In der Nähe von Mbindia, dem Lagerplatz der Abteilung Schulz angelangt, sah man von einem Berge aus eine breite, die Höhen überschreitende Schneise. Es war dies der Anmarschweg eines 10,5 cm-Königsberggeschützes, dessen Transport in die Feuerstellung vor Kibata Kapitänleutnant Apel leitete. Hunderte von Eingeborenen zogen in rhythmischem Gesang die schwere Last die steilen Hänge hinauf und hinunter, über die durch den dichten Busch ein geeigneter Weg festgelegt und freigeschlagen worden war. Kurz nach der Ankunft in Mbindia war das Geschütz auf einem Bergsattel in Stellung gebracht worden, und von hier konnte später die Beschießung mit Erfolg vor sich gehen. Auch eine der 10,5 cm-Feldhaubitzen wurde weiter vorwärts in einem Tal aufgestellt, um die vor ihr liegenden Höhen zu überschießen und die feindlichen Lager zu erreichen. Eingehende Erkundungen hatten die Möglichkeit ergeben, unsere Infanterie, gedeckt durch den dichten Busch, auf eine Höhe heranzuschieben, die das Gelände nördlich Kibata beherrschte. Die schwache feindliche Besatzung dieser Höhe wurde überraschend von rückwärts angegriffen und schnell vertrieben. Dann wurde eine andere Höhe angegriffen, die unmittelbar nördlich der massiven Europäergebäude an einer Wasserstelle gelegen war. Bald sah man unsere Askari diese Höhe ersteigen und sich auf derselben auf etwa 80 m gegenüber einer starken feindlichen Stellung einnisten.

Der Aufmarsch unserer Artillerie war inzwischen vollendet; außer dem 10,5 cm-Königsberggeschütz und der Haubitze waren auch die beiden Gebirgsgeschütze, und zwar in der Linie unserer Infanterie, in Stellung gebracht worden. Mit der Feuereröffnung auf die Gebäude, wo man auf der kahlen Höhe Menschen und Tiere zahlreich herumgehen sah, war gewartet worden, bis alles bereit war. Eine Kompagnie, die den Feind umgangen und sich an seine von Kibata nach Kilwa führende Hauptverbindungsstraße gelegt hatte, beobachtete, daß die schweren, bei der Boma einschlagenden Geschosse eine heillose Panik verursachten. Haufen feindlicher Askari liefen fort, so schnell sie konnten, an der Front der verdeckt liegenden Kompagnie vorbei. Aber leider ließ sich die Kompagnie davon abhalten, diesen günstigen Moment auszunutzen. Sie hoffte, daß den vereinzelten Askarihaufen bald noch stärkere Abteilungen folgen würden und wollte die Gelegenheit zu einem Feuerüberfall nicht vorzeitig preisgeben. Die erwarteten feindlichen starken Abteilungen kamen aber nicht, und so ging hier, wie leider auch sonst oft, eine gute Gelegenheit verloren durch die Erwartung einer noch besseren. Der Infanterieangriff gegen die erwähnten Höhen dicht nördlich Kibata hatte uns den Verlust mehrerer sehr tüchtiger Europäer gebracht; Feldwebel Mirow war gefallen, Vizefeldwebel Zitzmann trug durch einen Beinschuß eine schwere und sehr schmerzhafte Verletzung des Beinnerves davon. Oft hatte er sich früher durch seine unermüdlichen und erfolgreichen Patrouillengänge gegen die Ugandabahn ausgezeichnet. Er ging jetzt durch längeren Aufenthalt im Lazarett dem Dienst verloren und fiel noch vor seiner Wiederherstellung in Feindeshand.

