Am nächsten Tage überholten wir im Auto eine Anzahl unserer marschierenden Abteilungen und konnten die zwischen ihnen entstandenen Reibungen wenigstens teilweise beseitigen. Fernsprechverständigung glückte infolge der durch den starken Regen hervorgerufenen Ableitungen, sowie Zerreißen des Drahtes durch Trägerkolonnen, einzelne Wagen und Giraffen, nur selten. Um so wichtiger war es für mich, durch diese Strecke der Störungen, die mich von der Truppe und den eingehenden Meldungen abschnitt, rasch hindurchzukommen. Das aber wurde immer schwieriger.

Immer heftiger strömten die Regen, und immer grundloser wurden die Wege. Anfangs waren es nur einige wenige schlechte Stellen; dann zogen und schoben 20 und mehr Träger unser Auto. Die Niampara (Trägerführer) gingen in tanzendem Schritt und mit Gesang voraus. Die ganze Gesellschaft stimmte in das „Amsigo“ und „Kabubi, kabubi“ ein, und unter dem Rhythmus dieser Gesänge ging die Arbeit bei bester Laune anfangs glatt vonstatten. Als wir aber Tuliani passierten, hatten die Regengüsse einen sonst ganz flachen Fluß derartig angeschwellt, daß seine reißenden Wasser des Vormittags die fahrbare Brücke vollständig weggerissen hatten. Wir fällten einen der großen am Ufer stehenden Bäume, aber er war nicht lang genug, um sich beim Fallen mit seiner Krone auf dem jenseitigen Ufer fest zu verankern. Wie ein Streichholz wurde der meterstarke Stamm fortgetrieben. Der Adjutant, Oberleutnant Müller, versuchte den Fluß zu durchschwimmen, wurde aber gleichfalls abgetrieben und kam an unser Ufer zurück. Nun versuchte es Hauptmann Tafel, der von seiner schweren Verwundung wieder hergestellt war und beim Kommando die Operationen bearbeitete. Er erreichte das andere Ufer, und auch einigen Eingeborenen, guten Schwimmern, glückte dies. Aber es gelang nicht, durch die Schwimmer eine Leine ans andere Ufer zu bringen, und so saßen wir fest, Hauptmann Tafel ohne jede Kleidung auf dem anderen Ufer und wir auf diesem. Die Aussicht, abzuwarten, bis das Wasser abgelaufen war, war nicht verlockend, durfte ich doch keine Minute verlieren, um den Anfang der in Marsch befindlichen Abteilungen zu überholen. Da rückte spät am Nachmittag ein Eingeborener damit heraus, daß etwas unterhalb eine ihm bekannte Furt wäre. Das Durchwaten war dort nicht ganz einfach und dauerte mindestens dreiviertel Stunde; unter erheblichen Umwegen mußten wir dem Führer genau folgen und uns vorsichtig von Untiefe zu Untiefe weiterarbeiten. Das Wasser, das uns bis zu den Schultern reichte, war so reißend, daß man der vollen Kraft bedurfte, um nicht umzufallen. Endlich erreichten wir bei Dunkelheit mit völlig durchnäßten Sachen das andere Ufer. Dorthin waren uns von einer noch glücklicherweise telephonisch erreichten Abteilung drei Maultiere und Begleitaskari entgegengeschickt worden.

Beim Weitermarsch, der im strömenden Regen die ganze Nacht hindurch dauerte, hatten wir mehrfach stundenweit bis zum Sattel durch Wasser zu reiten oder bis zum Hals durch Wasser zu gehen, erreichten aber doch schließlich noch in der Nacht die große im Kriege erbaute Wamibrücke. Sie war auch fast ganz fortgerissen, aber doch ein Rest stehengeblieben, so daß wir hinüberklettern und zur Feldbahn, die zur Station Kimamba führte, gelangen konnten. Auch diese Feldbahn war, wie die Bahn Mombo-Handeni, im Kriege entstanden und wurde mit der Hand betrieben. In dem Bestreben, es recht gut zu machen, nahmen die guten Leute mehrere Kurven etwas zu hastig, und wiederholt sausten die Loren mit allem, was sich auf ihnen befand — dazu gehörten auch wir —, in den angrenzenden Graben oder auch darüber hinaus. Jedenfalls hatten wir reichlich genug von dieser Wasserreise, als wir in der Morgenfrühe in Kimamba anlangten. Der dort stationierte, zur Truppe eingezogene Vizefeldwebel Rehfeld nahm uns aufs freundlichste auf. Da sich in Kimamba ein Bekleidungsdepot befand, konnten wir uns mit Askarisachen wenigstens trocken einkleiden. Wann der Rest des Kommandos mit unseren Sachen ankommen würde, war ja nicht abzusehen.

