Am 9. September früh ging nun auf unserem rechten Flügel die Abteilung Schulz zum Angriff vor. Bald setzte auf beiden Seiten Gewehr- und Maschinengewehrfeuer ein, und auch leichte feindliche Artillerie begann zu schießen; bei der Bewachsung der Ebene mit dichtem, hohem Elefantengras war es aber unmöglich, ein klares Bild zu gewinnen. Ich glaubte den Angriff in gutem Fortschreiten und begab mich zur Orientierung auf den linken Flügel. Die dortigen Höhen waren gleichfalls dicht bewachsen. Es war sehr anstrengend, vorwärts zu kommen, und schwer, jemand zu finden. Ziemlich erschöpft kletterte ich in der tropischen Mittagshitze herum, als ich glücklicherweise das Geräusch von Blechgeschirr hörte und meine Vermutung, daß hier ein Europäer gerade seine Mahlzeit einnahm, bestätigt fand. Es war Hauptmann Goering, der im Busch auf einer Höhe, die gute Aussicht bot, Aufstellung genommen hatte. Hier traf gegen 3 Uhr nachmittags die wenig erfreuliche Meldung ein, daß auf unserem rechten Flügel der Angriff der Abteilung Schulz sein Ziel nicht erreicht hatte. Es war einfach nicht gelungen, durch das dichte Elefantengras an den Feind heranzukommen. Sollte also am heutigen Tage überhaupt noch etwas Entscheidendes unternommen werden, so war dies nur auf unserem linken Flügel möglich. Sehr wahrscheinlich war angesichts des schwierigen Geländes ein Erfolg auch hier nicht. Die vorgehenden Kompagnien gerieten in ein sehr schluchtenreiches Berggelände, in dem sie sich ergebnislos mit dem Feinde herumschossen, und kehrten bei Dunkelheit in ihre Ausgangsstellungen zurück.
An den folgenden Tagen griff nun der Feind in der Hauptsache auf unserem linken Flügel an und wurde mehrfach in Gegenstößen abgewiesen. Im großen und ganzen war es aber klar, daß in dem Gelände von Dutumi ein entscheidender Erfolg nur bei großer Ungeschicklichkeit des Gegners erreichbar war; dagegen war unsere rückwärtige Verbindung, die nicht mehr nach Kissaki, sondern von jetzt ab nach Südosten auf Behobeho zu führte, in hohem Maße durch den Feind gefährdet. Ich gab deshalb Dutumi auf und rückte mit dem Gros eine Stunde weiter nach Süden über den Mgetafluß hinüber, wo die Truppe ein ausgedehntes befestigtes Lager bezog, das sie monatelang besetzt hielt. Durch diese Bewegung wurden leider die reichen Felder von Dutumi aufgegeben. In dem armen Gebiet von Kiderengwa mußten wir uns in der Hauptsache auf Nachschub basieren, der vom Rufiji her kam. Leider hat die Anstrengung dieser Transporte, verbunden mit Erkrankung an Tsetse, sehr bald zum fast vollständigen Eingehen unserer Tragesel geführt. Von Kiderengwa aus gingen die Kampfpatrouillen an die rückwärtigen Verbindungen des Feindes, die von Dutumi nach Nordosten führten, sowie an die Straße Dutumi-Kissaki, die bald von feindlichen Abteilungen und Transporten belebt war.
Übereinstimmende Beobachtungen zeigten nun auffallende Truppenbewegungen beim Feinde; sowohl östlich wie westlich der Uluguruberge wurden Truppentransporte nach Morogoro in solcher Stärke beobachtet, daß die Eingeborenen sagten: „Wana hama“ (Sie ziehen um). Ein großer Teil der südafrikanischen Europäer, von denen viele übrigens am Ende ihrer Kräfte angelangt waren, wurde in die Heimat entlassen. Andere Beobachtungen zeigten eine Truppenverschiebung nach Osten. Im allgemeinen trat eine Ruhepause ein, die nur von kleinen Patrouillenunternehmungen und gelegentlichen Artilleriebeschießungen unterbrochen wurde.
General Smuts war sich seines Fehlschlages bewußt. Er forderte mich brieflich auf, mich zu ergeben, und offenbarte dadurch, daß er am Ende seiner Machtmittel angelangt war.
