Es war nun die Frage, ob das Kommando sich zuerst nach Norden, gegen den Feind bei Kissangire, oder gegen den Kilwagegner wenden sollte. Dieser war nicht, wie Major von Boemcken befürchtet hatte, in der Richtung auf Liwale weiter gerückt, sondern hatte sich, vielleicht veranlaßt durch unsere Truppenverschiebungen, in nördliche Richtung gewandt. So schob er sich in die reiche, aber sehr bergige und für Truppenbewegungen schwierige Gegend von Kibata. Dort schien mir der Feind im Augenblick wenig gefährlich. Ich hielt es für ausreichend, wenn er nur am weiteren Vordringen gegen den Rufiji gehindert wurde, eine Aufgabe, zu der schwache Kräfte, fünf Kompagnien unter Hauptmann Schulz, genügten. Major von Boemcken, der für Liwale fürchtete, war mit zwei Kompagnien und einem 10,5 cm-Geschütz in die Gegend von Mpotora geraten, ein Zufall, aus dem wir, wie sich zeigen wird, später viel Nutzen gezogen haben. Ich hatte daher freie Hand zum Weitermarsch auf Kissangire. Das war wichtig und ermöglichte uns die Sicherung des reichen Verpflegungsgebietes nördlich des unteren Rufiji und den Abtransport der reichen Bestände von dort nach dem mittleren Rufiji. Ob sich dort Gelegenheit zu Waffenerfolgen bieten würde, war nicht zu übersehen; ich glaubte aber, daß der Feind, der ja auch von den Ulugurubergen her Truppen nach Osten in die Gegend von Kissangire geschoben hatte, von Norden drücken würde. So konnte sich also sehr wohl die Gelegenheit für ein günstiges Gefecht bieten. Wir überschritten den Rufiji bei Utete in Booten und langten in wenigen Tagen in Makima, einen Tagemarsch südlich Kissangire, an. In Kissangire selbst war inzwischen eine ausreichende Besetzung von zwei Kompagnien versammelt worden und dort eifrig mit Geländeverstärkungen beschäftigt. Etwas weiter nördlich, bei Maneromango, befand sich ein starker Gegner, und eine Europäerpatrouille, die noch von Kiderengwa abgegangen war, bestätigte uns die Verschiebung feindlicher Kräfte von Westen her in die Gegend Maneromango-Kissangire.
Diese Patrouille war einige Tage nach ihrem Abmarsch von Kiderengwa in furchtbarer Hitze in wasserloses Gebiet geraten, und die einzelnen Teilnehmer hatten sich im dichten Busch untereinander verloren. Die Leute machten sich durch Schießen bemerkbar und mußten sich notgedrungen den Engländern gefangen geben. Nur der zähe Patrouillenführer war in ein Eingeborenendorf gekommen, wo ihn die Leute anscheinend freundlich begrüßten und ihm Eier brachten. Als er sich nach diesen beugte, fielen die Schwarzen über ihn her und übergaben ihn einer englischen Askaripatrouille, die in der Nähe versteckt war. Ein Askari mit Maultier, der sich ziemlich hochfahrend benahm, hatte den Deutschen weiter zu transportieren. Beim Transport machte der Deutsche in der Unterhaltung ihn auf Fehler an seinem Sattelzeuge aufmerksam, und es gelang ihm, das Maultier in seine Hand zu bekommen und auf ihm schleunigst davonzureiten. Bei dem sich entspinnenden Handgemenge hatte er die Schußwaffe des Askari ergriffen und diesen damit erschossen.
Auch östlich Kissangire drangen unsere Abteilungen weiter nach Norden vor, und es kam zu einer ganzen Reihe kleinerer Buschgefechte, die gelegentlich für den Feind recht verlustreich waren. Etwas östlich, an der Küste bei Kissidju, trieben sich auch feindliche Abteilungen herum, und dort lag auch ein kleines englisches Kriegsschiff. Hauptmann von Lieberman überfiel eines Morgens mit seiner 11. Kompagnie diesen Gegner, und unsere Askari gingen ihm mit Hurra recht gründlich zu Leibe. Auch auf das Kriegsschiff wurden einige anscheinend erfolgreiche Schüsse aus dem Feldgeschütz angebracht. Nach Vertreibung des Feindes aus Kissidju kehrte Hauptmann von Lieberman sodann zurück. Auch gegen die rückwärtigen Verbindungslinien des Gegners wurde gearbeitet, und fast täglich kam es zu kleinen Gefechten.
Das dichtbesiedelte Land ist von geradezu fabelhaftem Reichtum. Askari und Europäer hatten außer reichlich Mehl auch Mangos, Papeien, Mustaphelen, Kokosnüsse und andere Arten tropischer Früchte zur Verfügung. Überraschend waren die großen Reisfelder, die hier dicht südlich Daressalam lagen, während doch im Frieden Reis zum großen Teil von Indien importiert wurde. Vieh war wenig vorhanden, aber die Kompagnien fingen an, Jagdkommandos weit in die wildreiche Steppe zu entsenden, die sich besonders im Westen unserer Stellungen erstreckte. Daß Wild in der Nähe sein mußte, darauf wiesen schon die zahlreichen Löwen hin. Mehrfach ist eine Familie von fünf Löwen nachts durch unser Lager gewandert und hat dabei auch Tiere geschlagen.