Nach Rücksprache mit dem Gouverneur, der sich zu diesem Zweck nach Kimamba begeben hatte, fuhr ich am nächsten Tage nach Dodoma. An der Zentralbahn war das schnelle kriegsmäßige Arbeiten, das im Norden jedermann in Fleisch und Blut übergegangen war, noch wenig zum Leben erwacht. Die kurz vor uns in Dodoma eingetroffene Abteilung des Hauptmanns von Kornatzki hatte einige Schwierigkeiten in der Verpflegungsbeschaffung, obgleich Dodoma dort an der Bahn lag und schnell Nachschub erhalten konnte. Mit Hauptmann Klinghardt, der einen Tagemarsch südlich Kondoa-Irangi die Höhen von Burungi besetzt hatte, setzte ich mich in telephonische Verbindung, und am nächsten Tage des Vormittags ritt ich mit einigen Offizieren des Kommandos von Dodoma zu ihm ab.

Der Weg führte uns durch eine menschenleere Buschsteppe. Die im Kriege gebaute Landstraße hatte die bautechnisch günstigste Trace gewählt und berührte Ansiedlungen nur selten. Das Land Ugogo zeichnet sich durch großen Viehreichtum aus. Seine Bewohner gehören zu den Nomadenstämmen, die in ihren Sitten die Massai nachahmen und daher häufig Massaiaffen genannt werden. Zahlreiche Ochsenwagen kamen uns entgegen, in denen deutsche und burische Farmer, aus der Gegend des Meruberges, mit ihren Familien nach Kondoa fuhren. Es war das von Südwestafrika bekannte Bild behaglichen „Treckens“ mit diesen für die Verhältnisse der Steppe so überaus geeigneten Fahrzeugen.

Das Etappenwesen zur Abteilung Klinghardt war noch nicht eingespielt; in der ersten der kleinen Etappenstationen lagerten wir des Nachts. Es zeigte sich, daß das Nachschubwesen sehr gesteigert werden mußte, wenn auf ihm die Verpflegung so starker Truppenmassen, wie sie jetzt auf Kondoa-Irangi vorgeführt wurden, basiert werden sollte. Hierzu kam eine neue Schwierigkeit: den gewaltigen Anforderungen, die das gesamte Verpflegungs- und Nachschubwesen an den Leiter desselben stellte, waren die bisherigen Feldintendanten gesundheitlich nicht gewachsen gewesen. Dem Hauptmann der Landw. Schmid waren sehr bald Hauptmann d. Landw. Feilke, diesem Hauptmann d. Res. Freiherr von Ledebur und dann Hauptmann a. D. Richter, ein älterer Herr, gefolgt. Der letztere war leider jetzt, bei Beginn einer wichtigen neuen Operation, am Ende seiner Kräfte angelangt. Seine Geschäfte hatte der hierin zunächst nicht eingearbeitete Major a. D. von Stuemer, der in Handeni im Etappendienst tätig gewesen war, übernehmen müssen.

Am nächsten Tage abends hatten wir den 4 Tagemärsche langen Weg zurückgelegt und trafen an den Burungibergen bei Hauptmann Klinghardt ein. Das Aufschließen der uns folgenden, aus dem Bereich der Nordbahn kommenden Abteilungen mußte längere Zeit dauern, und so ergab sich die Möglichkeit zu ergiebigen Erkundungen. Sehr willkommen war es, daß wir hier die Bekanntschaft einer ganz neuen, vortrefflichen Karte machten. Der Bezirksamtmann von Kondoa-Irangi hatte sie mit anderen Sachen beim Verlassen seines Amtssitzes einem Jumben (Häuptling), der an den Burungibergen saß, zur Aufbewahrung gegeben. Bei diesem fanden wir glücklicherweise das wertvolle und so geheimgehaltene Material.

Englische berittene Europäerpatrouillen kamen mehrfach in die Nähe unserer Stellungen, und man wußte, daß dahinter stärkere berittene feindliche Abteilungen standen. Wo diese sich aber befanden, war nicht bekannt. Manche Nachrichten besagten: in Kondoa-Irangi, andere: südlich dieses Ortes, und wieder andere: an der Straße, die von Kondoa-Irangi nach Saranda führt. Es war von Wichtigkeit, daß sich bei Burungi größere Eingeborenenpflanzungen befanden, so daß dort viel Verpflegung vorhanden war. Man brauchte nicht abzuwarten, bis der von Dodoma her angesetzte Verpflegungsnachschub voll in Wirksamkeit trat. Die Truppe konnte sich mehr als bisher hiervon freimachen und hauptsächlich aus dem Lande leben. Sobald die nachfolgenden Abteilungen aufgeschlossen waren, wurde der Vormarsch auf Kondoa angetreten. Südlich des Ortes stießen wir nur auf stärkere berittene Sicherungsabteilungen, die schnell zurückgeworfen wurden, und gelangten Anfang Mai ohne ernstere Gefechte in den Besitz der großen Höhen, die dem Ort Kondoa auf 6 km vorgelagert sind.

