Ich rechnete jetzt damit, daß von Norden vordrückende Kolonnen bald die Gegend westlich von Bagamojo erreichen und auch bei diesem Ort selbst Truppenlandungen stattfinden würden. Zur persönlichen Orientierung fuhr ich nach Station Ruwu und von dort mit dem Fahrrad den sandigen und gewellten Weg entlang auf Bagamojo zu. Einen Tagemarsch südlich Bagamojo traf ich auf das Lager von zwei Europäern. Es war der Bezirksleiter Michels, der seinen gefährdeten Amtssitz von Bagamojo weiter in das Innere verlegen wollte. Die Bevölkerung war zutraulich und lebte wie im Frieden. Der Weltkrieg war an ihr bisher spurlos vorübergegangen. Da die Zeit drängte, mußte ich umkehren, und der schnelle Maskatesel des Herrn Michels brachte mich in wenigen Stunden wieder nach Ruwu. Am nächsten Tage erkundete ich von Kidugallo aus mit dem Fahrrad die dort und weiter nördlich angelegten Verpflegungsmagazine und fuhr dann wieder nach Morogoro. Andere Erkundungen, ebenfalls meist zu Rad, führten mich zu den nach Westen in Richtung auf Kilossa vorgelagerten Bergen, sowie die Straßen entlang, die westlich und östlich um die Uluguruberge herumführen. Die Pässe, die von Morogoro aus den Nordabhang des Riesenmassivs der Uluguruberge hinauf und weiter in südlicher Richtung auf Kissaki führen, mußten zu Fuß erkundet werden. Bei dem Druck des Generals van Deventer gegen Kilossa und bei der Gefahr, daß auch Hauptmann Schulz bei Tuliani umgangen wurde, durfte der Moment, Hauptmann Schulz auf Morogo heranzuziehen, nicht verpaßt werden. Um uns trotzdem die Möglichkeit zu Gegenschlägen zu wahren, mußten wir die Gegend von Tuliani solange wie möglich halten.

Die von Tuliani aus einen kleinen Tagemarsch unmittelbar nach Norden zu vorgeschobene Abteilung des Hauptmanns Stemmermann wurde bei Matomondo von starken europäischen und indischen Truppen angegriffen. Der Feind war recht geschickt. Ein an einem Felsenhange stehendes Maschinengewehr der 6. Kompagnie wurde von einzelnen Indern, die sich unbemerkt von vorn herangeschlichen hatten, ergriffen und schnell den steilen Hang heruntergeworfen, so daß es nicht wiedergefunden werden konnte. Der Feind, der in unsere Reihen eingedrungen war, wurde durch einen Gegenstoß der 21. Kompagnie mit schweren Verlusten zurückgeworfen. Im Nahkampf schoß der englische Major Buller, der Sohn des bekannten Generals aus dem Burenkriege, dem Kompagnieführer Oberleutnant von Ruckteschell durch den Hut, wurde dann aber selbst durch diesen schwer verwundet. Major Buller wurde dann in das deutsche Lazarett nach Daressalam geschafft und von der Gattin seines Gegners, die dort als Schwester tätig war, gesund gepflegt. Während des Gefechts von Matomondo hatten englische Reiter weiter westlich ausgeholt; sie erschienen überraschend in einem Gebirgspasse, der von Westen nach Tuliani führte. In dem dichten Busch hatte die unter dem General Brits aus Südafrika gekommene 2. Reiterbrigade anscheinend schwere Verluste.

