Legte man sich nun die Frage vor, wo ein für den Gegner so empfindlicher Punkt lag, daß er uns Aussicht auf einen erfolgreichen Angriff oder wenigstens auf ein Drohen mit einem solchen bot, so kam man von selbst auf die Grenze zwischen Deutsch- und Britisch-Ostafrika. Längs derselben führt, auf wenige Tagemärsche entfernt, die Lebensader des britischen Gebietes, die Uganda-Bahn, also ein Objekt, das bei seiner Länge von gut 700 Kilometer für den Feind außerordentlich schwer zu schützen war und deshalb bei wirksamer Bedrohung einen großen Teil seiner Truppen festlegte.

Meine im Januar 1914 angetretene erste Erkundungs- und Besichtigungsreise führte mich von Daressalam zu Schiff nach Tanga, von dort nach Usambara und weiter in die Gegend des Kilimandjaro und Meru-Berges. In Usambara fand ich in dem mir von der Kriegsschule her gut bekannten Freund, dem Hauptmann a. D. von Prince, einen begeisterten Anhänger des Gedankens, daß wir Ostafrikaner bei einem etwaigen Kriege gegen England nicht stillsitzen dürften, sondern mit zugreifen müßten, falls sich auch nur die Spur einer Aussicht ergab, dem Kriege in Europa Entlastung zu verschaffen. Er konnte mich zugleich darüber orientieren, daß in dem Gebiet von Usambara, am Kilimandjaro und am Meru-Berge freiwillige Schützenkorps in Bildung waren, die voraussichtlich bald fast alle waffenfähigen Deutschen dieser Nordgebiete umfassen würden. Bei der dort dichten Pflanzerbesiedlung war dies von großer Bedeutung. Wenn wir im Verlaufe des Krieges im ganzen etwa 3000 Europäer haben bei der Schutztruppe in Dienst stellen können, so lieferten gerade diese Gebiete der Usambarabahn den Hauptbestandteil. Allerdings war es schwer, eine haltbare militärische Organisation dieser Freiwilligenvereinigungen zu finden und den vielen guten Willen auch wirklich nutzbar zu machen. Immerhin wurde im großen und ganzen erreicht, daß alle, auch die nicht gesetzlich hierzu Verpflichteten, bereit waren, sich im Kriegsfalle der Schutztruppe zu unterstellen. Auch bei den Bezirksämtern fand ich großes Entgegenkommen, leider aber auch das berechtigte Bedenken, ob solche Freiwilligenorganisationen in einem Weltkrieg, der uns mit Sicherheit vollständig von der Heimat abschnitt und auf uns selbst stellte, die nötige Festigkeit haben würden. Schlecht sah es auch mit der Bewaffnung aus; wenn auch fast jeder Europäer eine brauchbare Pirschbüchse hatte, so war doch die Verschiedenartigkeit der Modelle und die entsprechende Schwierigkeit der Munitionsbeschaffung bisher nicht behoben worden. Anträge auf gleichmäßige militärische Bewaffnung dieser Schützenvereine waren noch in der Schwebe und blieben bis zum Ausbruch des Krieges unerledigt.

In Wilhelmstal traf ich eine schwarze Polizeiabteilung unter ihrem tüchtigen aus Dithmarschen stammenden Wachtmeister.

Während die eigentliche Schutztruppe dem Kommandeur unterstand, hingen die einzelnen Abteilungen der Polizeitruppen von den Verwaltungsinstanzen ab, und so hatte jeder Bezirksamtmann zum Zwecke der Steuererhebung und um seinen Befehlen die nötige Autorität zu geben, eine Truppe von etwa 100 bis 200 Mann. Es herrschte das Bestreben vor, diese Polizeitruppe immer mehr auf Kosten der Schutztruppe zu vergrößern. Neben der Schutztruppe war eine zweite, ebenso starke Truppe entstanden, die ihrer ganzen Natur nach eine Karikatur militärischen Wesens war und kaum etwas Besseres sein konnte. Der Bezirksamtmann, ein Zivilbeamter, verstand von militärischen Dingen häufig wenig und legte die Ausbildung und Führung seiner Polizei-Askari[1] in die Hand eines Polizeiwachtmeisters. Dieser arbeitete eifrig mit dem Pflichtgefühl eines alten Unteroffiziers; aber die Anleitung durch einen höheren militärischen Vorgesetzten wurde ihm selten zuteil, da der Polizei-Inspekteur, ein Offizier, jeden Bezirk nur ab und an bereisen konnte. Die Polizei-Askari verbummelten daher vielfach und entbehrten der straffen Zucht, die notwendig war, um sie für ihre Funktionen, die doch Zuverlässigkeit erforderten, geeignet zu erhalten. Bedauerlicherweise entzog die Polizei der Schutztruppe oft die alten schwarzen Chargen und damit die besten Elemente, welche dann bei der Polizei ihre guten militärischen Eigenschaften verloren. Im großen und ganzen war es so, daß zugunsten einer Polizeitruppe, aus der bei den gegebenen Grundlagen nie etwas Brauchbares werden konnte, die Schutztruppe in ihrer Qualität mehr und mehr verschlechtert wurde.

