Achter Abschnitt
Sorgen und Bedrängnisse während des Aufenthalts im Rufijigebiet
Unser Abmarsch von Kibata ging am ersten Tage programmäßig vonstatten. Am nächsten Tage ritt ich mit einigen Begleitern voraus in der Erwartung, daß die Truppen, die einige eingeborene Führer bei sich hatten, den Weg nicht verfehlen würden. In den Kissibergen fanden wir zahlreiche Eingeborene vor, die aber sehr scheu waren und vielfach bei unserer Annäherung ihre reichen Reisbestände im Stich ließen. Ich habe es noch an demselben Tage bedauert, von dieser reichen Verpflegung nichts für den eigenen Gebrauch entnommen zu haben. Wir Reiter rasteten während der Mittagshitze im Pori. Einige Landeskundige machten mich auf die erfrischende, stark blausäurehaltige Mbinjifrucht aufmerksam, an der wir uns labten. Leider wußten wir damals noch nicht, daß auch der geröstete Mbinjikern eine vortreffliche Nahrung darstellt, ähnlich unserer Haselnuß. Die Hitze war zum Umfallen, aber da wir im Bereich der feindlichen Patrouillen waren, mußten wir aufmerksam sein. Die Wasserstellen waren jetzt in der äußersten Trockenzeit leer; nach langem Suchen fanden wir endlich einen kleinen Tümpel zwar schmutzigen, aber von Landeskundigen als nicht gesundheitsschädlich bezeichneten Wassers. Gegen Abend erreichten wir die verlassene große Niederlassung. Glücklicherweise fanden wir dort einen im deutschen Verwaltungsdienste stehenden Schwarzen vor, der uns darüber orientierte, daß dies Ungwara, unser für diesen Tag in Aussicht genommenes Marschziel, sei. Nach Durchschreiten des Ortes zeigte der Mann uns einen Wassertümpel, an dem wir Lager bezogen. Mein schwarzer Koch, der alte bärtige, bei vielen Ostafrikanern wohlbekannte Baba, hatte mit uns Reitern fast Schritt gehalten und traf nach kurzer Zeit, unserer Spur folgend, ein. Schnell hatte er für sich seinen „Ugali“ (Brei) zurechtgemacht und saß behaglich am Feuer. Wir sahen ihm neidisch zu; denn wir hatten nichts und warteten auf unsere Lasten und die nachfolgende Truppe. Aber niemand kam, und wir legten uns hungrig schlafen. Der Retter in der Not nahte aber in Gestalt einer prachtvollen Säbelantilope, die bei fast tageshellem Mondschein zur Tränke wechselte. Fast gleichzeitig krachten die beiden Schüsse zweier meiner Begleiter, van Rooyen und Nieuwenhuizen, der jagderprobten Buren, die deutsch geworden waren. Wie elektrisiert waren wir aus unseren Decken emporgeschnellt, und nach kurzer Zeit brieten die ersten Stücke des delikaten Wildbrets am Spieße.
Am nächsten Tage erreichten wir den Utungisee, wo uns Hauptmann Feilke erwartete und mit Brot, Kaffee und aus Wildpret hergestellter Wurst erfrischte. Von den nachfolgenden Truppen fehlte jede Spur. Sie hatten uns im Pori verloren und sich fast alle so gründlich verlaufen, daß ein Teil derselben erst nach Tagen in der Gegend von Utete unsere Telephonlinie erreichte und mit uns in Verbindung trat. Bei der Schwierigkeit der Verbindungen war es mir bisher nicht möglich gewesen, über den Stand unserer Verpflegung ein zutreffendes Bild zu erhalten. Ich hatte geglaubt, am Utungisee, bei Mpaganja sowie in der Gegend von Madaba wohlgefüllte Magazine vorzufinden. Dies war meine Absicht gewesen, als ich aus dem reichen Gebiet nördlich des unteren Rufiji Verpflegung mit aller Anspannung über Mpaganja in das Etappengebiet abtransportierte. Die Verpflegungslage hatte sich aber ganz anders entwickelt.