Siebenter Abschnitt
Feindliche Angriffe im Südosten der Kolonie
Inzwischen erforderte die Lage bei Kilwa erhöhte Beachtung. Dort fanden seit einigen Tagen größere Truppenlandungen statt. Wir hatten nur schwache Küstenschutzabteilungen, die meist aus jungen, neu angeworbenen Askari bestanden und in eine Kompagnie zusammengefaßt waren. Diese Kompagnie war nicht ausreichend, und es bestand die Gefahr, daß von Kilwa her feindliche Truppen an den Rufiji oder nach Liwale marschierten und in unseren Rücken gelangten. Zweifellos trug sich der Feind mit derartigen Absichten, und es mußte dagegen etwas getan werden. Major von Boemcken war mit drei Kompagnien schon vom Gefechtsfelde von Dutumi aus nach Kungulio am Rufiji abgerückt; von dort erfolgte Fußmarsch und Transport auf dem Heckraddampfer „Tomondo“ nach Utete. Der „Tomondo“ war das einzige auf dem Rufiji verkehrende, ganz flach gehende Dampfschiff und leistete zum großen Teil die Verpflegungstransporte, die vom unteren Rufiji bis Kungulio geschafft und dann weiter mit Eseln und Trägern zur Truppe bei Kiderengwa gebracht wurden. Es bedurfte jetzt einiger Auseinandersetzungen, bis der „Tomondo“ seitens der Verwaltung für die notwendigen Truppentransporte zur Verfügung gestellt wurde. Bei Kilwa entwickelte sich die Lage für uns nicht nach Wunsch; es kam zwar zu einer Anzahl nicht ungünstiger kleiner Gefechte, aber, wie so oft während des Krieges, glückte es nicht, unsere dortigen Kräfte einheitlich zu verwenden. Unter anderem gelang dem Feinde die Zerstörung eines westlich Kilwa in allzu großer Nähe der Küste angelegten Verpflegungsmagazins. Die Eingeborenen wurden in geschickter Weise durch den Feind zum Aufstand gereizt und leisteten ihm wertvolle Spionendienste. Mehrere deutsche Erkundungsabteilungen gerieten in verlustreiche Hinterhalte. Der oberste Zivilbeamte des Bezirks Kilwa wurde gefangengenommen. Die Ungunst der an sich schwierigen Lage bei Kilwa war noch dadurch vergrößert worden, daß die Askari des Bezirksamtmanns nicht dem militärischen Befehlshaber unterstellt wurden.
Gleichzeitig machte sich von Norden, aus der Richtung von Daressalam her, der Druck feindlicher Kräfte gegen den unteren Rufiji zu fühlbar. Unsere von Daressalam nach Süden an den Rufiji ausgewichenen schwachen Abteilungen, die in der Hauptsache aus einer jungen Askarikompagnie und einem Teil der Königsbergbesatzung bestanden, waren keine ausreichende Deckung für das reiche Verpflegungsgebiet des unteren Rufiji. Auf dieses war die Truppe aber zur Zeit durchaus angewiesen, denn die Gebiete des mittleren Rufiji waren nur dünn besiedelt und konnten auf die Dauer die Verpflegung für Soldaten und Träger nicht liefern. Auf die Erträge der von uns angesichts dieser Notlage sogleich in den fruchtbaren Niederungen von Logeloge und Mpanganja angelegten Maisfelder war vor März 1917 nicht zu rechnen. Es drohte daher eine große Gefahr, als mehrere Inderkompagnien den vorgeschobenen Offiziersposten in der Boma Kissangire angriffen. Der Feind, der ohne genügende Feuervorbereitung gegen das steile Mauerwerk anstürmte, wurde mit erheblichen Verlusten zurückgeschlagen. Leider fand auch der deutsche Führer, Leutnant d. R. Baldamus, der sich allzusehr den feindlichen Geschossen aussetzte, den Tod. Sein tapferes und zähes Aushalten hat uns den Sitz der Verwaltungsstelle Kissangire bis zum Eintreffen ausreichender Verstärkungen gesichert, und so ist es diesem Offizier zu danken, daß wir das reiche Verpflegungsgebiet des unteren Rufiji noch monatelang zur Verfügung behielten.