Während sich das Kommando in Makima aufhielt, traf im Oktober eine Nachricht ein, die vermuten ließ, daß die feindliche starke Truppenlandung bei Kilwa sowie das Erscheinen feindlicher Abteilungen, die von Westen her in Richtung auf Liwale an den Mbarangandufluß gelangt waren, zu einer großen konzentrischen Bewegung des Feindes gegen Liwale gehörten. Starke portugiesische Truppen hatten den Rowuma überschritten, waren in das Makondehochland eingefallen und hatten sich in den Besitz von Newala gesetzt. Der Kommandant der „Königsberg“, Kapitän z. S. Looff, war an Land nach Räumung von Daressalam zunächst wieder in das alte Gebiet der „Königsberg“ am Rufiji gerückt und war dann nach Lindi marschiert. Er hatte jetzt den Befehl im Süden übernommen. Mit den drei dort zunächst nur verfügbaren neu aufgestellten Askarikompagnien hatte er sich gegenüber starken Stellungen des Feindes, der bei Lindi gelandet war, verschanzt, die Hilfsschiffstransporte, die von Ssudi nach dem Norden gingen, gesichert und den Portugiesen, die sich am unteren Rowuma zeigten, durch kleinere Unternehmungen Schaden zugefügt. Um sich nun auch noch mit der Aussicht auf einen schnellen durchschlagenden Erfolg gegen die hinter ihm bei Newala vordringenden Portugiesen zu wenden, dazu waren seine Kräfte etwas schwach.
Askari
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GRÖSSERES BILD
Es war nun recht willkommen, daß sich, wie oben erwähnt, zwei Kompagnien und das 10,5 cm-Königsberggeschütz der Abteilung von Boemcken zufällig bei Mpotora befanden. Als Führer für dieses Detachement wurde vom Rufiji her Hauptmann d. R. Rothe entsandt, der unter den jetzigen Verhältnissen als Oberpostdirektor abkömmlich war und auf sein eigenes Drängen der Truppe uneingeschränkt zur Verfügung gestellt wurde. In wenigen Tagen traf er von Niakisiku mit Fahrrad bei seinem Detachement ein und führte es auf Newala vor. Kapitän Looff übernahm den gemeinsamen Befehl; die Portugiesen wurden mit dem Königsberggeschütz gehörig zusammengeschossen und ihre Stellungen im Sturm genommen. Es gab eine wirklich sehr beträchtliche Beute von vier Gebirgsgeschützen, einer Anzahl Maschinengewehre, mehreren hundert Gewehren, vieler Munition, mehreren Automobilen, Verpflegung und Ausrüstung aller Art. Im Laufe der nächsten Woche wurden immer von neuem Verstecke von vergrabenem Material und Munition aufgefunden. Sehr verschwiegene Orte waren besonders ergiebig. Die Portugiesen wurden vollständig vom deutschen Gebiet verjagt und ein Stück in ihr eigenes Gebiet hinein verfolgt. Aber die Rücksicht auf die allgemeine Lage hielt mich davon ab, die Verfolgung wirklich bis auf das äußerste fortzusetzen. Abteilung Rothe wurde wegen der Beachtung, die der immer stärker werdende Kilwagegner erforderte, wieder nach Mpotora herangezogen. Schon bevor diese Bewegung ausgeführt wurde, hielt ich die Verschiebung stärkerer Kräfte aus der Gegend von Kissangire nach Kibata zu für erforderlich. Die Gelegenheit, nördlich des unteren Rufiji ein entscheidendes, erfolgreiches Gefecht zu führen, hatte sich nicht geboten. Notgedrungen mußte ich in den Bergen von Kibata, wie vorausgesehen, einer langwierigen und wenig entscheidenden Operation entgegengehen.
Die Truppenverschiebungen gegen Kibata fanden Ende November 1916 statt. Beim Durchmarsch lagerten wir bei Utete, wo in dem Gebäude der Zivilverwaltung geräumige Lazarette eingerichtet waren und wo sich auf einer „Baraza“ (einer luftigen Veranda) das Leben einer kleinen Offiziersmesse aufgetan hatte. Der Ort war auf seinen beherrschenden Höhen stark mit Schützengräben und Verhauen befestigt und beherrschte von hier aus die tiefer gelegene und weitausgedehnte Eingeborenenstadt. Nachts hörte man fast ununterbrochen das tiefe Grunzen der Flußpferde, und ein frecher Löwe suchte, nachdem ihm der Angriff auf einen Schwarzen mißlungen war, einen anderen Mann in unserem Lager zu schlagen. Glücklicherweise wurde ihm seine Beute im letzten Moment durch einen herbeieilenden Europäer und mehrere Schwarze entrissen. Beim Weitermarsch kamen wir auf die Straße Mohoro-Kibata. Hauptmann Schulz, der mit seiner Abteilung zwei Stunden nördlich Kibata eine feste Stellung bezogen hatte, wurde durch Nachschub aus der reichen Gegend von Mohoro her verpflegt. Verschiedene Magazine an dieser Straße ergänzten sich aus den fruchtbaren Gebieten ihrer unmittelbaren Umgebung. Außerdem entsandte Hauptmann Schulz auch Aufkaufkommandos in die seinem Lager nahe gelegenen Gebiete, in denen sich der ganze Reichtum des Landes offenbarte.