Es war sehr schwierig, sich in den außerordentlich zerklüfteten Bergen von Kibata zurechtzufinden. Zahlreiche Erkundungsunternehmungen wurden entsandt, und nach einigen Tagen fühlten wir uns in den Bergen leidlich zu Hause. Kibata und die Verbindungsstraßen des Feindes waren gut einzusehen, und wir stellten fest, daß der Feind seine Truppen immer mehr verstärkte. Tatsächlich hat er die Hauptkräfte seiner bei Kilwa gelandeten Division bei Kibata verwandt. Unsere Beobachtungen und die Eigenart des Geländes führten zu dem Gedanken, daß der Feind uns von Kibata aus westlich, also um unseren rechten Flügel, zu umgehen beabsichtigte, um uns auf diese Weise zur Räumung der Höhen zu veranlassen, die von Norden aus Kibata und dessen Hauptwasserstelle beherrschten. Ein direkter Angriff des 129. Belutschenregiments war mit schweren Verlusten für den Feind abgeschlagen worden. In den ersten Tagen des Dezember wurden erst schwächere, dann stärkere Abteilungen erkannt, die sich von Höhe zu Höhe gegen unsere rechte Flanke vorschoben und mit ihrer Spitze bald einen beherrschenden Berg, von den Engländern Goldcoasthill genannt, erreichten. Unser Gegenstoß hiergegen wurde zunächst durch Schluchten und Wald begünstigt, und unsere Askari wurden, auch für uns überraschend, ganz dicht vor den feindlichen Stellungen sichtbar. Unsere Geschütze waren feuerbereit; leider aber schlug die erste Granate in unsere Askari ein, und der Infanterieangriff, der allein durch schnelle Überraschung Erfolg versprach, war mißlungen. Aber durch das nun einsetzende Feuer unserer zwei Gebirgsgeschütze auf 1600 m sowie unserer dahinter stehenden Haubitze hatte das feindliche Goldküstenregiment ganz erhebliche Verluste. Der Feind befand sich auf einem Berggrat, dessen Steilhänge zum großen Teil kahl waren. Er konnte daher kaum ausweichen, und auch die Geländeverstärkungen erforderten bei dem harten Boden längere Zeit. Wir haben dann den Berg mit unserer Infanterie umstellt und konzentrisch mit unseren Maschinengewehren die guten Ziele beschossen. Es wurde für den Feind unmöglich, die für ihn so wichtige Position zu halten. Nach ihrer Räumung fanden wir eine ganze Anzahl Massengräber, und der Verlust an Gefallenen dürfte allein an dieser Stelle kaum weniger als 150 gewesen sein.

Das Vorgehen des Goldküstenregiments hatte dem Feind aber doch Vorteile gebracht. Bei meinen schwachen Kräften — wir hatten im ganzen etwa neun Kompagnien — hatte ich eine der beiden unmittelbar bei Kibata liegenden Kompagnien fortgezogen, um sie gegen den Goldcoasthill zu verwenden. Als ich nachts ins Lager zurückgekehrt war, hörte ich bei der nun allein dicht am Feinde stehenden Kompagnie zahlreiche kleinere Detonationen, die wir erst nach längerer Zeit als einen uns damals noch unbekannten Handgranatenangriff erkannten. Der Feind griff mit mehreren Kompagnien so schnell und geschickt an, daß er überraschend in die Gräben unserer schwachen Kompagnie eindrang und diese hinauswarf. Der Verlust dieser Stellung beraubte uns der Möglichkeit, von den dortigen sehr geeigneten Höhen aus die feindlichen Truppenbewegungen und den Verkehr zur Wasserstelle auf nahe Entfernung unter Feuer zu nehmen. Ich hatte dies bis dahin mit Erfolg getan, gelegentlich auch ein leichtes Geschütz dorthin vorgeschoben und nach Feuerschluß wieder zurückgezogen.

