Nach einer kalten Nacht auf der feuchten Höhe bei Nordpare stieg ich am 5. April wieder nach Lembeni hinab. Hier war Meldung eingegangen, daß am Tage vorher Hauptmann Rothert, der mit der 28. Kompagnie bei dem Lolkisale, einem zwei Tagemärsche südwestlich von Aruscha in der Massaisteppe gelegenen hohen Berge, lagerte, durch einen stärkeren Gegner angegriffen worden war. Die vom Lolkisale nach Südwesten führende heliographische Verbindung hatte dann aufgehört. Erst später stellte sich folgendes heraus. Mehrere berittene feindliche Kompagnien waren von Aruscha kommend aus der Steppe gegen unsere auf dem Berge liegende 28. Kompagnie von verschiedenen Seiten vorgegangen. Da die Unsrigen das Wasser besaßen, konnten sie das Gefecht gegen den Feind, der ohne Wasser war, gut aushalten. Am zweiten Gefechtstage wurde die Lage für den Gegner, eben seines Wassermangels wegen, kritisch. Leider wurden aber nach schwerer Verwundung des Hauptmanns Rothert diese Verhältnisse deutscherseits nicht richtig gewertet. Man hielt die Lage für so hoffnungslos, daß die Kompagnie mit ihren Maschinengewehren und ihrer Munition die Waffen streckte. Auch bei dieser Gelegenheit zeigten einige Askari die Früchte ihrer gesunden militärischen Erziehung und machten die Übergabe nicht mit. Sie sind ebenso wie die Verwundeten, ungestört durch den Feind, in der Gegend von Ufiome zu unseren Truppen gestoßen. Dort trafen sie eine junge Schützenkompagnie, die von der Zentralbahn, und die Abteilung Aruscha, die von Aruscha her sich bei Ufiome gesammelt hatten.

Der Weg auf Kondoa-Irangi und in das Innere der Kolonie war für den von Aruscha her eindringenden Feind kaum noch gesperrt. Es wurden deshalb aus der Gegend des Kiwusees, an der Nordwestecke der Kolonie, drei Kompagnien unter dem in den Gefechten bei Kissenji bewährten Hauptmann a. D. Klinghardt durch Fußmarsch und auf Tanganjikadampfern nach Kigoma und von dort weiter mit der Bahn nach Saranda geschafft. Von hier marschierten sie weiter auf Kondoa-Irangi vor. Die jetzt schon nördlich Kondoa-Irangi befindlichen Truppen (etwa zwei Kompagnien), sowie eine von Daressalam her mit der Bahn herangeschaffte Kompagnie wurden auch Hauptmann Klinghardt unterstellt. Diese Bewegungen erforderten lange Zeit zur Ausführung. Es wurde daher sogleich auch die gute und bewährte 13. Kompagnie, deren Friedensstandort Kondoa-Irangi gewesen war, mit der Bahn von Lembeni in die Gegend Buiko geschafft; sie marschierte von dort weiter durch die Massaisteppe nach Kondoa-Irangi. Dieser Marsch durch das wasserarme und wenig bekannte Gebiet mußte angetreten werden, bevor die im Gange befindlichen Erkundungen geschlossen waren. Er bedeutete für die nach afrikanischen Begriffen große Kopfzahl, wie sie eine Kompagnie mit ihren Trägern darstellte, jetzt in der trockensten Zeit, vor Einsetzen der großen Regen, ein gewisses Wagnis.

Dieses Wagnis mußte aber unternommen werden, weil der uns bei Kahe gegenüberstehende Feind, nachdem seine Erkundungsabteilungen mehrfach abgewiesen worden waren, augenscheinlich keine Miene machte, gegen uns vorzugehen. Der Feind legte also zur Zeit sein Hauptgewicht auf Kondoa-Irangi. Da für uns aus schon früher dargelegten Gründen ein Angriff von Lembeni gegen Kahe unzweckmäßig erschien, beschloß ich, den im Kilimandjarogebiet stehenden Feind lediglich zu beschäftigen und mich mit den Hauptkräften gegen die feindliche Gruppe, die inzwischen bis in die Gegend von Kondoa-Irangi vorgedrungen war, zu wenden. Die Ausführung dieser Absicht war nicht ganz leicht; für den über 200 km langen Marsch von den Ausladestationen der Nordbahn zur Zentralbahn war viel Zeit erforderlich, und jeden Moment konnte eine Änderung der Lage sofortige neue Anordnungen des Kommandos notwendig machen. Alle Truppen mußten daher erreichbar bleiben. Die einzelnen Teile konnten nicht, wie seinerzeit bei dem Marsch von der Zentralbahn zur Nordbahn, auf weit getrennten Straßen in Bewegung gesetzt werden. Der Marsch unserer 15 Feld- und zwei berittenen Kompagnien mußte auf einer Straße stattfinden. Das stellte die Truppe vor eine ganz neue und schwierige Aufgabe. Zeit war nicht zu verlieren. Die zu vier und drei Feldkompagnien formierten Abteilungen des Hauptmanns von Kornatzky, Hauptmanns Otto, Oberstleutnants von Bock und Hauptmanns Stemmermann wurden mit Tagemarschabständen per Bahn von Lembeni nach Mombo und Korogwe abtransportiert. Von dort marschierten sie nach Kimamba (Station westlich Morogoro) zur Zentralbahn weiter. Mannigfaltige Reibungen traten ein. Unbedingt festliegende Marschziele der Abteilungen konnten für die einzelnen Tage um so weniger vorgeschrieben werden, als schwere Regen einsetzten, die den schwarzen Boden stellenweise so aufweichten, daß buchstäblich kaum vorwärts zu kommen war.