Signalschüler


GRÖSSERES BILD

Hauptmann Schulz wich nun mit Genehmigung des Kommandos nach Derkawa aus, das an dem Wege Tuliani-Morogoro am Wamiflusse in dichter Buschsteppe liegt. Er stand hier in befestigter Stellung am Südufer und wurde am 13. August durch den von Tuliani her nachdrängenden Feind, der mindestens eine Infanterie- und die berittene Brigade Brits stark war, sowie gleichzeitig von Osten her durch eine Brigade, die den Wami aufwärts an dessen rechtem Ufer entlang marschiert war, angegriffen. Während des Gefechts bestand von Morogoro aus mit Hauptmann Schulz dauernde telephonische Verbindung; die Verluste des Feindes wurden auf mehrere hundert Mann geschätzt und später auch von den Engländern bestätigt. Die feindlichen Angriffe wurden abgeschlagen, aber in dem dichten Busch war die Lage so unübersichtlich, daß ein durchschlagender Erfolg nicht erreichbar schien. Hauptmann Schulz trug Bedenken, seine letzte, noch geschlossene Kompagnie einzusetzen. Seine Absicht, nach Schluß des Gefechts nach Morogoro abzumarschieren, billigte ich, da mir die Gesamtlage die Zusammenziehung meiner Kräfte wünschenswert machte. Nach dem Eintreffen des Majors Kraut bei Kilossa zog ich auch den Hauptmann Otto mit einem Teil seiner Kompagnien nach Morogoro heran. Major Kraut hatte sich hinter Abteilung Otto durch Kilossa hindurchgezogen und nahm nach Gefechten bei diesem Ort dicht südlich desselben an der Straße nach Mahenge Aufstellung. Auch nachdem feindliche Truppen in Kilossa eingerückt waren, hatte noch wenige Stunden telephonische Verbindung mit der Abteilung Kraut durch den Feind hindurch bestanden.

Von da ab war die unmittelbare Verbindung mit Major Kraut unterbrochen. Helioverbindung funktionierte nicht, und die Drahtlinien, welche von Kisaki und später vom Rufiji aus nach Mahenge und von dort zu den Truppen des Majors Kraut führten, waren noch nicht fertig, beziehungsweise noch gar nicht begonnen. Mit General Wahle bei Tabora fehlte ebenfalls seit der zweiten Hälfte des Juli, also mehr als einem Monat, jede Verbindung. Bagamojo war in die Hände des Feindes gefallen; mit dem Fall von Daressalam und der Unterbrechung der Verbindung dorthin war täglich zu rechnen.

Sechster Abschnitt
Dauernde Kämpfe in der Nähe des Rufiji

Gegen die von Neulangenburg her vorrückenden Truppen des Generals Northey war Ende Juni von Dodoma aus Hauptmann Braunschweig entsandt worden. Dieser hatte den beiden aus der Gegend Neulangenburg ausgewichenen deutschen Askarikompagnien Verstärkungen von Kondoa und von Daressalam her zugeführt und seine eigenen Truppen, im ganzen fünf Kompagnien und eine Feldhaubitze, bei Malangali gesammelt. Dort hatte seine Truppe gegen den überlegenen Feind tapfer gefochten, hatte aber doch in Richtung Mahenge ausweichen müssen.

Es fragte sich, wie jetzt, wo sich die konzentrisch vorrückenden feindlichen Kolonnen einander in der Richtung auf Morogoro näherten, unsere Operationen weiterzuführen seien. Der Feind rechnete damit, daß wir uns am Nordhange der Uluguruberge auf Morogoro zum letzten entscheidenden Kampf stellen würden. Diese Auffassung ist mir nicht recht verständlich gewesen. Bei unserer erheblichen Unterlegenheit war es doch Wahnsinn, hier die Vereinigung der feindlichen Kolonnen, deren jede einzelne uns bereits numerisch überlegen war, abzuwarten und uns dann mit dem Rücken gegen das steile Felsengebirge zu schlagen, dessen Pässe leicht zu sperren waren und das uns jede Bewegungsfreiheit in unserem Rücken nahm. Ich hielt es für praktischer, die Operationen so zu führen, daß wir es nur mit einem Teile des Feindes zu tun hatten. Bei der bekannten Vorliebe des Feindes und besonders des Generals Brits für weit ausholende Umgehungsbewegungen rechnete ich damit, daß von Dakawa, wo starke feindliche Lager festgestellt waren, oder von Kilossa her sich eine Kolonne in Bewegung setzen würde, um westlich der Uluguruberge in unseren Rücken zu gelangen. Diese Möglichkeit lag so auf der Hand, daß ich täglich nach den westlich Morogoro gelegenen Bergen hinausradelte, um dort die Meldungen unserer Patrouillen rechtzeitig entgegenzunehmen und durch eigene Beobachtung der Rauch- und Staubwolken zu ergänzen. Diese ließen bald keinen Zweifel, daß eine starke Kolonne aus der Gegend von Dakawa sich gegen die Bahn zwischen Morogoro und Kilossa in Bewegung setzte. Patrouillen stellten feindliche Truppen fest, die die Bahn überschritten und weiter nach Süden marschierten. Bergbeobachtungsposten meldeten, daß die Staubwolken die Richtung auf Mlali nahmen.