Die Einbuße dieser Höhen und die hierbei erlittenen Verluste traten aber völlig zurück gegen den am Goldcoasthill erzielten Erfolg. Trotz unserer numerischen Unterlegenheit beherrschten wir die Lage durchaus. Unsere Patrouillen und starken Streifabteilungen gingen dem Feind unmittelbar in den Rücken und auch weiter fort auf seine rückwärtigen Verbindungen. Kleinere Unternehmungen, die der Feind gelegentlich versuchte, führten zu keinem Resultat. Im ganzen hat der Feind bei Kibata recht erhebliche Verluste gehabt, und ich glaube, daß diese nicht unter 400 Mann anzuschlagen sind. Auch seine operativen Absichten wurden ihm gründlich zerschlagen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß er von Kilwa aus auf Liwale vordrücken wollte. Unser kräftiges Zupacken bei Kibata zwang ihn, sich von Kilwa aus gegen uns zu wenden und das übrige Gebiet und den Apparat unserer eigenen Verpflegungs- und Transportlinien in Ruhe zu lassen. Gegen Ende Dezember erschienen feindliche Flugzeuge, kreuzten häufig über unseren Stellungen und bewarfen sie mit Bomben. Obgleich sie hierbei sehr viel stärkere Bomben als früher verwandten, fügten sie uns doch kaum Verluste zu. Am Weihnachtstage sahen wir, daß von einem Flugzeuge aus sich eine größere Masse auf die Boma Kibata herabsenkte. Unsere Hoffnung, daß der Feind sein eigenes Lager beschösse, hat uns aber enttäuscht: es waren größere Mengen Zigaretten als Weihnachtsgeschenk für seine Truppen.

Zu jener Zeit erhielt ich eines Tages ein persönliches Schreiben des britischen Oberbefehlshabers, General Smuts, in welchem er mir die Verleihung des Pour le mérite mitteilte und die Hoffnung aussprach, daß sein herzlicher Glückwunsch mir nicht unangenehm sein würde. Ich dankte ihm in ebenso höflicher Weise, wenn ich auch zunächst glaubte, daß es sich um eine Verwechslung mit dem mir kürzlich verliehenen Kronenorden II. Klasse mit Schwertern handelte. Ich erwähne diesen Brief des Generals Smuts als ein Zeichen dafür, daß trotz eines aufreibenden Krieges zwischen den feindlichen Parteien persönliche gegenseitige Hochschätzung und Ritterlichkeit durchaus bestand. Auch sonst hat der Feind bei vielen Gelegenheiten die Hochachtung vor den Leistungen der deutschen Truppe bekundet.

Ende 1916 hielt ich die militärische Lage in der Kolonie für außerordentlich günstig, wußte ich doch, daß die südafrikanischen Truppen durch Gefechtsverluste und Krankheiten zum großen Teil aufgerieben waren und daß von dem Rest ein großer Teil nach Ablauf seiner Verpflichtung nach Südafrika zurückkehrte. Gefangene hatten uns wiederholt versichert, daß sie genug von dem „Picknick“ in Ostafrika hätten. Auch die indischen Truppen, die längere Zeit in Ostafrika im Felde gestanden hatten, waren numerisch gesunken, und die neu herangeführten Truppen — wir stellten bei Kibata indische Pathanregimenter fest — bestanden zum großen Teil aus jungen Soldaten. Andere Regimenter, wie die 129. Belutschen, die in Flandern gefochten hatten, waren zweifellos recht tüchtig, aber auch bei ihnen war zu erwarten, daß sie auf die Dauer den Strapazen des afrikanischen Krieges nicht standhalten würden. Die feindlichen schwarzen Askaritruppen waren im allgemeinen jung und zur Zeit erst in geringer Anzahl im Felde gewesen. So konnte man es ruhig auch weiterhin auf einen längeren Krieg ankommen lassen. Ich glaube auch jetzt noch, daß es uns gelungen wäre, dem überlegenen Feind gegenüber nicht nur standzuhalten, sondern ihn auch zu schlagen, wenn er nicht die Möglichkeit gehabt hätte, seine abgenutzten Verbände immer wieder aufzufüllen und neue Truppen heranzuführen. Ich wußte Ende 1916 nicht, daß dies inzwischen im größeren Umfange geschehen war. Unter anderem war aus Nigeria eine ganze Brigade schwarzer Truppen nach Daressalam gebracht und von dort ohne Aufenthalt weiter nach Dutumi und Kissaki transportiert worden.