Von Neu-Moschi, dem Endpunkt der Usambarabahn, begab ich mich über Marangu, wo ein englischer Pflanzer wohnte, und wo ich den englischen Konsul King aus Daressalam traf, in die Gegend des Kilimandjaro und von da nach Aruscha. Mehrere deutsche Pflanzer, zum Teil ehemalige Offiziere, die ich während des Marsches auf ihren Besitzungen besuchte, bestätigten mir, daß auch die dortigen deutschen Ansiedler wertvolles militärisches Material wären.

Ich lernte die reizende Besitzung des Kapitänleutnants a. D. Niemeyer kennen, dessen Gattin uns mit vortrefflichem, selbstgezogenem Kaffee bewirtete. Später hat sie uns gelegentlich ein bißchen gestört; als ihr Mann nämlich im Kriege im Lager von Engare-Nairobi war, nordwestlich des Kilimandjaroberges, hatten wir ihr für ein Gespräch mit ihrem Gatten vorübergehend einen Telephonanschlußapparat geliehen. Unmittelbar darauf stockte der gesamte Fernsprechverkehr, und nach langem, langem Suchen kamen wir endlich dahinter, daß unsere anmutige Wirtin von früher den Apparat nicht wieder ausgeschaltet hatte und auch keine Absicht zeigte, dies zu tun.

Auf seiner in der Nähe gelegenen Pflanzung bot uns Korvettenkapitän a. D. Schoenfeld gastlich ein ausgezeichnetes Glas Moselwein in einem militärischen Kommandoton, der schon damals auf den energischen Führer hindeutete, welcher später die Rufijimündung so zähe gegen feindliche Überlegenheit verteidigte. Kurz vor Aruscha traf ich auf der Kaffeepflanzung meines alten Kadettenkameraden Freiherrn von Ledebur bei Tisch auch den liebenswürdigen alten Oberstleutnant a. D. Freiherrn von Bock. Wir unterhielten uns über die freiwilligen Schützenvereinigungen, die am Meru-Berge im Entstehen begriffen waren, und ich ahnte nicht, daß wenige Monate später der über sechzig Jahre alte Herr einer unserer zähesten Patrouillengänger am Ostrande des Kilimandjaro sein und oft mit seinen paar Leuten, zum großen Teil Rekruten, erfolgreich gegen mehrere feindliche Kompagnien fechten würde. Seine echte Ritterlichkeit und väterliche Fürsorge gewannen ihm bald die Herzen seiner schwarzen Kameraden in solchem Maße, daß er in ihren Augen der tapferste aller Deutschen war, und sie mit rührender Treue an ihm hingen.

In Aruscha fand zum ersten Male die Besichtigung einer Askarikompagnie statt. Der Geist und die Disziplin der schwarzen Truppe zeigten die treffliche Erziehung durch meinen Vorgänger, den Oberst Freiherrn von Schleinitz, aber die Ausbildung im Gefecht gegen einen modern bewaffneten Gegner war, den bisherigen Verwendungsgrundsätzen entsprechend, weniger gepflegt worden. Die Kompagnie war — wie der größte Teil der Askarikompagnien — noch mit dem alten rauchstarken Gewehr Modell 71 bewaffnet. Vielfach war die Ansicht vertreten, daß diese Bewaffnung für eine schwarze Truppe zweckmäßiger wäre als ein modernes rauchschwaches Gewehr. Die Truppe war bisher niemals gegen einen modern bewaffneten Gegner, sondern nur in Eingeborenenkämpfen verwandt worden, wo das größere Kaliber ein Vorteil ist, die Nachteile der Rauchentwicklung keine Rolle spielen. Nach Ausbruch des Krieges freilich lernten auch die begeistertesten Anhänger des Infanteriegewehrs Modell 71 um. Gegen einen rauchlos-modern bewaffneten Feind war nicht nur bei den weiten Entfernungen des Gefechts in der freien Ebene, sondern auch im Buschkrieg, wo die Schützen oft nur wenige Schritte voneinander entfernt sind, das Modell 71 unbedingt unterlegen. Der rauchlos schießende Schütze bleibt eben verborgen, während die Rauchwolke nicht nur dem scharfen Auge des eingeborenen Askaris, sondern auch dem an Bureauarbeit gewohnten Europäer den Feind schnell und sicher verrät. So bestand im Anfang des Krieges die größte Belohnung, die einem Askari zuteil werden konnte, darin, daß man ihm statt seines alten rauchstarken Gewehres ein modernes Beutegewehr gab.

