Da es meine Absicht war, diese Bewegung des Feindes weit auslaufen zu lassen und den vereinzelten Teil dann mit allen meinen Kräften anzugreifen, wartete ich ab, bis ich diese Kolonne dicht bei Mlali vermutete. Hauptmann Otto, der bei Morogoro lagerte, erhielt am Abend des 23. August den Befehl, mit drei Kompagnien in der Nacht nach Mlali abzurücken. Er traf dort am 24. frühmorgens ein, als englische Reiter soeben das Magazin Mlali in Besitz genommen hatten. Als ich im Auto bei Abteilung Otto eintraf, war das Gefecht im vollen Gange. Das Gelände war aber infolge der vielen steilen Höhen, die die Bewegung erschwerten, für kurze entscheidende Angriffsbewegungen nicht günstig. Die anderen Truppen aus Morogoro, mit Ausnahme der Abteilung des Hauptmanns Stemmermann, wurden telephonisch herangezogen. Ich selbst fuhr noch einmal nach Morogoro zu mündlichen Besprechungen hinein. Der Abteilung Stemmermann, der mit Rücksicht auf die Wegeverhältnisse auch das 10,5 cm-Königsberggeschütz und die Haubitzbatterie zugeteilt waren, erhielt den Auftrag, längs des Osthanges der Uluguruberge auszuweichen und dort den Feind hinzuhalten. Die Pässe der Uluguruberge selbst wurden durch schwache Patrouillen gesperrt. Als ich am Nachmittag wieder in der Gegend von Mlali anlangte, hatte das Gefecht zu keiner Entscheidung geführt. Die feindlichen Truppen waren an mehreren Stellen zurückgeworfen worden, und eigene glaubten, nennenswerte Verluste beim Feinde beobachtet zu haben. Beim Einbruch der Dunkelheit waren wir aber so in die Berge hineingeraten, und jede Bewegung gestaltete sich so schwierig und zeitraubend, daß wir halten blieben. Die Nacht war recht kalt, als wir ohne unsere Lasten auf den Höhen lagen. Glücklicherweise aber war die reiche Gegend bisher durch den Krieg kaum in Anspruch genommen worden, und ein am Spieß geröstetes Huhn stillte bald den knurrenden Magen.
Am nächsten Morgen zeigten uns zahlreiche Explosionen in den deutschen vom Feinde überraschten Magazinen, daß der Gegner abgezogen war und unsere dort gestapelten 10,5 cm-Granaten zerstört hatte. Dieser Abzug wurde in südwestlicher Richtung gehend vermutet, was sich später auch als richtig herausgestellt hat. Es war wahrscheinlich, daß der Feind eine Umgehungsbewegung machte, um vor uns Kissaki zu erreichen. Bei der reichen Verwaltungsstelle dieses Ortes waren 600000 Kilogramm Verpflegung und das von Morogoro abtransportierte Truppenmaterial gesammelt worden. Wilde Gerüchte eilten der Wirklichkeit voraus und berichteten, daß bereits starke Kräfte südlich von uns auf den nach Kissaki führenden Wegen angelangt seien. Wenn nun auch die Fahrstraße bei Mlali aufgehört hatte und die weiteren Wege nach Kissaki nur Pfade mit vielen Schluchten und Hindernissen waren, so war doch mit der Möglichkeit eines schnellen Marsches des Feindes nach Kissaki sehr ernsthaft zu rechnen, und wir durften keine Zeit verlieren. Am Abend fanden wir in der Mission Mgeta bei dem dortigen Pater eine überaus gastliche Aufnahme. Die Gebäude liegen reizend in dem tiefen Einschnitt des Mgetaflusses, der hier ziemlich reißend zu Tal fließt. Die vielen Lichter am Bergabhange erweckten den Eindruck, als ob man sich in Deutschland einem kleinen Badeorte nähere. Auch einige Europäerinnen aus Morogoro weilten hier und nahmen den letzten Abschied von der Truppe. Mit Ausnahme weniger Krankenschwestern mußten alle Frauen zurückbleiben.
