norden gerichtete Front umgehen wollten, deren linker Flügel bei Bahnhof Kahe war. Diese Bewegung hätte bei weiterer Durchführung hinter unserem Rücken an die Eisenbahn geführt und uns von unseren rückwärtigen Verbindungen abgeschnitten, während wir mit Front nach Norden gegen einen überlegenen Feind fochten. Ich hatte deshalb eine starke Reserve von 8 Kompagnien bei Bahnhof Kahe bereitgestellt. Da ich es aber für notwendig hielt, mich im Gefecht persönlich bei Dorf Kahe, in der Nähe der Abteilung Stemmermann, aufzuhalten, so konnte ich nicht unmittelbar und schnell über die bei Kahe stehenden Reserven verfügen. Dichte Geländebewachsung machte jede Übersicht unmöglich. Die Verfügung über die Reserve bei Kahe mußte der Initiative des dortigen Führers und seiner Unterorgane überlassen bleiben. Diese hatten beobachtet, daß feindliche Truppen durch den Busch vorgehend einen südwestlich Bahnhof Kahe gelegenen Hügel besetzt hatten. Eine Kompagnie war gegen diesen Feind selbständig vorgegangen, aber sein Schrapnellfeuer brachte ihr Vorgehen zum Scheitern. Darauf beschoß unser 10,5 cm-Geschütz diese leichten feindlichen Geschütze und warf sie zurück.

Am späten Nachmittag gelangte an mich die dringende Meldung, daß der Feind mit starken Kräften in unseren Rücken gegen die Bahn bei Kissangire vorgehe und der von uns befürchtete Fall eingetreten war. Notgedrungen mußte ich den sofortigen Abmarsch auf Kissangire anordnen. Ich wollte den dortigen Feind, der im Augenblick noch nicht stark sein konnte, durch rasches Zufassen mit allen Kräften schlagen. So kam es, daß der oben erwähnte, gut angesetzte Gegenstoß der Abteilung Schulz nicht bis zur vollen Wirksamkeit durchgeführt wurde. Der nächtliche Abmarsch unserer Kräfte über den dicht hinter uns liegenden Panganifluß, über den schon vorher eine Anzahl Übergänge und Brücken hergestellt worden waren, vollzog sich glatt und ohne Störung. Noch am nächsten Tage fanden unsere zurückgelassenen Patrouillen das Nordufer des Pangani vom Feinde frei. Unser gutes 10,5 cm-Geschütz, das wir seiner Unbeweglichkeit wegen nicht mitnehmen konnten, wurde gesprengt. Nach Mitternacht, also am 22. März ganz früh, traf ich auf dem Bahnhof Kissangire ein und ersah zu meinem größten Erstaunen, daß alle Meldungen über die starken feindlichen Truppenbewegungen nach Kissangire irrtümlich, unser Abmarsch also unnötig gewesen war. Es ist mir dies ein besonders schlagender Beweis dafür gewesen, wie außerordentlich schwer die Beobachtung von Truppenbewegungen in dem dichtem Busch ist, und wie vorsichtig jeder Führer bei der Bewertung solcher Meldungen sein muß. Dieser Fall zeigt aber auch, wie schwer es für jeden Führer ist, sich aus der eigenen Kombination und Beurteilung der Lage, sowie den sich stets widersprechenden Meldungen der Askari und auch der Europäer eine Grundlage für seinen Entschluß zu schaffen, die der Wirklichkeit auch nur annähernd entspricht. Gerade im afrikanischen Busch ist es wichtig, die vorliegenden Meldungen, wenn irgend durchführbar, durch eigene Beobachtungen zu ergänzen.

Unser Abmarsch war nun aber nicht zu ändern, und es galt, die Kräfte von neuem zu gruppieren. Hierbei spielten die Wasserverhältnisse eine entscheidende Rolle. Mit Rücksicht auf diese und auf die erforderliche Staffelung in die Tiefe blieb nur eine Abteilung von wenigen Kompagnien auf den Höhen von Kissangire und beobachtete von hier aus die sich 12 km bis zum Pangani erstreckende wasserarme Dornbuschsteppe. Östlich dieser bei Kissangire stehenden Abteilung des Majors von Boemcken wurde die Abteilung Otto auf die Berge von Nordpare hinaufgeschoben und sperrte die über das Gebirge führenden Pässe. Major Kraut nahm aus dem zwischen dem Gebirge von Nordpare und dem von Mittelpare durchführenden Ngulupaß Aufstellung. Das Gros der Truppe bezog in der fruchtbaren Gegend von Lembeni mehrere befestigte Lager.