So kam es, daß die eine Abteilung ganz kleine Märsche machte und die nachfolgende auflief. Dies war recht unangenehm und störte die geregelte Verpflegung auf der Etappenstraße sowie den Transport des Kompagniegepäcks, für den die Relaisträger der Etappe in Anspruch genommen werden mußten. Die Kompagnien fingen nun an, nach alter afrikanischer Sitte sich selbst zu helfen, ergriffen ohne Rücksicht auf sonstige Anordnungen die Etappenträger und behielten sie einfach bei sich. Der gesamte Betrieb der Etappenlinie, der auf regelmäßigem Arbeiten der Relaisträger beruhte, wurde hierdurch stark in Mitleidenschaft gezogen.

Vierter Abschnitt
Das Vorgehen des Feindes im Gebiete der Nordbahn

Nachdem alle Transporte von Lembeni abgerollt waren, übergab ich die Führung aller an der Nordbahn stehenden Truppen an Major Kraut. Auch eine eigene Intendantur wurde für sie eingerichtet. Unsere Eisenbahnfahrt nach Korogwe führte uns noch einmal vor Augen, wie fest die deutsche Bevölkerung der Nordgebiete mit der Truppe verwachsen war und wie sie deren Leistungen würdigte. An jede Station waren die Leute, manchmal von weit her, gekommen; jeder war sich klar darüber, daß unser Abschied von den Nordbezirken ein endgültiger wäre und die Bezirke in Feindeshand fallen würden. Trotzdem war die Stimmung eine gehobene. Vieles von dem wenigen, was an Europäerverpflegung noch vorhanden war, wurde herangebracht. Die Witwe des kürzlich in Buiko beerdigten bisherigen Linienkommandanten Kroeber ließ es sich nicht nehmen, uns noch die letzten Flaschen aus dem Bestande ihres Kellers anzubieten.

Major Kraut und Kapitän Schoenfeld begleiteten mich bis Buiko, von wo aus wir verschiedene, mir für die weiteren Operationen wichtig erscheinende Geländepunkte in Augenschein nehmen konnten. Die Herren blieben dann zu persönlicher näherer Erkundung zurück. Von Korogwe führten uns unsere Automobile schnell nach Handeni, dem Endpunkte der von Mombo aus gelegten Feldbahn. Unterwegs überholten wir unsere berittenen Kompagnien, und der Ausruf des Beamten der Zivilverwaltungsstelle von Handeni: „Das ist ja der berühmte Wilddieb van Rooyen“, zeigte mir von neuem, daß unter unseren Reitern gefahr- und jagdgewohnte Leute waren, auf die bei den kommenden Anforderungen Verlaß war. In Handeni war der erste Sammelpunkt der von Norden abtransportierten Bestände. Major von Stuemer, der seinen bisherigen Posten von Bukoba mit der Leitung unserer im Augenblick wichtigsten Etappenstraße vertauscht hatte, klagte nicht wenig über die Störung, die ihm unsere durchmarschierenden Truppen für den Weitertransport der Bestände bereiteten. In Handeni, dem Sitz der Verwaltungsstelle, wo die Etappenstraßen von Morogoro, Korogwe und Kondoa-Irangi auf den Kopf der Feldbahn Mombo-Handeni trafen, hatte sich durch den Krieg ein Europäerviertel von fast städtischem Anstrich entwickelt. Die durch Oberleutnant zur See Horn in norwegischem Stile erbauten Häuschen boten einen reizenden Anblick, der im Augenblick allerdings durch den strömenden Regen beeinträchtigt wurde. Im Innern waren die Häuser, deren jedes meist aus drei Räumen bestand, behaglich für die Unterbringung von Europäern eingerichtet. Unangenehm war die enorme Masse von Ratten, die des Nachts häufig über den Schläfer hinwegliefen. Hauptmann von Kaltenborn, der mit dem in Ssudi gelandeten zweiten Hilfsschiff angekommen war, meldete sich hier bei mir und konnte die von ihm schon vor einiger Zeit übersandten Heimatsberichte durch mündliche Nachrichten ergänzen.

Askari (eingeborener Soldat)


GRÖSSERES BILD