Es wurde schon erwähnt, daß bei Kiderengwa ein Stillstand in den Bewegungen eingetreten war; ein Angriff auf den in starker Stellung verschanzten Feind versprach keinen Erfolg. Das Kommando ließ deshalb in der Gegend Kissaki-Kiderengwa nur acht Kompagnien unter Hauptmann Tafel, eine Truppenstärke, die später noch vermindert wurde. Mit dem Hauptteil der Truppen rückte das Kommando zum unteren Rufiji ab. Der Weg nach Kungulio führte an großen Seen vorbei, die, ebenso wie der Rufiji, mit vielen Flußpferden belebt waren. Bei dem allgemeinen Bedürfnis nach Fett wurde die Flußpferdjagd eine Lebensfrage. Man muß aufpassen, bis der Kopf des Tieres gut sichtbar wird und man einen sofort tödlichen Schuß anbringen kann. Das Tier versinkt dann, kommt nach einiger Zeit wieder hoch und wird vermittels eines aus Baumrinde schnell hergestellten Seiles an das Ufer gezogen. Dort wird es zerlegt, und der Sachverständige kennt sehr wohl die Stellen, wo das weiße, appetitliche Fett sitzt. Die Menge desselben ist sehr verschieden: ein feistes Stück liefert gut zwei Eimer voll. Aber nicht nur die Bereitung des Fettes, sondern auch die Anbringung des sofort tödlichen Schusses will gelernt sein. Törichte Leute waren leichtsinnig verfahren, und man konnte an vielen Stellen die verendeten Kadaver angeschossener Tiere sehen, die schnell verderben und für die Verpflegung unbrauchbar werden. Auch der Elefant wurde jetzt mit anderen Augen angesehen als früher; während der Elefantenjäger sonst Länge und Gewicht der Zähne abschätzte, ehe er seinen Schuß abgab, drängte sich jetzt die Frage in den Vordergrund: wieviel Fett wird das Tier liefern? Denn auch das Elefantenfett ist sehr gut und vielleicht von noch besserem Geschmack als das des Flußpferdes.
Bei Kungulio waren die mitgeführten Viehherden in den Fluß getrieben worden und hatten diesen durchschwommen. Der Übergang der Truppe hatte sich bisher auf Fähren vollzogen, an denen der Betriebsdirektor unserer verlorenen Nordbahn, Herr Kühlwein, sich jetzt mit der bescheideneren Stellung eines Betriebsdirektors der Kunguliofähre begnügte. Als wir eintrafen, war die auch für Fahrzeuge gangbare, etwa 300 m lange Brücke fertig geworden. Wir bezogen auf dem Südufer ein Lager an der Pflanzung Niakisiku, des zur Truppe eingezogenen Leutnants d. R. Bleeck. Die Europäerhäuser waren als Lazarett eingerichtet und voll belegt. In Logeloge trafen wir den Sitz der Etappenleitung; dort war eine große Anzahl geräumiger Grashütten für die Truppe hergestellt worden. Die Pflanzung selbst, einer Gesellschaft gehörig, zeigte weitausgedehnte Sisalfelder. Auch Verpflegung war reichlich angebaut. In dem tsetsefreien Gebiet wurde viel Rindvieh gehalten, und auch der Rest unserer Tragesel war aus den Tsetsegegenden nördlich des Rufiji nach hier zurückgezogen worden. Die Familien der Europäer wohnten hier noch friedlich in ihren Massivhäusern und waren dankbar, daß ihnen der bisherige Verlauf der Operationen es ermöglicht hatte, länger als zwei Jahre ihr häusliches und wirtschaftliches Leben ungestört weiterführen zu können.
In Logeloge und der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt von Mpanganja, die wir am nächsten Tage erreichten, hatten sich auch andere Europäer der Umgegend gesammelt und sich, soweit sie in den vorhandenen Baulichkeiten nicht unterkamen, Häuser aus Holzstangen und Rohr oder Gras gebaut. Auch eine wenig erfreuliche Erscheinung trat hier hervor. Während die Truppe an der Front vom besten Geiste und großer Unternehmungslust beseelt war, sah es hinter der Front manchmal anders aus. Leute, die am wenigsten von der Sache verstanden, wußten alles besser und nährten eine gewisse Unzufriedenheit. So etwas wirkt ansteckend und untergräbt auf die Dauer die richtige Empfindung. Erfreulicherweise war aber bei vielen hinter der Front befindlichen Leuten der Truppe der soldatische Stolz doch stark genug, um die Miesmacher gelegentlich in derber Weise abzuführen. In einem der dortigen Lazarette gab jemand seiner abfälligen Kritik allzu beredten Ausdruck; da antwortete ihm ein Verwundeter: „Ich will Ihnen einmal etwas sagen. Der Kommandeur ist das Gehirn der Truppe, aber Sie sind das A... der Truppe!“ Die ungeschminkte Bezeichnung war so treffend, daß sie sofort alle Lacher auf die Seite des Sprechenden brachte und die Schlacke fortputzte, die sich anzusetzen drohte.