Trotz dem mehrfachen Zurückgehen in der letzten Zeit war der Geist der Truppe gut, und die Askari waren beseelt von einem berechtigten Stolz auf ihre Leistungen im Kampf gegen einen so vielfach überlegenen Feind. Nur ganz vereinzelte liefen zu ihm über, fast ausnahmslos Leute, deren Vieh in dem jetzt vom Feind besetzten Gebiete stand und die deshalb für ihr Eigentum fürchteten.

Die deutsche Zivilbevölkerung hatte die Gegend des Kilimandjaro verlassen und war in der Hauptsache nach Usambara, in die Gegend von Wilhelmsthal abgewandert. Auch die Gegend von Aruscha war geräumt worden, und die Farmer waren mit Ochsenwagen über Kondoa-Irangi nach Dodoma abgezogen. Die zahlreich vorhandenen Griechen waren meist auf ihren Kaffeepflanzungen am Kilimandjaro, die Buren englischer Nationalität auf ihren Viehfarmen geblieben, die sich vom Nordwesthang des Kilimandjaro nördlich um den Meruberg herum und an dessen Westabhängen entlang bis in die Gegend von Aruscha hinzogen. In Lembeni war der regelmäßige Betrieb nicht unterbrochen worden; Verpflegungszüge rollten bis zur Station heran; Kompagnien, die nicht in vorderster Linie standen, arbeiteten fleißig an ihrer Ausbildung, und das Kommando setzte seine Tätigkeit wie in Moschi jetzt im Eisenbahngebäude von Lembeni fort. Flieger erschienen und warfen Bomben, genau wie vorher.

Das Gelände wurde sorgfältig für verschiedene Gefechtsmöglichkeiten vorbereitet, Durchgänge durch den dichten Nashornbusch und Schußfeld geschaffen. Persönliche Erkundungen nahmen viel Zeit in Anspruch und führten mich häufig zu den im dichten Busch und an den beherrschenden Höhen lagernden Kompagnien. Die Anpassungsfähigkeit der Truppe und die Kunst, sich nach Möglichkeit auch die materielle Seite des Lebens angenehmer zu machen, hatten sich schon leidlich entwickelt. Gern denke ich an die Gelegenheiten zurück, wo mir in einer behaglich eingerichteten Grashütte eine Tasse Kaffee mit schöner, fettreicher Milch, die aus dem zerriebenen Fleisch der reifen Kokosnuß hergestellt war, gereicht wurde. Auch auf die Berge von Nordpare führten mich meine Gänge häufiger. Hier fand ich eine üppige und wasserreiche Zone vor, durch welche abseits vom Wege kaum durchzukommen war. Der Wasserreichtum des Landes erwies sich als viel größer, als auf Grund früherer Erkundungen erwartet wurde; auch hier zeigte es sich, wie die durch den Krieg geschaffene Notwendigkeit die Hilfsquellen eines Landes aufschließt und so zu einer Bewertung derselben führt, die die früheren Abschätzungen weit übersteigt. Die Eingeborenen von Nordpare sind genau wie die des Kilimandjaro Meister darin, durch das von den Bergen kommende Wasser ihre Felder künstlich zu berieseln.

Am 4. April führte mich einer meiner Erkundungsgänge zur Abteilung Otto auf die Pareberge. Von deren Nordwestecke hatte man klaren Einblick in das unten liegende feindliche Lager beim Bahnhof Kahe. Der naheliegende Gedanke, dieses mit einem unserer weittragenden Geschütze zu beschießen — wir hatten inzwischen ein fahrbar gemachtes 10,5 cm-Königsberggeschütz, sowie ein auf Lafette C/73 gestelltes 8,8 cm-Geschütz nach Lembeni herangezogen —, war leider nicht durchführbar. In etwas zu großem Eifer hatte die Truppe den Bahnkörper, der von Lembeni nach Kahe führte, gründlich zerstört. Mit unseren Mitteln konnte er nicht wieder so weit fahrbar gemacht werden, um das schnelle Vor- und Zurückschieben eines unserer Geschütze zu gestatten.

Alle unsere Beobachtungen und Meldungen stimmten darin überein, daß der Feind, der früher oft südlich des Djipesees mit Patrouillen und auch stärkeren Abteilungen aufgetreten war, für diese Gegend kein Interesse mehr zeigte. Jedenfalls war er mit seinen Hauptkräften auf Kahe sowie über Neumoschi hinaus weiter nach Westen auf Aruscha zu marschiert.