An der Nordbahn hatten die Patrouillen des Majors Kraut, die von dessen fester Stellung bei Lembeni ausgingen, gelegentlich erfreuliche Erfolge gehabt. Mehrere Flugzeuge wurden zum Landen gebracht oder verunglückten; die Insassen wurden gefangen, die Apparate vernichtet. Als die schweren Regen aufgehört hatten, trat von Kahe her der Feind seinen Vormarsch längs der Nordbahn sowie östlich derselben durch die Pareberge hindurch und westlich längs des Pangani an. Hunderte von Automobilen und große Reitermengen wurden beobachtet. Um bei der großen Überzahl des Feindes nicht abgeschnitten zu werden, zog Major Kraut sein Gros unter Belassung schwacher Abteilungen am Feinde mit der Bahn bis Buiko zurück. In dieser Gegend sowie bei Mombo kam es dann zu einigen Gefechten, bei denen manchmal unsere Kompagnien durch den Feind, der den Bahnkörper hinter ihnen absperren wollte, hindurchfuhren und ihn von den Waggons aus beschossen. Der Feind konnte zwar infolge seiner numerischen Überlegenheit mit leichter Mühe stets mit frischen Truppen umfassende Bewegungen ausführen, aber das schwierige Gelände beeinträchtigte die Wirksamkeit solcher Umgehungen im hohen Maße. Es schien daher, daß der Feind häufig diesen Gedanken fallen ließ und dafür eine Art Ermüdungstaktik betrieb. Er griff heute mit einem Teil seiner Truppen an, ließ diese dann ruhen und setzte morgen andere, übermorgen wieder andere ein. Trotz allem augenscheinlichen Drängen und seinen günstigen Nachschubverhältnissen war sein Vormarsch ziemlich langsam. Niemals sind die Truppen des Majors Kraut in eine wirklich schwierige Lage gekommen, im Gegenteil; den unsrigen glückten häufig Feuerüberfälle und Teilerfolge, die gelegentlich, wie bei einem durch Hauptmann Freiherrn von Bodecker geführten Nachhutgefecht in der Gegend von Handeni, dem Feinde recht erhebliche Verluste beibrachten.

Bei diesem von allen Seiten erkennbaren konzentrischen Vordringen des Feindes mußte man sich die Frage vorlegen, was nun mit dem vor Kondoa stehenden Hauptteil der Truppe geschehen sollte. Für einen Angriff war die Gelegenheit allzu ungünstig. Es fragte sich also, wohin im großen und ganzen unser Abmarsch zu gehen habe. Ich faßte die Gegend von Mahenge ins Auge. Sie entzog uns der Umklammerung durch den Feind und war reich und für den Kleinkrieg geeignet. Von dort aus bot sich auch die Möglichkeit, weiter nach Süden auszuweichen und den Krieg noch lange Zeit fortzusetzen.

Ein anderer wichtiger Gesichtspunkt war die Sicherung unserer an der Zentralbahn, besonders in der Gegend von Morogoro lagernden Kriegsbestände. Diese waren bei dem schnellen Vordringen des Generals Smuts, dem gegenüber Major Kraut bis über die Gegend von Handeni hinaus nach Süden vorgedrungen war, stark gefährdet. Wenn auch anzunehmen war, daß die stetig wachsende Länge seiner rückwärtigen Verbindungen den General Smuts hemmen würde, so schien er mir doch der gefährlichste und wichtigste Gegner zu sein. Ich beschloß daher, dem Kondoafeinde gegenüber nur ein Detachement unter Hauptmann Klinghardt bei Burungi stehenzulassen, mit den Hauptkräften aber wieder nach Dodoma zu marschieren, von dort mit der Bahn nach Morogoro zu fahren und an Major Kraut heranzurücken. Es hat sich später herausgestellt, daß die Engländer über diese Bewegung bis ins kleinste unterrichtet waren und z. B. über einen Eisenbahnunfall genau Bescheid wußten, der einer Kompagnie während dieses Transportes zustieß. Bei den Europäern in Morogoro verschwand beim Eintreffen unserer Kompagnien und angesichts der glänzenden Haltung der Askari auch der letzte Rest einer niedergedrückten Stimmung; jeder Mann und jede Frau hatten begriffen, daß unsere Lage zwar schwierig war, daß es aber keine andere Möglichkeit gab, als weiterzufechten, und daß unsere Truppe nach ihrer ganzen Beschaffenheit auch imstande war, noch lange mit Erfolg standzuhalten. Anfang Juli traf ich bei Major Kraut ein, der in befestigter Stellung am Kangaberge stand, nordöstlich Tuliani. Ich hatte geglaubt, daß die Askari durch das Zurückgehen niedergedrückt wären, traf sie aber in einer vortrefflichen, selbstbewußten Stimmung an. Vor ihrer Stellung hatten sie 50 bis 100 Meter Schußfeld geschaffen und waren fest davon überzeugt, daß ein feindlicher Angriff abgeschlagen werden würde.

