Die Reise war für mich, der ich neu nach Ostafrika gekommen war, nicht nur von militärischem Interesse gewesen. In Boma la Ngombe, einem Ort zwischen Moschi und Aruscha, war eine Menge alter Askari noch vom verstorbenen Oberstleutnant Johannes angesiedelt worden; sie trieben dort meistens Viehhandel und waren zu Wohlstand gekommen. Die Nachricht von meinem Eintreffen war mir vorausgeeilt, und die Leute erschienen vollzählig, um mich bei meiner Ankunft zu begrüßen. Ich habe den Eindruck gewonnen, daß diese Loyalität nicht rein äußerlich war; die Leute erzählten mir begeistert von den Deutschen, unter denen sie früher gestanden hatten, und stellten auch nach Ausbruch des Krieges unaufgefordert und ohne den geringsten Druck eine große Summe Geldes zur Unterstützung der Truppe zur Verfügung. In der dortigen Gegend sah ich auch die ersten Massai, die im Gegensatz zur Mehrzahl der ostafrikanischen Stämme reine Hamiten sind und in einem besonderen Reservat leben. Erwähnt mag werden, daß Merker, der beste Kenner der Massai[2], in ihnen die Urjuden sieht. Sie haben in ausgesprochenem Maße die Eigenschaften des reinen Steppenbewohners. Gelegentlich führte mich einer dieser großen, schlanken und sehr schnellen Leute auf meinen Jagdausflügen; ihr Sehvermögen, sowie die Fähigkeit, Spuren zu lesen, ist erstaunlich. Daneben ist der Massai klug und, wenigstens dem Fremden gegenüber, außerordentlich verlogen. Er lebt in geschlossenen Dörfern aus Lehmhütten und zieht, wie alle Nomadenvölker, mit seinen Herden durch die Steppen. Zum Waffendienst bei der Truppe meldet er sich selten. Ackerbau treibt der Massai so gut wie gar nicht, während dieser bei den übrigen Stämmen die Hauptbeschäftigung ist und erst eine dichte Besiedlung ermöglicht. So ernähren die Bananengebiete am östlichen Abhange des Kilimandjaro eine eingeborene Wadschaggabevölkerung von rund 25000 Menschen, und diese Zahl könnte leicht weiter vergrößert werden. Der große Viehreichtum in der Gegend von Aruscha, in der Massaisteppe und bei Kondoa-Irangi zeigte mir, daß die Tsetsefliege, dieser Hauptfeind des afrikanischen Viehbestandes, dort verhältnismäßig selten ist. Vergleichsweise mag angegeben werden, daß der Rindviehbestand in dem einen Bezirk Aruscha größer geschätzt wird als derjenige in ganz Südwestafrika. Bei Kondoa-Irangi und bei Singidda waren die Leute von weit her gekommen und hatten sich zur Begrüßung am Wege aufgestellt. Kein Reisender, der diese Gebiete durchmißt, kann sich der Beobachtung entziehen, daß in dem fruchtbaren und hoch gelegenen Inneren Raum zur Ansiedlung von Hunderttausenden von Europäern ist.
Einen Eindruck, den ich erst später, während des Krieges, gewonnen habe, möchte ich hier einfügen. Wir sind manchmal durch fruchtbare Gebiete gezogen, die von den Eingeborenen ganz verlassen, bekannterweise aber noch ein Jahr vorher dicht besiedelt waren. Die Leute waren einfach fortgezogen, hatten sich in dem reichlich zur Verfügung stehenden, menschenleeren und fruchtbaren Lande anderswo niedergelassen und dort neue Äcker angelegt. Nutzt man das bebauungsfähige Gebiet wirklich aus, so könnte in dem bisher nur von rund 8 Millionen bewohnten Deutsch-Ostafrika wohl eine Bevölkerung ernährt werden, die hinter der Einwohnerzahl Deutschlands kaum zurücksteht. Ein in Mahenge während des Krieges gefangener Engländer äußerte, daß aus Ostafrika wohl ein zweites Indien zu machen wäre, und ich glaube, daß er mit dieser Auffassung recht hatte. Durch die Erfahrungen des Krieges bin ich in meiner Meinung bestärkt worden, daß viele wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten bestehen, die man vor dem Kriege kaum geahnt hat.
In Singidda sah ich eines der Gestüte des Landes. Als Zuchtmaterial befanden sich dort zwei Pferdehengste, keine Pferdestuten, einige Maskateselhengste und in der Hauptsache eingeborene Eselstuten. Über die Zuchtziele habe ich keine rechte Klarheit erlangen können; jedenfalls war es nicht gelungen, von den Pferdehengsten und Eselstuten Zuchtprodukte zu erzielen. Das Gebiet ist aber für Pferdezucht außerordentlich günstig, und der dort stationierende Regierungstierarzt Hoffmeister zeigte große Lust, sich in dieser Gegend als privater Farmer und Pferdezüchter niederzulassen. Ähnliche Gestüte befanden sich in Kilimatinde, Iringa und Ubena. Von Singidda nach Kilimatinde zog ich den Mpondifluß entlang; es wird den Jäger interessieren, zu hören, daß diese Gegend als dasjenige Gebiet in Ostafrika gilt, wo die besten Büffel stehen.