Wir hatten zwei Marinegeschütze, ein 8,8 cm und ein 10,5 cm, auf fahrbaren Lafetten mitgeführt und sogleich in Stellung gebracht. Diese beschossen aus unseren überhöhenden Stellungen mit anscheinend gutem Erfolge die feindlichen Lager südlich Kondoa. Die Zelte wurden sofort niedergelegt. Man beobachtete, wie der Feind eifrig seine Stellungen verschanzte und wie seine Fahrzeuge in der Richtung auf Kondoa zurückeilten. Mehrere Patrouillengefechte waren für uns erfolgreich, und kleine feindliche Postierungen wurden schnell geworfen, die hier und da noch vorgeschoben waren. Von Süden, also von rückwärts her, sahen wir eine Reiterpatrouille auf unsere Stellung zureiten. Da auch unsere berittenen Patrouillen unterwegs waren, glaubte ich zuerst, es wären Deutsche. Bald aber verriet uns die gleichmäßige Haltung der in Gewehrschuhe gesteckten Karabiner, daß es Engländer waren. Diese hatten von unserer Anwesenheit augenscheinlich keine Ahnung. Sie wurden auf ganz nahe Entfernung herangelassen und verloren bei der geringen Feuerentfernung ungefähr die Hälfte ihres Bestandes. Nach den bisherigen Beobachtungen war es wahrscheinlich, daß der Feind vor uns seine Stellung räumte. Ich beschloß am 9. 5. 1916, falls sich diese Beobachtung bestätigen sollte, die niedrigen, jetzt vom Feinde besetzten Höhen sogleich selbst zu besetzen. Für einen Angriff waren die Verhältnisse nicht günstig, da unser Vorgehen bemerkt werden mußte und ein überraschender Sturm ausgeschlossen war. Ohne Überraschung aber bot ein Versuch, die besetzte Stellung zu stürmen, keine Aussicht auf Erfolg; der Feind hatte sich genügend auf den kleinen Höhen verschanzt, und diese beherrschten völlig das für den Nahkampf in Betracht kommende Gelände, das bei dem niedrigen Dornbusch und den zahlreichen Felsstücken nur langsam zu durchschreiten war.

Ich befand mich bei den Kompagnien, welche den vorn befindlichen Sicherungspatrouillen folgten; diese meldeten kurz vor Einbruch der Dunkelheit, daß die Höhen vom Feinde geräumt seien. Unsere Kompagnien blieben daher in Marsch; die Führer gaben Befehl, die Bagage heranzuziehen, um sich für die Nacht einzurichten. Ich selbst begab mich zum Lager des Kommandos, das auf den etwas rückwärts gelegenen großen Höhen geblieben war. Meine große Erschöpfung suchte ich durch eine Tasse Kaffee mit etwas Rum zu bekämpfen, schlief aber mit dem Bewußtsein, daß nichts weiter zu veranlassen wäre, bald fest ein. Neben meinem Lagerplatz stand das 8,8 cm-Geschütz. Gegen 11 Uhr abends weckten mich Bemerkungen, die Oberleutnant z. S. Wunderlich, der Führer des Geschützes, machte; er konnte sich mehrfaches Aufleuchten, das er in der Richtung auf den Feind zu sah, nicht erklären. Auch ich war mir im ersten Augenblick nicht ganz schlüssig. Bald aber war kein Zweifel, daß dieses Aufleuchten, das sich immer mehr verstärkte, Gewehr- und Maschinengewehrschüsse bedeutete. Als sich der Wind drehte, war auch der Gefechtslärm deutlich hörbar. Gegen alle Erwartung war also vor uns ein ernster Kampf im Gange, aber bei der großen Entfernung und dem Marsch durch unübersichtlichen Busch und Felsengelände hielt ich es für ausgeschlossen, die zurückgehaltenen Reserven mit irgendwelcher Aussicht auf Erfolg einsetzen zu können. Selbst die allergröbste Orientierung über die Gefechtslage erforderte Stunden, und der Mond würde kaum noch eine Stunde scheinen. Wohl oder übel mußte ich daher das Gefecht vorn sich selbst überlassen.