Herr de Saint-Cyr erzählte, daß er ohne Eltern sei und durch die Nachlässigkeit seines Vormundes sein gesamtes Vermögen verloren habe. Seine Verwandten, die denselben Namen trügen wie er, seien sehr einflußreich am Hofe, und er sei nach Paris gekommen, um durch ihre Verwendung eine bescheidene Stellung zu erhalten. Aber da es ihnen offenbar peinlich sei, einen verarmten Vetter anzuerkennen, so sei er bei allen entweder durch leere Versprechungen hingehalten oder mit peinlichen Worten entlassen; und gerade heute habe er seinen letzten Besuch gemacht, und es bleibe ihm keinerlei Aussicht oder Hoffnung mehr.
Emilie dachte eine Weile nach, dann erwiderte sie ihm: »Ein anderes Betragen ist von Verwandten in solchen Fällen nicht zu erwarten, wenn man nicht ein Mittel besitzt, um sie auch gegen ihren Willen zur Hilfe zu zwingen.« Und als Herr de Saint-Cyr sie fragte, ob sie ein solches Mittel wisse, fuhr sie fort, indem sie noch mehr errötete, wie bei den Worten, durch welche sie ihm mitgeteilt hatte, wer sie war: »Sie müssen Ihren Verwandten drohen, daß Sie sich werden durch die Not, um Ihr Leben zu erhalten, zu einer ehrlosen Handlung treiben lassen; und da diese, weil Sie den gleichen Namen haben wie Ihre Verwandten, auch denen Unehre machen würde, so werden sie gewiß alsdann alles aufbieten, um Ihr gerechtes Verlangen zu erfüllen. Als eine solche Handlung schlage ich Ihnen folgendes vor. Ich habe mir ein Vermögen erworben, welches für den standesmäßigen Unterhalt einer Familie genügen würde; mein Name und meine Lebensweise sind in den Kreisen der vornehmen jungen Leute bekannt genug; es genügt, wenn Sie erzählen, daß Sie mich kennen gelernt haben und mich heiraten wollen, um nicht Hungers zu sterben.«
Auf diese großmütige Rede Emiliens konnte de Saint-Cyr nicht mit Worten erwidern. Er küßte ihre Hand, die sie ihm schnell entzog, und ging. Gegen Abend kam er zurück und suchte Emilie in ihrem Zimmer auf. Mit traurigem Gesicht erzählte er, als einzige Antwort habe er von seinen Verwandten erhalten, daß man ihn alsdann als einen Betrüger, der sich seinen vornehmen Namen fälschlich beigelegt habe, werde verhaften und in die Bastille führen lassen. Dann fuhr er fort: »Ich habe meine Eltern nicht mehr gekannt und war stets unter fremden Leuten. Sie sind der erste Mensch gewesen, der mir eine Freundlichkeit erwiesen hat. Ich biete Ihnen in Wirklichkeit meine Hand an und verspreche Ihnen, daß ich Sie lieben und ehren werde, wie Sie es verdienen. Wir werden Paris verlassen und an einem entfernten Ort leben; und mit einer Güte, welche der gleich sein soll, die Sie mir erwiesen, will ich mich mühen, Sie Ihre bisherigen Leiden vergessen zu machen.«
Emilie antwortete ihm, daß er ihr etwas Unmögliches vorschlage, denn kein Mann könne vergessen, was sie bis jetzt gewesen sei; und wenn er auch jetzt glaube, daß er mit ihr eine Ehe führen könne, wie sie sein müsse, nämlich mit Achtung und Liebe für seine Gattin, so werde doch eine Zeit kommen, wo er seinen Schritt bereuen müsse; sie aber würde es nie ertragen können, sich als Ursache seiner Erniedrigung zu fühlen, selbst wenn er ihr, wie sie glaube, nie ein Wort sagen würde.
Sie erzählte mir alles, was ich Ihnen schreibe, mit häufigen Tränen noch an demselben Abend und sagte, daß sie am nächsten Tage an einen Ort gehen werde, wo sie niemand finden könne. Am nächsten Tage kam Herr de Saint-Cyr zu mir, die er als einzige Freundin Emiliens kannte, berichtete mir ihr Verschwinden und teilte mir mit, daß er von einem Notar die Nachricht bekommen habe, daß sie ein Landgut auf seinen Namen habe überschreiben lassen; er war in höchster Erregung und sagte, er werde nicht eher ruhen, als bis er sie wiedergetroffen habe.
Nun haben sich also die Beiden doch noch gefunden – und sind glücklich.
6
Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.
Chateau Tournay, Mai 1750.
Liebe Freundin, Ihre Erzählung finde ich erstaunlich. Gestatten Sie mir jedenfalls eine kleine Zurechtsetzung: ich habe nicht geschrieben, daß das Ehepaar glücklich ist.