Der Abtransport unserer Lasten arbeitete leidlich. Es kam der Truppe zustatten, daß etwa tausend schwarze Arbeiter, die noch bis vor wenigen Tagen in den Forstkulturen bei Morogoro gearbeitet hatten, ihr auf Drängen des umsichtigen Hauptmanns Feilke zur Verfügung gestellt wurden. Die Trägerfrage fing aber an, schwierig zu werden. Die Leute sahen, daß wir die Gegend räumten; eine Anzahl der Eingeborenen, die ihr Erscheinen zugesagt hatten, blieben zur Verzweiflung der verständigen Jumben, die uns gern helfen wollten, aus. Da in der Gegend von Mgeta nur schwache Abteilungen des Feindes erschienen, wurde es wahrscheinlich, daß seine Hauptkräfte eine Umgehungsbewegung ausführten. Unter Belassung einer Nachhut, die uns nur allmählich folgte, wurde daher unser Gros in den nächsten Tagen näher an Kissaki herangezogen. Eines Nachts erschien ein Askari in strammer Haltung an meinem Lager; es war der in Morogoro krank zurückgelassene Effendi Juma Mursal der 4. Feldkompagnie. Er war aus dem Lazarett fortgegangen und uns über die Berge gefolgt. Er berichtete, daß der Feind so stark, wie früher bei Kahe, von Morogoro westlich um die Uluguruberge herum marschiert sei und daß einer Anzahl deutscher Askari die Gefechte der letzten Zeit zuviel geworden wäre. Sie hätten sich von der Truppe entfernt und raubten in den Pflanzungen südwestlich Morogoro.
Von Kissaki aus wurde eine Fernsprechleitung zu uns gelegt; durch sie hielt uns Hauptmann Tafel dauernd unterrichtet, daß bei Kissaki vom Feinde nichts zu merken sei. Aber westlich von uns wurde der Vormarsch feindlicher Kräfte nach Süden durch unsere Patrouillen festgestellt. Ich rückte deshalb nach Kissaki und mußte einen Teil unseres Kriegsmaterials, das in kleinen Depots an unserem Wege gelagert war, vernichten. Leider fand hierbei wiederum, wie schon vorher in Morogoro bei gleicher Gelegenheit, ein tüchtiger Feuerwerker durch Unglücksfall den Tod. In Kissaki dauerte es mehrere Tage, ehe wir ernsthaft mit dem Feinde in Berührung kamen. Die Boma (Feste) selbst zu besetzen, war nicht ratsam; sie bestand aus einem von massiver hoher Mauer umgebenen Gebäudekomplex und lag inmitten eines völlig freigeschlagenen Geländes. Der Feind konnte sie daher nur durch einen verlustreichen Angriff nehmen, aber er brauchte gar nicht zu stürmen; durch Artillerie und Fliegerbomben hätte er den Aufenthalt in dem engen Raum der Boma unleidlich gemacht, und der Verteidiger wäre in die Notwendigkeit geraten, seinerseits aus der Boma heraus über das freigeschlagene Schußfeld zu gehen und das Feuer auszuhalten, das der Feind dann in aller Ruhe auf ihn abgab. Unsere für den Kampf geschaffenen Geländeverstärkungen lagen deshalb weit außerhalb der Boma, gegen Fliegerbeobachtung gedeckt und so angelegt, daß sie ungesehen besetzt und wieder geräumt werden konnten.
Über die reichen Bestände an Material und Verpflegung in Kissaki gewann ich erst beim persönlichen Eintreffen ein klares Bild. Ich erfuhr, daß entgegen meiner Annahme weiter südlich bei Behobeho und am Rufiji bei Kungulio so gut wie nichts lagerte. Bei Kissaki lagerten große Bestände, aber trotz der dichten Eingeborenenbesiedlung war ein Abtransport nicht möglich. Die zahlreich vorhandenen Leute, denen der Krieg und die vielen Askari etwas ganz Neues waren, verloren den Kopf und liefen in den Busch. Die Zivilverwaltung, die das volle Vertrauen der Leute genoß, erwies sich den so überwältigend auf die Eingeborenen einstürmenden Einflüssen gegenüber als machtlos. Selbst Geschenke von den sonst so hochgeschätzten Kleidungsstücken vermochten die Leute nicht zu halten. Es schien, als ob sich alle bösen Geister verschworen hätten, um uns die Transportmöglichkeit zu nehmen. Unsere Kolonne von mehreren hundert Trageseln war von Morogoro über die Berge getrieben worden. Sie langte verspätet und gänzlich erschöpft in Kissaki an. Die wenigen Ochsenwagen, die wir hatten und die der Beschaffenheit der Straße wegen östlich um die Uluguruberge herum fahren mußten, wollten und wollten nicht ankommen. Der Leiter des Etappenwesens sah auch keinen Ausweg zum Weitertransport unserer für den Krieg notwendigen Bestände. Und doch war es klar, daß wir vor der feindlichen Übermacht weiter nach Süden an den Rufiji ausweichen mußten.