Die fünf dort unter Hauptmann Otto lagernden Kompagnien wurden in den ersten Januartagen 1917 durch General Smuts mit mindestens zwei Brigaden angegriffen. Der Feind hatte bei seinem Angriff gleichzeitig weitausholende Umgehungsbewegungen vorbereitet, die es ihm bei seiner großen Überlegenheit an Zahl ermöglichten, sich unseren Truppen, die in Richtung auf Kungulio auswichen, auf ihren Marschstraßen vorzulegen. Mehrfach mußten unsere Askari sich den Weg mit dem Bajonett bahnen, und bei der Unübersichtlichkeit des Geländes kamen einzelne unserer Kompagnien in recht schwierige Gefechtslagen. Unsere Feldhaubitze stieß bei ihrem Abmarsch aus Behobeho mit nur schwacher Bedeckung auf einen im Hinterhalte liegenden Feind von mehreren Kompagnien und ging nach Vernichtung ihrer Bedienungsmannschaft verloren. Aber schließlich gelang es doch allen Teilen, sich der Umgehung durch den Feind zu entziehen und bei Behobeho zu sammeln. Hier kam es sogleich wieder zu ernsthaften Gefechten, in denen sich auch der Feind sehr brav schlug. Der alte Selous, ein auch in deutschen Kreisen durch seine Liebenswürdigkeit und spannenden Erzählungen gut bekannter Jäger, der als Leutnant eingetreten war, fiel in diesem Kampf. Vor sich und an den Seiten den überlegenen Feind, hinter sich den mächtigen Rufiji mit nur der einen so leicht zerstörbaren Brücke, glückte es Hauptmann Otto doch, dem ihm erteilten Auftrage gemäß das Südufer des Flusses mit allen Truppen zu erreichen und die Brücke zu zerstören.

Eine weite von uns beobachtete Umgehungsbewegung des Feindes, die dieser von Kissaki aus weiter westlich auf Mkalinzo am Rufiji zu ausführte, wurde nun unwirksam. Die dort marschierende feindliche Brigade traf nicht mehr frühzeitig genug auf dem Südufer des Rufiji ein, um den Übergang des Hauptmanns Otto zu verhindern und ihn dadurch in eine verzweifelte Lage zu bringen; im Gegenteil, es kam zu recht erheblichen Teilerfolgen für uns. Der von Behobeho nachdrängende Gegner folgte sehr scharf und überschritt mit großen Teilen den Rufiji bei Kungulio mit Booten. Hauptmann Otto hatte seine Abteilung etwas südlich des Flusses bereit, griff nun den zum Teil übergesetzten Gegner an und schlug ihn vollständig mit schweren Verlusten für den Feind zurück. Dieser Teilerfolg war durch das Verhalten der erwähnten, auf Mkalinzo angesetzten feindlichen Umgehungskolonne begünstigt. Sie bestand zum großen Teil aus Weißen und einem Teil der schwarzen Nigeriatruppen. Beide waren dem großen Umgehungsmarsch nicht gewachsen und deshalb erschöpft und verwendungsunfähig am Rufiji eingetroffen. Sie fielen für eine ganze Zeit aus, und die Einheitlichkeit der im ganzen nicht schlecht angelegten Operation des Generals Smuts ging in die Brüche.

Das Vordringen des starken Feindes bei Kungulio barg die Gefahr in sich, daß der Feind sich in den Besitz des mittleren Rufiji und des südlich davon gelegenen Landes setzte. Leicht konnte er dann den Hauptteil unseres Kriegsmaterials und den Apparat unserer Etappenverbindungen, die in der Hauptsache vom mittleren Rufiji nach Liwale zu liefen, in die Hand bekommen. Ich mußte daher auf seine Bewegungen mit unseren vor Kibata stehenden Hauptkräften reagieren und marschierte mit dem größeren Teil derselben nach dem Utungisee ab, um von dort aus zur Unterstützung des Hauptmanns Otto oder zur Ausnutzung einer sich bietenden günstigen Lage bereit zu sein.