Schon einige Tage vorher hatte ich auf Büffel mit Erfolg gepirscht, doch war es mir nicht gelungen, einen starken Bullen zum Abschuß zu bringen, und so war ich, soweit es meine Zeit irgend zuließ, dem Büffel auf der Spur. Außer einem eingeborenen Jungen hatte ich als Spurenleser zwei ausgezeichnete Askari der Kondoakompagnie. Sobald ich nach Schluß eines Marsches in das Lager kam und vom Maultier stieg, fragte ich Kadunda, einen dieser Askari, der den Marsch zu Fuß mitgemacht hatte, ob er bereit sei zur Jagd. Er stimmte jedesmal mit größter Passion zu, und fort ging es auf der Fährte durch den Busch, der manchmal so dicht war, daß man unter den Zweigen kriechen mußte, um überhaupt vorwärts zu kommen. Solch eine Fährtenjagd durch dichten Busch und das übermannshohe Schilf, stundenlang in der prallen Sonne, ist für den an afrikanisches Klima zunächst nicht gewohnten Europäer eine außerordentliche Anstrengung. Der angeschossene Büffel gilt in Ostafrika als das gefährlichste Jagdtier; er nimmt oft schnell und mit großer Entschlossenheit an. Am Mpondi hatte einige Zeit vorher ein angeschossener Büffel einen Jäger so überraschend angegriffen, daß dieser zwar erfreulicherweise auf dessen Nacken zu sitzen kam, aber kaum sein Leben gerettet hätte, wenn ihm nicht im kritischen Moment sein Tropenhut heruntergefallen wäre. Das Untier attackierte nun diesen Hut, und der Schütze hatte Gelegenheit, ihm die tödliche Kugel aufs Blatt anzutragen. Aus dieser und ähnlichen Erzählungen wird man begreifen, daß die Spannung, wenn die Fährte, der man folgt, wärmer und wärmer wird, außerordentlich wächst und die Sinne sich schärfen. Aber obgleich ich den Büffel oft auf wenige Schritte neben mir atmen hörte, war das Dickicht so groß, daß ich nicht zum Schuß kam. Ich hatte die Erfüllung meines Wunsches schon aufgegeben und mit meiner Karawane den endgültigen Abmarsch angetreten, als wir morgens um 7 Uhr eine ganz frische Büffelfährte kreuzten. Der Wald war an dieser Stelle lichter, und die Führer zeigten Lust, der Fährte zu folgen. So ließen wir die Karawane weitermarschieren und bekamen nach vierstündiger anstrengender Pirsche den Büffel zu Gesicht. Als ich in einer Lichtung auf 100 Meter den Kolben hob, verbot Kabunda es und bestand darauf, daß wir den Büffel, der im ganz lichten Stangenholz an uns vorüberzog, bis auf dreißig Schritt anpirschten. Zum Glück durchschoß die Kugel die große Schlagader; der Büffel lag sofort, und etwaige weitere Stadien dieser Episode waren damit abgeschnitten. Wie es oft vorkommt, fanden wir auch hier eine steckengebliebene Kugel aus einem Eingeborenengewehr im Innern des Tieres bereits vor. Im übrigen bestand die Jagdbeute aus einer großen Anzahl Antilopen und Gazellen verschiedener Gattungen; Löwen haben wir oft gehört, aber nicht zu Gesicht bekommen.
Auf diesem Zuge durch das „Pori“ lernte ich zu meiner Verblüffung die Tatsache kennen, daß ein spurloses Verschwinden selbst im Inneren Afrikas nicht leicht ist. Ich war losgezogen, ohne zu hinterlassen, welchen Weg ich nehmen würde. Da erschien plötzlich während des Marsches mitten im Pori ein Eingeborener und brachte mir die Überseepost. Die gegenseitigen Mitteilungen der Eingeborenen geben einander eben Kunde von allem, was in ihrer Nähe vor sich geht. Zurufe, Feuerzeichen und die Signaltrommel dienen dazu, die Neuigkeiten auszutauschen und schnell zu verbreiten. Die unglaubliche Ausbreitungsfähigkeit der zahllosen Gerüchte, die ich späterhin kennenlernen sollte, ist zum großen Teil auf diese Mitteilsamkeit zurückzuführen.
Nach der Rückkehr nach Daressalam von der ersten Besichtigungsreise im März wurde sogleich die Umbewaffnung von drei weiteren Kompagnien — es waren bisher erst drei Kompagnien mit modernen Gewehren bewaffnet — in die Wege geleitet. Es wurde von größter Wichtigkeit, daß wenigstens diese Waffen, mit der dazugehörigen Munition, noch gerade rechtzeitig vor Ausbruch des Krieges im Schutzgebiet eintrafen.