Ein Lichtblick war es, daß unsere großen Viehbestände, die östlich Mpapua geweidet hatten, von dort rechtzeitig weggeführt wurden. Mehrere tausend Stück, meist schönes Rindvieh, gelangten nach Kissaki und wären eine höchst willkommene bewegliche Verpflegungsreserve gewesen. Leider aber wurde die Freude hierüber durch die an manchen Stellen häufig vorkommende Tsetsefliege beeinträchtigt; erkrankten die Tiere durch deren Stich, so kamen sie sehr herunter und gingen meist nach wenigen Wochen ein. Die Masse des Viehs wurde deshalb in die gesunden Gegenden am Rufiji weitergetrieben. Im übrigen wurde mit allen Truppenträgern, dann mit allen erreichbaren Leuten aus der Landschaft und den paar Fahrzeugen ganz energisch aus Behobeho und weiter aus Kungulio abtransportiert. Hierfür mußte Zeit gewonnen werden, und Hauptmann Stemmermann, der auf der Oststraße um die Uluguruberge herum marschierte, durfte nur ganz langsam vor der feindlichen Division zurückgehen, die ihm mit aller Anstrengung nachdrängte.
Bei Kissaki wartete ich mit den Hauptkräften der Truppe ab, um die Gunst der Lage schnell erfassen und ausnutzen zu können. Wie zu erwarten stand, hatte der Feind infolge unseres Abmarsches auf Kissaki die Konzentration seiner Truppen bei Morogoro aufgegeben, war mit einigen Teilen unmittelbar über die Uluguruberge, mit anderen getrennten Kolonnen aber, weit westlich und östlich ausholend, gefolgt. Die Hoffnung, eine oder mehrere dieser feindlichen Kolonnen getrennt zu schlagen, hat sich nun über Erwarten erfüllt. General Brits hatte westlich der Uluguruberge seine Division in einzelne Brigadekolonnen (zwei Brigaden beritten und eine zu Fuß) zerlegt, die miteinander schwer Verbindung halten konnten. Bald wurden, einen Tagmarsch westlich Kissaki, starke feindliche Lager festgestellt, und am 7. September 1916 wurde die in einer Pflanzung bei Kissaki liegende Abteilung des Hauptmanns Otto von einem starken berittenen europäischen Gegner und von schwarzen und weißen Fußtruppen angegriffen. Es stellte sich später heraus, daß der Feind aus der berittenen Brigade des Generals Enslin und Teilen der Infanteriebrigade der Division Brits bestand. Die Umgehung, die der Feind um den linken Flügel der Abteilung Otto herum ausführte, wurde so weit auslaufen gelassen, bis die feindliche Umgehungsabteilung ganz im Rücken der Abteilung Otto in der Nähe der Boma Kissaki angelangt war. Augenscheinlich rechnete der Feind nicht damit, daß weiter rückwärts noch deutsche Reserven verdeckt aufgestellt waren. Diese wurden nun losgelassen. Die tapfere 11. Feldkompagnie mit Leutnant d. R. Volkwein gelangte durch den dichten Busch hart an den umgehenden Feind und griff ihn sofort unter Hurra mit aufgepflanztem Seitengewehr an. Damit waren die schönen Pläne des Feindes zusammengeklappt; in weiterem Vorgehen wurde er jetzt einfach aufgerollt und vollständig geschlagen. Ein energisches Nachdrängen und eine großzügige Verfolgung waren bei dem kaum durchdringlichen Busch nicht möglich, aber die feindlichen Truppen waren zum großen Teil aufgelöst und in ihren Teilchen in wirrem Durcheinander im Busch zerstreut. Die Handpferde mit ihren Pferdehaltern wurden erbeutet, einige fünfzehn Europäer gefangen. Noch am nächsten Tage kam aus einer ganz anderen Richtung ein englischer Soldat an, der sich mit seinen Handpferden im dichten Busch verirrt und keine Ahnung hatte, wohin er gehen sollte. Der Mann hatte viel Humor; er warf sein Gewehr und seine Patronen über einen kleinen Fluß und sagte: „Es ist eben Zufall; ich konnte den richtigen Weg nehmen oder den falschen. Ich hatte das Pech, den falschen Weg zu nehmen. Das ist mein Fehler.“
Die Abteilung Tafel, die nördlich Kissaki an unserem Anmarschwege lagerte, hatte am 7. September nur noch abends mit Teilen in das Gefecht eingegriffen; ich hatte sie zurückgehalten, da ich glaubte, daß gleichzeitig mit dem am 7. von Westen erfolgenden Angriff auch ein solcher von Norden her längs unserer Anmarschstraße einsetzen würde. Diese an sich zweckmäßige Absicht hat General Brits zweifellos auch gehabt; ihre Ausführung ist ihm aber mißlungen. Die berittene Brigade des Generals Nussy kam, ohne eine Ahnung von dem Gefecht vom 7. zu haben, am 8. von Norden her gegen die Abteilung Tafel anmarschiert. Sie wurde ebenso gründlich geschlagen wie ihre Kameraden am Tage vorher. Das Gefecht am 8. war im dichten Busch noch unübersichtlicher, und es gelang einer größeren Anzahl von Gefangenen, die die 1. Kompagnie gemacht hatte, wieder zu entkommen.
