Dort hatten unsere Kompagnien die von der Patrouille abgesuchte Höhe allerdings frei vom Feinde gefunden, aber unmittelbar dahinter lag der Feind auf einer zweiten Welle des Geländes in verschanzter Stellung. Hiergegen liefen unsere Kompagnien nun an, und bei der Unübersichtlichkeit des Geländes und der Dunkelheit gingen Überblick und Zusammenhang verloren. Unsere Askari nisteten sich dem Feinde gegenüber ein, und Hauptmann Lincke, der, nachdem Oberstleutnant v. Bock schwer verwundet und Hauptmann v. Kornatzki gefallen war, den Befehl übernommen hatte, sagte sich, daß er hier zwar liegenbleiben könne, aber nach Tagesanbruch wegen des beherrschenden feindlichen Feuers jede Bewegungsmöglichkeit aufgeben müsse. Da somit ein Erfolg nicht erreichbar schien, brach er vorsichtigerweise noch in der Nacht das Gefecht ab und kehrte auf die Ausgangsstellung zurück. Der Feind, der in der Hauptsache aus dem 11. südafrikanischen Infanterieregiment bestand, hatte sich gut geschlagen und unsere Kompagnien wiederholt unter wirksames Maschinengewehrfeuer genommen. Unsere Verluste von etwa 50 Toten und Verwundeten müssen in Anbetracht der geringen Gewehrzahl, die am eigentlichen Gefecht teilgenommen hat — etwa 400 —, als schwer bezeichnet werden.

In den folgenden Tagen besetzten wir nun auch die weiter östlich gelegenen großen Höhen und drängten die im Vorgelände befindlichen Reiterabteilungen mit recht empfindlichen Verlusten für sie ab. Es kam mehrfach vor, daß von feindlichen, etwa 20 Mann starken Abteilungen keiner oder nur wenige Leute entkamen, und auch sonst hatten wir eine ganze Reihe günstiger Zusammenstöße. Mehrfach beobachteten wir von unseren, weite Übersicht gewährenden Höhen aus mit guten Gläsern, wie feindliche Truppen und Wagenkolonnen von Norden her auf Kondoa zu fuhren, dann nach Osten abbogen und in den Bergen verschwanden. Auch unsere Patrouillen, die wir weit fort in den Rücken des Feindes schickten, bestätigten den Marsch größerer Transporte, die sich von Aruscha her in Richtung auf Kondoa-Irangi bewegten.

Die Engländer hatten sogleich die Zivilverwaltung in Kondoa in die Hand genommen und in geschickter Weise die Jumben (Häuptlinge) nach diesem Ort entboten und ihnen Verhaltungsmaßregeln gegeben. Hierzu gehörte auch die Pflicht, deutsche Truppenbewegungen zu melden. So war es für unsere Patrouillen häufig zweckmäßig, sich im Bereich des Feindes als Engländer auszugeben. Die Unterschiede der Uniformen waren ja nicht groß und durch das lange Kriegsleben noch mehr verwischt worden; vielfach wurden Uniformröcke überhaupt nicht, sondern nur blusenartige Hemden getragen, und das kleine Tuchabzeichen, das die Engländer am Tropenhut trugen, war wenig auffallend. Der Unterschied in der Bewaffnung war oft verschwunden, da auch ein Teil der Deutschen englische Gewehre trug.

Im allgemeinen hatte man nicht den Eindruck, daß in Kondoa schon ein sehr starker Feind war; aber unser Angriff mußte, selbst wenn er Erfolg haben würde, über freies Gelände gegen Befestigungen führen, die wir mit unseren wenigen Geschützen nicht genügend zudecken konnten. Die mit Sicherheit zu erwartenden erheblichen und unersetzbaren Verluste veranlaßten mich, von einem allgemeinen Angriff abzusehen und den Feind durch kleine Unternehmungen, die sich bisher so vorteilhaft erwiesen hatten, zu schädigen. Unsere Artillerie — es waren auch die beiden Gebirgsgeschütze und 2 Feldhaubitzen, die mit dem zweiten Hilfsschiff angekommen waren, eingetroffen — beschoß günstige feindliche Ziele, die sich boten. Auch die Gebäude von Kondoa-Irangi, wo General van Deventer eingetroffen war, wurden gelegentlich durch unser 10,5 cm-Geschütz unter Feuer genommen. Westlich unserer Hauptkräfte, an der Straße Saranda-Kondoa-Irangi, hatte unsere junge 2. Schützenkompagnie in mehreren günstigen Zusammenstößen Teile des 4. südafrikanischen Berittenenregiments allmählich in die Nähe von Kondoa-Irangi zurückgedrängt.

Der Feind verstärkte sich nun immer mehr. Anfang Juni beschoß er uns auch auf große Entfernung, etwa 12 km, mit schwereren Geschützen von 10 cm und 12,5 cm Kaliber. Seine Beobachtung und Feuerleitung verdiente alle Anerkennung; jedenfalls schlugen am 13. 6. 1916 seine Granaten bald sehr genau in unserem Kommandolager ein. Ich unterbrach meine Arbeit, die ich im Schutze eines Grasdaches vorgenommen hatte, und begab mich etwas seitwärts hinter eine Felsplatte. Unmittelbar nachdem dort auch der Ordonnanzoffizier, Oberleutnant Boell, eingetroffen war, platzte ein Geschoß dicht über uns, verwundete Oberleutnant Boell schwer am Oberschenkel und mich und einige andere Europäer leicht. Materiellen Schaden hat uns das feindliche Artilleriefeuer im übrigen fast gar nicht zugefügt, aber es war doch lästig, wenn seine schweren Geschosse immer von Zeit zu Zeit in unser Lager einschlugen.