Im Etappengebiet war außer den Trägermassen, die zum Abtransport der Kriegsbestände nach Süden nötig waren, noch eine Menge Personal gehalten worden, das zum Wegebau, zum Bau von Grashütten und zu anderen Zwecken verwendet wurde. Auch auf den kleinen Etappenorten lagen eine Anzahl Leute herum, die auch im günstigsten Falle nichts anderes taten, als ihre eigene Verpflegung herbeizuholen und aufzuessen. Oft aber wurde auch dieses Heranholen der Verpflegung noch wieder durch andere Leute besorgt, die ihrerseits wieder verpflegt werden mußten. Es war in vielen Fällen beinahe so, daß eine Last Verpflegung, die bei der fechtenden Truppe nördlich des unteren Rufiji gesammelt und abgeschickt worden war, schließlich in einem kleinen Etappenort landete und von Leuten verzehrt wurde, die nichts oder etwas ganz Nebensächliches leisteten. Bei den schwierigen Verkehrsverhältnissen und den großen Entfernungen war es auch dem tätigen und durchgreifenden Hauptmann Stemmermann, der die Leitung des Etappenwesens übernommen hatte, noch nicht gelungen, in diese Verhältnisse vollen Einblick zu erhalten und die Mißstände abzustellen. Es gab auch in Afrika zuviel Leute, deren Hang, die vorhandenen wertvollen Kräfte für nebensächliche Dinge zu verwenden und dadurch wichtigere Dinge zu schädigen, so groß ist, daß nur ein eiserner Besen Wandel schaffen konnte. Das Gesamtergebnis aller dieser Hemmungen war, daß Tausende und aber Tausende von Nichtstuern die Bestände verzehrten, die mit großen Anstrengungen im Bereich der fechtenden Truppe gesammelt worden waren. Die Etappe leistete nichts für die Verpflegung der Truppe, lebte im Gegenteil noch auf deren Kosten, und dabei stand der Augenblick in greifbarer Nähe, wo wir die Verpflegungsgebiete, die zur Zeit von der fechtenden Truppe gehalten wurden, aufgeben mußten. Da war guter Rat teuer. Mit allem Nachdruck mußte auf sofortigen Anbau in dem augenblicklich von uns besetzten Gebiete, also der Umgebung von Madaba und Liwale, dann aber auch in den weiter südlich gelegenen Teilen des Schutzgebietes, die voraussichtlich für die späteren Operationen in erster Linie in Frage kamen, gesorgt werden. Aber das Heranwachsen aller dieser Verpflegung erforderte Monate. Diese Monate mußten wir noch am Rufiji bleiben und hier leben. Hier waren zwar einige hundert Hektar Mais angepflanzt worden, aber auch diese mußten erst voll heranreifen. Nicht früher durfte aus Verpflegungsgründen die Truppe nach Süden rücken; sie mußte sich in dem verpflegungsarmen Gebiet halten, in dem sie augenblicklich lag.
Die Erfüllung dieser Aufgabe war schwierig. Eine Forderung mußte sofort durchgeführt werden: das Abschieben aller Esser, die für die Kriegführung der nächsten Monate nicht unbedingt notwendig waren. So wurden Tausende von Trägern und Arbeitern des Etappengebietes nach ihrer Heimat entlassen. Die großen Nachteile dieser Maßregel mußten bewußt mit in Kauf genommen werden; lieferten wir doch dem Feinde Tausende von Leuten, deren Aussagen ihm ein bis ins einzelne gehendes Bild unserer Verteilungsstärke, Verpflegungslage und inneren Verhältnisse geben mußte. Die Verringerung des Etappenpersonals allem genügte jedoch nicht. Auch das nichtfechtende Personal der Kompagnien wurde verringert. Unter anderem wurde bestimmt, daß für keinen Europäer von jetzt ab mehr als fünf Farbige zuständig sein durften. Das klingt für europäische Ohren reichlich, aber unter afrikanischen Verhältnissen ist für den Europäer eine farbige Bedienung wirklich unerläßlich, also mindestens ein Mann oder Junge, der kocht und die persönlichen Dienste verrichtet. Dazu kommt, daß alles Eigentum an Bekleidung, Verpflegung, Decken und Zeltmaterial dauernd mitgeführt werden muß. Wenn man bedenkt, daß im Frieden für den reisenden Beamten auf einer größeren Safari (Reise) elf bis dreizehn Träger außer seinen zwei bis drei persönlichen Dienern zuständig waren, so wird man verstehen, wie einschneidend die vom Kommando angeordnete Beschränkung war und welchen Sturm der Entrüstung sie erregte. Glücklicherweise war ich in der Lage, allen Einwendungen, die mir vom gesundheitlichen und kulturellen Standpunkt aus gemacht wurden, die einfache Tatsache gegenüberzuhalten, daß ich selbst seit Monaten statt mit drei mit knapp zwei Lasten, also im ganzen mit vier Schwarzen, ausgekommen und dabei gesund geblieben war. Besondere Dankbarkeit empfinde ich noch jetzt gegen die Offiziere der Truppe, die, wie bei so vielen anderen Gelegenheiten, die Notwendigkeit einer unbequemen Maßregel einsahen und mit bestem Beispiel vorangingen. Sie sahen die richtige Auffassung unserer Offiziersüberlieferung darin, daß sie nicht besondere Bequemlichkeiten für sich beanspruchten, sondern gerade in erster Linie die unvermeidbaren Unbequemlichkeiten auf sich nahmen. Ich glaube, daß von allen, Soldaten und Nichtsoldaten, bis in die höchsten Zivilstellen hinauf, nicht einer ist, der die anfänglich so hart bekämpfte Maßregel jetzt noch verurteilte.