Ein Teil der an beiden Tagen gemachten, etwa dreißig europäischen Gefangenen wurde gegen die eidliche Verpflichtung, in diesem Kriege nicht mehr gegen Deutschland und seine Verbündeten zu kämpfen, an den Feind zurückgegeben. Das Menschliche dieser Maßregel, die unter den tropischen Verhältnissen im eigensten Interesse der Gefangenen lag, wurde von den Engländern verkannt. Sie glaubten an Spionage, hielten den deutschen Parlamentär, der die Gefangenen zurückbrachte, fest, schickten ihn dann mit verbundenen Augen mitten in den Urwald und ließen ihn dann auf gut Glück laufen. Es war ein Wunder, daß der durch langes Umherirren erschöpfte Mann sich zu uns zurückfand. Man sieht hieraus, wie es uns englischerseits erschwert wurde, unnötige Härten dem Feinde gegenüber zu vermeiden. Dabei hatte der englische Troupier Vertrauen zu der Behandlung, die wir gegen Gefangene übten. Verwundete Engländer baten beim Aufräumen des Gefechtsfeldes, an dem sich deutsche und englische Ärzte beteiligten, darum, doch von dem deutschen Arzt behandelt zu werden. Und auch später äußerten Verwundete, daß sie bei einer Behandlung durch englisches Sanitätspersonal kaum wiederhergestellt worden wären.
Ich war der Auffassung, daß diese erfreulichen Erfolge von Kissaki eine endgültige Entscheidung gegenüber den Truppen des Generals Brits nicht gebracht hatten, und glaube auch jetzt noch, daß bei dem dichten Busch und der Zerklüftung des Geländes eine energische Verfolgung, die ja allein den erstrebten Erfolg hätte verwirklichen können, nicht durchführbar war. Meine Aufmerksamkeit richtete sich um so mehr gegen den der Abteilung Stemmermann folgenden Feind, als dieser bis zwei Tagemärsche nordöstlich Kissaki herangekommen war. Die Lage war dort in den letzten Tagen nicht günstig gewesen; das gebrochene Gelände hatte mehrfach zu einer Zersplitterung der deutschen an sich schon schwachen Kräfte verleitet. Einzelne Teile waren in Hinterhalte geraten, die Truppe war sehr angestrengt, und manchem war die Sache stark auf die Nerven gegangen. Am 9. September näherte sich Abteilung Stemmermann dem Orte Dutumi, der mir durch vorherige Erkundung bekannt war. Ich glaubte, daß der Feind schon am nächsten Tage weiter drängen würde und hielt die Gelegenheit für günstig, bei einer schnellen Verschiebung unserer Hauptkräfte von Kissaki nach Dutumi dort einen Erfolg zu erzielen. Abends marschierten wir von Kissaki auf der schönen breiten Straße ab und langten im Laufe der Nacht bei Dutumi an. Hauptmann Otto blieb mit fünf Kompagnien bei Kissaki. Bei der Ankunft beschloß ich, das Moment der Überraschung auszunutzen und den feindlichen linken Flügel, der dicht vor der Abteilung Stemmermann festgestellt war, in der Morgenfrühe umfassend anzugreifen. Es war mir bekannt, daß dieser Flügel in der Ebene stand, während sich die feindliche Mitte und der rechte Flügel von uns aus gesehen nach links die Vorberge des Ulugurugebirges hinaufschob. Auf unserem linken Flügel war eben dieser Vorberge wegen die Angriffsmöglichkeit weniger günstig.