Bei der Verteilung der Truppe in einzelnen Kompagnien über das Schutzgebiet hatte der Nachteil mit in Kauf genommen werden müssen, daß die Verwendung in großen Verbänden und die Schulung der älteren Offiziere im Führen derselben nicht geübt werden konnte. Es war klar, daß im Kriege die Bewegung und Gefechtsführung von Truppenkörpern über Kompagniestärke auf große Schwierigkeiten und Reibungen stoßen mußte. Entsprechend der nach meiner Auffassung doppelten Aufgabe der Truppe, sowohl gegen einen äußeren, modernen, wie gegen einen inneren, eingeborenen Feind zum Kampfe bereit zu sein, fiel die Gefechtsausbildung in zwei verschiedene Gebiete. Die Gefechtsübungen im Eingeborenenkriege lieferten hierbei ein Bild, welches von unseren europäischen Besichtigungen stark abwich. In Aruscha marschierte bei dieser Gelegenheit die Kompagnie durch dichten Busch, das Pori, und wurde nach Eingeborenenart auf dem Marsch überfallen. Der Feind wurde dargestellt durch Merukrieger, die im vollen Kriegsschmuck mit Lanzen und ihrem Kopfputz aus Straußenfedern sich versteckt hielten und dann auf wenige Schritte mit ihrem Kriegsgeheul die Safari, die Marschkolonne, überfielen. In einem solchen Nahkampfe, wie ihm 1891 die Zelewskische Expedition bei Iringa erlegen war, spielt sich die Entscheidung bei geringer Entfernung und in wenigen Minuten ab. Die Truppe ballt sich schnell um die Führer zusammen und geht dem Feind zu Leibe. Diesem ganzen Charakter des Eingeborenenkampfes entsprechend war eine sorgfältige und gründliche Schießausbildung der Askari im modernen Sinne bisher nicht notwendig gewesen. Sie stand daher auch auf einer ziemlich tiefen Stufe, und für den Soldaten dürfte es interessant sein, daß beim Schießen stehend-freihändig bei 200 Meter nach der Ringscheibe bei manchen Kompagnien kaum der Ring 3 im Durchschnitt erreicht wurde; nur ganz wenige Kompagnien brachten es auf etwas über Ring 5. Auch für eine gründliche Maschinengewehrausbildung war der Charakter des Eingeborenenkampfes kein ausreichender Antrieb. Erfreulicherweise fand ich bei allen Europäern der Truppe aber sehr bald vollstes Verständnis für die Wichtigkeit gerade dieser Waffe im modernen Gefecht. Trotz dieses nicht gerade hohen Ausbildungsgrades waren im Gefechtsschießen auch bei großen Entfernungen die Ergebnisse nicht unbefriedigend, und dem Askari kam hierbei sein scharfes Auge, mit dem er die Geschoßeinschläge beobachtete und dementsprechend seinen Haltepunkt verbesserte, in hohem Maße zustatten.

Die Reise führte mich weiter über die Mission Ufiome, wo der treffliche Pater Dürr saß, nach Kondoa-Irangi, Kilimatinde und zurück nach Daressalam. Der Eindruck dieser ersten Besichtigungsfahrt war der, daß militärisch noch vielerlei vorzubereiten war, wenn wir für den Fall eines Krieges der Engländer gegen uns ernsthaft gerüstet sein wollten. Leider gelang es nicht, die maßgebenden Stellen hierfür genügend zu erwärmen. Es herrschte die Meinung vor, daß wir mit England außerordentlich günstig ständen, und daß ein Krieg, wenn er überhaupt käme, in weiter Ferne läge. So kam es, daß, als der Krieg nun wirklich nach wenigen Monaten ausbrach, wir unvorbereitet waren.