Jedoch durch das Abschieben der „Esser“ allein war das Existenzproblem noch nicht zu lösen; die Bestände langten einfach nicht. Es war schon damals vorauszusehen, daß die Verpflegungseinfuhr aus dem Gebiet der fechtenden Truppe, die natürlich mit Hochdruck weiterbetrieben wurde, nicht ausreichen würde, um uns bis zum Beginn der neuen Ernte, also bis Ende März, zu verpflegen. Bei aller eingehenden und reiflichen Überlegung kamen wir nicht um die Notwendigkeit herum, auch die Verpflegungssätze herunterzusetzen, eine außerordentlich unsympathische Maßregel, da auch der Schwarze, wenn Verlaß auf ihn sein soll, gut verpflegt sein muß. Es entlud sich denn auch ein neuer und sehr viel stärkerer Sturm der Entrüstung. Von allen Seiten kamen die Schreiben und Telegramme, daß die auf täglich 600 g Mehl festgesetzte Menge von Zerealien die für den Körper erforderliche Kalorienzahl nicht liefern könnte. Aber auch hier stand die unerbittliche Tatsache fest, daß eben nur soundso viel Verpflegung vorhanden war und wir mit dieser auskommen mußten. Die Herabsetzung der Zerealienportion war nicht zu umgehen. Im übrigen mußten die Kompagnien und der einzelne für einen entsprechenden Ausgleich durch die Ergebnisse der Jagd sorgen, was bei dem wildreichen Gebiet bei einiger Rührigkeit auch zu erreichen war. Aber in Verpflegungssachen ist nun einmal die Logik bei vielen etwas beeinträchtigt, und für manchen war es nicht allzu schwer, alle Schuld für die zur Zeit kaum ausreichende Verpflegung auf den bösen Kommandeur zu schieben und selbst die Rolle dessen zu spielen, der mit allen Kräften für die baldige Wiederheraufsetzung des täglichen Verpflegungssatzes arbeitete. Ich mußte dies mit Gemütsruhe über mich ergehen lassen und machte meine Beobachtungen darüber, welche Leute imstande waren, sich mit einer unerbittlichen Notwendigkeit abzufinden oder welchen dies nicht gelang.
Die Ausführung dieser einschneidenden Anordnungen geriet nun auf Schwierigkeiten. Eine Menge von Askarifrauen hatten die Truppe begleitet, waren dann aber in verschiedenen Lagern am Rufiji hängengeblieben, wo es ihnen gerade gefiel. Ich hatte das größte Interesse, sie nach Süden abzuschieben, wo die Verpflegung leichter durchführbar war. Die Transporte wurden auch eingerichtet und die Frauen für den Marsch mit Verpflegung ausgerüstet. Aber schon nach einem kurzen Tagemarsch blieben sie einfach liegen und erklärten, nicht weitergehen zu können. Ihre auf längere Zeit berechnete Verpflegung hatten sie spätestens am dritten Tage aufgegessen und schrien nun nach mehr. Einige fielen sogar über den Europäer her, der den Transport führte, und verprügelten ihn. Auch unter der schwarzen Farbe machte das holde Geschlecht von den Vorzügen, die ihm in seiner Gesamtheit mit Recht zugeschrieben werden, nicht immer uneingeschränkten Gebrauch.