Die Zeit bis zum Eintreffen der übrigen Abteilungen bei Tuliani benutzte ich zu Erkundungen und gewann so bald ein Bild über die Pässe, die das schwierige, westlich unserer Etappenstraße gelegene Felsen- und Waldgelände durchschnitten.

Ein Versuch, mit einer stärkeren Abteilung unter Umgehung des feindlichen Lagers dieses von rückwärts her anzugreifen, führte des außerordentlich dichten Busches wegen zu keinem Erfolg. Wohl aber erlitt der Feind Einbuße durch zahlreiche, kleine Patrouillenunternehmungen, die seine Transporte und seine hinter der Front verkehrenden Autos beschossen. Auch das Auto eines Stabes wurde bei dieser Gelegenheit wirksam unter Feuer genommen. Der Feind war ebenfalls mit Patrouillen tätig, und mehrere seiner Fernpatrouillen waren in unseren Rücken gelangt. Eine derselben, von Leutnant Wienholt geführt, verriet sich dadurch, daß sie eine unserer Trägerkolonnen überfiel und deren Lasten verbrannte. Hierunter befanden sich eine Anzahl mit dem Hilfsschiff angekommener und sehnlichst erwarteter Beinkleider. Wienholt erregte daher bei jedermann peinliches Interesse, wurde in seinem Lager im dichten Busch ausgemacht und überfallen. Er selbst entkam und wollte im Vertrauen darauf, daß im afrikanischen Busch nicht leicht jemand zu finden ist, allein durch unsere Linie hindurch zu den Engländern zurückwandern. Unseren bewährten Leuten, die früher den erfolgreichen Pferdefang am Longido gemacht hatten, van Rooyen, Nieuwenhuizen und Truppel, gelang es, seinen Wechsel aufzuspüren und ihn zu fangen. Bei der Rückkehr von einem Erkundungsgange traf ich Wienholt in unserem Lager in Tuliani bei fröhlichem Schmause mit denen, die ihn ergriffen hatten. Wir alle mußten die vortrefflichen Leistungen seiner Patrouille, deren Weg in der bei ihm erbeuteten Karte genau verzeichnet war, ehrlich anerkennen. Wienholt ist dann in das Innere in ein Gefangenenlager gebracht worden und nach Monaten aus diesem beim Baden entwichen. 1917 hat er in der Gegend von Kilwa und Liwale und später 1918 in Portugiesisch-Ostafrika wieder ausgezeichnete Patrouillendienste gegen uns geleistet. Seine Schilderung eines Überfalles durch einen Leoparden, der den Begleiter Wienholts im Lager mit großer Kühnheit schlug, hat mich lebhaft interessiert. Ich nehme an, daß er die anschauliche Schilderung, deren Original ihm leider später bei einem Patrouillenzusammenstoß abhanden gekommen und in unsere Hände gefallen ist, inzwischen seinen Bekannten und Freunden zugänglich gemacht hat.

Es vergingen jetzt Wochen, in denen uns die Engländer hauptsächlich mit Fliegerbomben belästigten. Augenscheinlich hatten sie die Stelle des Kommandolagers in Tuliani genau erfahren. Ich entsinne mich eines Tages, wo 4 Flugzeuge, denen wir nichts anhaben konnten, stundenlang über unserem Lager kreisten und Bomben abwarfen. Aber wir hatten gelernt, uns unsichtbar zu machen; nur der Europäer, der in der Telephonhütte beschäftigt war, wurde so schwer verletzt, daß er eine Hand verlor. Eine daneben gelegene Hütte mit wertvollen Akten wurde durch eine Brandbombe unter Feuer gesetzt.

Meine Automobile waren damals noch im Gange, und ich konnte häufig von Tuliani aus die auf der guten Etappenstraße vorgeschobene Abteilung Kraut schnell erreichen. Dort hatte Korvettenkapitän Schoenfeld vortreffliche Anordnungen für die Feuerleitung des 10,5 cm- und des 8,8 cm-Marinegeschützes getroffen. Von seinem auf den Höhen des Kangaberges gelegenen Artilleriebeobachtungsposten hatte man guten Einblick in die englischen Lager. Schwächere deutsche Abteilungen waren von Usambara her nicht dem Major Kraut auf Tuliani gefolgt, sondern längs der Usambarabahn in Richtung auf Tanga ausgewichen. Sie hatten dort sowie in der Gegend von Korogwe kleinere Zusammenstöße mit dem Feinde und wichen östlich der Abteilung Kraut allmählich nach Süden aus. Ihnen folgten stärkere Abteilungen des Feindes. Mit der Zeit wuchs für die Truppe bei Tuliani die Gefahr, östlich umgangen zu werden und die Verbindung mit der für die Ausrüstung mit Munition und Material sowie für die Verpflegung so wichtigen Gegend von Morogoro zu verlieren. Gleichzeitig rückte von Kondoa aus General van Deventer, dessen Truppen auf eine Division verstärkt worden waren, in südlicher Richtung vor. Vor ihm wich Hauptmann Klinghardt zunächst nach Süden und dann in Richtung auf Mpapua aus.