Von den erheblichen Arbeiten, wie sie gute Unterstände erfordern, sahen wir ab, da wir die Kräfte unserer Leute für den Patrouillen- und Sicherheitsdienst, sowie für die Beschaffung der Verpflegung voll beanspruchen mußten. Das ganze Land war, soweit das Auge reichte, mit Eingeborenenkulturen bedeckt; in der Hauptsache — und dies kam für die Verpflegung der Truppe vorzugsweise in Betracht — war Mtama, eine Hirsenart, angebaut worden, deren Reife jetzt gerade begann. Die Eingeborenen waren zum großen Teil fortgelaufen, der Nachschub von Dodoma hatte unserem Vormarsch nicht folgen können; unsere Verpflegung basierte daher fast ausschließlich auf den Beständen, die die Erntekommandos der Kompagnien selbst einbrachten. Die Garben trockneten auf Steinen schnell in der heißen Sonne. In allen Kompagnien herrschte reger Mahlbetrieb, sei es, daß die ausgedroschenen Körner mit Steinen zerrieben oder in „Kinos“, das sind harte Holzgefäße, mit Stangen zu Mehl zerstampft wurden. Für die Europäer gab es damals noch Weizenmehl, das auf den Etappenwegen vorgebracht wurde. Unser aus einer Mischung von Weizenmehl und Eingeborenenmehl hergestelltes Brot vor Kondoa war von einer ganz ausgezeichneten Beschaffenheit. Außer Mtama und anderen Körnerfrüchten gab es Zuckerrohr, Muhogo (eine Pflanze mit wohlschmeckender, eßbarer Wurzel), Süßkartoffeln, dann verschiedene Arten Erbsen und andere Eingeborenenfrüchte sowie genügend Vieh. Die Truppe konnte in dem überaus wohlhabenden Gebiet von Kondoa reichlich und vielseitig verpflegt werden.

Die beobachtete Ausdehnung des Feindes von Kondoa nach Osten hin lenkte auch unsere Aufmerksamkeit auf dieses uns bis dahin wenig bekannte Gebiet. Hauptmann Schulz wurde mit mehreren Kompagnien dorthin entsandt und fand ein außerordentlich schwieriges Berggelände mit starker Bewachsung vor; dazwischen waren Ansiedlungen von großer Fruchtbarkeit. Hier kam es zu einer ganzen Reihe für den Feind recht verlustreicher Gefechte, an denen für uns eine oder auch mehrere Kompagnien beteiligt waren. Eine stärkere feindliche Abteilung suchte sich zwischen den Kompagnien der Abteilung Schulz und uns hineinzuschieben und hatte wahrscheinlich die Absicht, die Abteilung Schulz abzuschneiden. Dieser Versuch des Feindes mißglückte aber gänzlich. Unsere Truppen drängten von beiden Seiten gegen diesen feindlichen Keil und warfen ihn zurück. Recht gewandt benahm sich hierbei der alte Effendi (schwarzer Offizier) Juma Mursal; er legte sich an einer Wasserstelle auf die Lauer und beschoß die Engländer, die hierher zum Tränken kamen, mit gutem Erfolg; nach seiner Beobachtung sind dabei 6 gefallen. In der Gefechtsperiode von Kondoa-Irangi sind dem Gegner allmählich recht erhebliche Gefechtsverluste beigebracht worden. Rechnet man hierzu noch die Verluste an Krankheiten bei seinen jungen weißen Truppen, die nicht an die Tropen gewöhnt und so außerordentlich unvorsichtig in ihren Schutzmaßregeln gegen Tropenkrankheiten waren, so dürfte der Gesamtausfall des Feindes in der Zeit von Kondoa-Irangi kaum unter 1000 Mann an Weißen betragen haben.

Fünfter Abschnitt
Zwischen Nordbahn und Zentralbahn

Ende Juni 1916 gewannen die Vorgänge auf den anderen Kriegsschauplätzen entscheidenden Einfluß auf unsere Maßnahmen vor Kondoa. Aus der Gegend des Kiwusees und vom Russissi rückten die Belgier, westlich des Viktoriasees und seit Mitte Juli auch von Muanza her drangen englische Streitkräfte konzentrisch auf Tabora vor. General Wahle, der von Tabora aus den gemeinsamen Befehl über unsere im Nordwesten stehenden Truppen führte, zog seine Abteilungen von den Grenzen her allmählich auf Tabora zu zusammen.

Von Südwesten her, aus dem Raum zwischen Tanganjika und Nyassa, drangen gleichfalls feindliche Abteilungen vor. Vor ihnen wich unsere in der Gegend von Bismarckburg fechtende Kompagnie langsam nach Nordosten in Richtung auf Tabora aus. Aus dem Bezirk Langenburg gingen unsere beiden dort sichernden Kompagnien allmählich in Richtung aus Iringa zurück. Diesen folgte General Northey, dessen Division mit allen Mitteln moderner Kriegführung ausgerüstet war. Von diesen Vorgängen hatte das Kommando bei der Schwierigkeit der Verbindung nur unvollkommene Nachrichten.