Schließlich kamen wir aber auch über diese Schwierigkeit hinweg, und die Verpflegungsfrage löste sich leidlich. Die Askari, denen die Lage auseinandergesetzt wurde, sahen die Schwierigkeiten ein und waren recht verständig. Gute Jäger wurden auf die weiten Jagdgründe verteilt und der knurrende Magen dann von Zeit zu Zeit wieder reichlicher gefüllt. Ich entsinne mich, daß bei uns am Utungisee unsere etwa 200 Schwarzen an einem Tage einen starken Büffel und im Anschluß daran noch einen Elefanten restlos verzehrten. Auch den durchziehenden Trägerkarawanen konnte häufig ein Stück Wildbret verabfolgt werden.
Im Laufe des Februar schrumpften die Bestände unserer Magazine, die ich mir täglich notierte, zusammen. Ich mußte befürchten, daß ich aus Verpflegungsgründen das Heranreifen der neuen Ernte am Rufiji nicht abwarten könnte. Dann war nicht nur diese Ernte verloren, sondern auch die weiter südlich heranwachsenden Bestände konnten nicht voll ausgenutzt werden. Dort würden wir nur die gerade reifen Früchte verbrauchen und weiterziehen, den Rest unreif stehenlassen müssen. Ein glücklicher Zufall brachte mir in dieser Verlegenheit Hilfe. Ich ging eines Tages vom Utungisee nach Mpanganja zu Hauptmann Tafel, der dort mit bewährter Umsicht die taktischen und zugleich die Verpflegungsangelegenheiten leitete. Nachts blieb ich in seinem Lager, und er setzte mir ein sehr schönes Gericht aus jungem Mais vor, der wie Spargel zubereitet war. So kamen wir auf die Maisfelder von Mpanganja und Umgebung zu sprechen. Diese saßen voll von Frauen und anderen Eingeborenen, die dort wie ein Flug Zugvögel eingefallen waren und von der jungen, ganz unreifen Frucht lebten. Das war so unwirtschaftlich wie möglich, aber es brachte mich doch auf den Gedanken, im Notfalle die Maisbestände schon vor ihrer Reife in größerem Umfange ausnutzen zu können. Dieser Notfall trat nun sehr bald ein, und ein Versuch mit den in der Reife am weitesten vorgeschrittenen Körnern ergab, daß diese aus einer Darre notreif getrocknet werden und aus ihnen ein recht gutes Mehl hergestellt werden konnte. Es wurden nun von Tag zu Tag die reifsten Kolben abgeerntet, und da die Gesamtbestände immer weiter heranreiften, so besserte sich die Verpflegungslage von Tag zu Tag. Schon am 1. März konnten die Rationen auf 700 g, also fast auf die volle Höhe des früheren Satzes, heraufgesetzt werden.
Die zunehmende Verschärfung der gesamten Kriegslage erforderte eine intensivere und straffere Ausnutzung unserer Verpflegungsmöglichkeiten; die ruhige und langsame Verpflegungsbeschaffung, wie sie im ersten Teil des Krieges von den Zivilbehörden in befriedigendem Maße geleistet worden war, war jetzt nicht mehr ausreichend. Zweimal, bei Kissaki und am Rufiji, war ich unvorhergesehenerweise in die schwierigste Verpflegungslage gekommen, die Weiterführung der Operationen in Frage gestellt worden. Eine straffere Organisation des Verpflegungswesens, die die militärischen Notwendigkeiten erkannte, vorausschauend berücksichtigte und schneller und durchgreifender arbeitete, war eine Lebensfrage für die weitere Kriegführung. Glücklicherweise ließ sich auch der Gouverneur hiervon überzeugen, und so wurde eine aus einer Anzahl Truppenangehöriger neugebildete Intendanturabteilung über Liwale nach Massassi vorausgesandt. Sie richtete mehrere Unterabteilungen im Anschluß an die Nebenstellen der Verwaltung im Bezirk Lindi ein und hat auf diese Weise Hand in Hand mit den Zivilorganen dort den Anbau und das Ansammeln der Verpflegung in Magazine vorbereitet und später durchgeführt. Durch diese Einrichtung wurde die angestrebte Durchtränkung des Verpflegungs- und Nachschubapparates mit dem unvermeidlichen militärischen Geiste im großen und ganzen erreicht.