Die Unübersichtlichkeit und Unwegsamkeit des Geländes veranlaßte hierbei den Hauptmann Klinghardt, seine an sich schon geringen Truppen (5 Kompagnien) noch mehr zu teilen, um wichtige Pässe zu beobachten und zu sperren. Der Feind folgte mit einer großen Zahl von Automobilen, und es glückte gelegentlich, eins derselben durch eingebaute Minen zu beschädigen. Bei der notgedrungenen Zersplitterung der Kräfte des Hauptmanns Klinghardt und der Schwierigkeit der Verbindung unter ihnen konnte oft ein Teil nicht wissen, was bei den Nachbarabteilungen vorging. Eine starke deutsche Reiterpatrouille suchte von Osten kommend Anschluß an eine Abteilung die sie bei Meiameia an der Straße Dodoma-Kondoa-Irangi vermutete. Sie ritt ahnungslos in ein feindliches Lager hinein und wurde fast vollzählig gefangengenommen. Die Rückwärtsbewegung unserer Kondoatruppen, die nicht lediglich fortzukommen, sondern dem Feinde Schaden zuzufügen suchten, war ein recht schwieriges Manöver; der Moment, wann man zurückgehen, wann wieder halten und wann zu einer raschen Gegenoffensive schnell wieder vorgehen muß, um dann wieder schnell und rechtzeitig abzubauen, ist schwer zu erfassen. Zuverlässige Meldungen fehlten; bei dem Rückmarsch mehrerer Kolonnen durch unbekanntes Gelände wuchsen die Schwierigkeiten bei dem Mangel an Verbindungsmitteln ins Unendliche. Der Einfluß des Führers wurde oft ausgelöscht und dem Zufall gar zu vieles überlassen. Am 31. 7. 16 erreichte der Feind die Zentralbahn bei Dodoma. Hauptmann Klinghardt wich nach Osten längs der Bahn aus.

Bei den Gefechten, die sich westlich Mpapua abspielten, wurden einige günstige Situationen nicht erkannt, und Nachbarabteilungen, auf deren Unterstützung gerechnet wurde, trafen nicht rechtzeitig ein. Das gibt in der Truppe leicht ein Gefühl der Unsicherheit und wirkt lähmend auf das Vertrauen und die Unternehmungslust. Der Fall wurde hier noch dadurch erschwert, daß der Führer, Hauptmann Klinghardt, an Typhus erkrankte und gerade im kritischen Augenblick ausfiel. Als sein Nachfolger wurde von Tuliani her Hauptmann Otto entsandt; diesem glückte es, die auseinander geratenen Teile wieder zu sammeln und einheitlich zu verwenden.

Auch die 2. Schützenkompagnie, die auf der Straße Kondoa-Saranda nach diesem letzteren Ort zu hatte entweichen müssen und mit der die Verbindung völlig verlorengegangen war, zog sich südlich der Bahn in großem Bogen wieder an die Abteilung Otto heran. Die Gefechte der Abteilung Otto boten bei der Überzahl des Feindes vielfach das Bild eines Frontalangriffes und gleichzeitiger Umgehungen unserer beiden Flügel. Es glückte dem Feinde nicht immer, diese Bewegungen in richtigen Einklang zu bringen. So geriet bei Mpapua sein Frontalangriff zu dicht an unsere Front heran und erlitt erhebliche Verluste; auch die Umfassungen, selbst wenn sie bis in den Rücken unserer Stellungen führten, hatten keine entscheidende Wirkung. In dem unübersichtlichen Gelände war es immer möglich, sich der Gefahr zu entziehen oder, falls die Gelegenheit dazu günstig war, die umgehenden Truppen einzeln zu fassen. Auf alle Fälle erforderte die Umfassungstaktik des Feindes in dem außerordentlich dichten Busch und zwischen den vielen Felsen große Anstrengungen und brauchte die Kräfte seiner Truppen auf. Hauptmann Otto wich jeden Tag immer nur wenige Kilometer nach Osten zurück, und die Bahn gestattete ihm hierbei, nach Wunsch die Stellung seines schweren Geschützes zu ändern. Als sich die Abteilung Otto Kilossa näherte, war es notwendig, eine Verschiebung auch unserer bei Tuliani stehenden Hauptkräfte vorzunehmen. Das Kommando und ein Teil der Truppen rückten nach Morogoro; Major Kraut mit mehreren Kompagnien und einem 10,5 cm-Geschütz rückte nach Kilossa. Bei Tuliani übernahm Hauptmann Schulz den Befehl.