Bei einer Besichtigungsreise im April nach Lindi, wo ich die dritte Feldkompagnie sah, hatte ich mir bei einem Fall in ein Steinloch Kniewasser zugezogen und konnte daher meine nächste große Reise erst Ende Mai antreten. Obgleich der öffentliche Verkehr der Zentralbahn erst bis Tabora freigegeben werden konnte, war der Bau doch so weit gediehen, daß ich bis Kigoma (am Tanganjika-See) mit der Bahn gelangte und so schon eine oberflächliche Kenntnis dieses wichtigen Verkehrsmittels gewann, das unsere Küste in unmittelbare Verbindung mit dem Tanganjika, seinen reichen angrenzenden Gebieten und weiter mit dem Stromsystem des Kongo brachte. In Kigoma war der Dampfer „Goetzen“ erst im Bau, und ich fuhr noch mit dem kleinen Dampfer „Hedwig v. Wißmann“ nach Bismarckburg. In Baudouinville, im Kongogebiet, machte ich einen kurzen Besuch bei dem dortigen Bischof der Weißen Väter, ohne eine Ahnung zu haben, wie bald man mit diesem Gebiet im Kriege sein sollte. Die wundervolle Kirche würde bei uns ein Schmuck für jede Stadt sein. Sie war von den Vätern selbst erbaut und im Innern mit reichen Schnitzereien versehen. Geräumige, prachtvolle Obstgärten umgeben die Station. Die Löwenplage muß dort sehr groß sein; die Väter erzählten mir, daß vor kurzem ein Löwe des Nachts über die Mauer in das Innere des Hofes gesetzt war und ein Rind geschlagen hatte. Unsere Aufnahme war sehr freundlich und ein Glas schönen Algier-Weines der Willkommgruß.
Auch in der Mission Mwasije, auf deutschem Gebiet, wo auch Weiße Väter, zum größten Teil Belgier, lebten, wurden wir gut aufgenommen. Während des Krieges erbeutete Korrespondenzen bewiesen aber, daß die französischen Missionare, die gleichfalls aus Stationen des Tanganjika-Gebietes leben, keineswegs nur das Christentum zu verbreiten suchten, sondern auch bewußt nationale Propaganda trieben. Ein Brief eines Missionars enthält einen Bezeichnungsunterschied zwischen einem „missionaire catholique“ und einem „missionaire français“; der letztere sei verpflichtet, neben dem Christentum auch französisch-nationale Propaganda zu treiben. Bekanntlich ist diese nationale Propaganda etwas, von der sich die deutschen Missionare im allgemeinen fernhielten.
Diese Missionen, die sich naturgemäß in den dicht bevölkerten gut angebauten Gegenden finden, haben auf die Erziehung der Eingeborenen einen außerordentlich großen Einfluß. Der Missionar ist meist der einzige dauernd ansässige Weiße, der Land und Leute gut kennenlernt und Vertrauen erwirbt. Recht verdient haben sich die Missionen durch die Einführung der europäischen Handwerke gemacht; Tischlereien, Schuhmachereien und Ziegeleien findet man überall eingerichtet.
Die weiteren Reisen zeigten mir, daß das so überaus fruchtbare Gebiet um Langenburg und Ssongea, wo sich viele Weizenfelder befinden und dessen dichte Besiedlung sich auf der Karte schon aus den zahlreich vorhandenen Missionen verrät, nur durch eine einzige Kompagnie geschützt war, zu der nicht einmal eine unmittelbare Drahtverbindung bestand. Wollte man Langenburg telegraphisch erreichen, so war dies von Daressalam nur über Südafrika auf der englischen Linie möglich. Die vorhandene heliographische Verbindung von Iringa bis Langenburg war ihrer Unzuverlässigkeit wegen kein ausreichender Ersatz. Erwähnt mag werden, daß in dem dortigen Gebiet die Eingeborenen nicht nur durch die Missionen und die deutsche Verwaltung zur Kulturarbeit herangezogen worden sind, sondern daß dort auch nennenswerte Eingeborenenindustrien alteinheimisch bestehen. Bei eisenhaltigem Boden begegnet man zahlreichen Schmieden, deren Blasebalg in ursprünglicher Weise aus Fellen und durchbohrten Ästen gebildet ist. Recht schön sind auch die Webearbeiten der Eingeborenen; Korbflechtereien gibt es hier wie fast überall im Schutzgebiet. Ihre Erzeugnisse sind geschmackvoll und so dicht, daß die Eingeborenen zum Trinken geflochtene Becher benutzen. Die großen Viehbestände einiger europäischer Farmer — es kommt hier besonders Mbejahof zwischen Nyassa- und Tanganjika-See in Betracht — litten bei den unentwickelten Verkehrsmitteln unter der Schwierigkeit des Absatzes.