Was ist das für eine Geschichte von Herrn de Saint-Cyr und Emilie? Es lebt in meiner Nähe ein Ehepaar dieses Namens. Ich lernte den Herrn auf der Jagd kennen, als ich auf der Pirsch durch Unkenntnis in sein Revier geraten war. Die Beiden scheinen sehr liebenswürdig; nur ist die Frau wohl etwas gedrückt, vielleicht, weil die Ehe kinderlos ist. Der Mann gibt sich viele Mühe, sie zu erheitern. Sie haben ihr Gut vor etwa zwei Jahren gekauft, und es kennt sie sonst niemand von dem umwohnenden Adel.
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Mlle. Eugenie Chabert an Herrn de Voisenon.
Paris, Mai 1750.
Lieber Freund, Sie haben mich freilich nicht geschont in Ihrem Brief, und vielleicht haben Sie nicht bedacht, daß Sie ihn an eine Frau schrieben. Gestehen Sie nur: wir Frauen mögen unsere große Torheit haben; aber ist es wirklich klug, den Schleier, den die Natur selbst uns treibt über manche Empfindungen zu decken, unbarmherzig zu zerreißen? Wäre es nicht möglich, daß diese Empfindungen dadurch etwas anderes würden als sie waren und in Wahrheit sein müssen? Sie nennen den Schleier vielleicht Lüge: üben Sie darin nicht Rache an der Liebe? Ich habe nicht gedacht, was Sie aussprechen; nachdem Sie es ausgesprochen, muß ich es denken. Die Natur gibt selbst den Tieren in der Zeit der Liebe irgend etwas, das nur ein schöner Schein ist, und merkwürdig, es ist meistens das Männchen, dem sie diese Sorgfalt zuwendet! Sollten nicht auch die Frauen deuten und überlegen, und wenn ein Mann zum Dichter wird in der Zeit, da er um ein Weib wirbt, wie das Männchen einer Vogelart neue und glänzende Federn erhält: könnte da nicht dem Weib der Gedanke kommen: das ist nur ein bedeutungsloses Prunken, ein Mittel, um dich für einen bestimmten Zweck gefügig zu machen? Sollten wir Frauen alle so unwissend sein, daß wir diesen Schönheiten die Bedeutung zuerteilten, welche sie beanspruchen: nämlich dauernd zu sein und wesentliche Eigenschaften des liebenden Mannes? O, viele von uns sind klug genug, um die Wahrheit zu wissen, welche sich hinter dem Schleier verbirgt, aber nur eine ganz Verworfene wäre so unedel, sie zu sagen. Ich will Ihnen keinen Vorwurf machen, denn ich weiß, daß die Männer schamlos sind, daß sie das sein müssen; aber ich dachte, daß auf den höchsten Stufen der Gesittung die Männer von uns Eigenschaften annehmen, wie wir von ihnen; und ich habe mich gefragt – achten Sie ernsthaft darauf, was ich mich gefragt habe: ob Sie an Mlle. de Villars geschrieben hätten, wie Sie an mich schrieben. Ich bin nicht eifersüchtig, und ich habe kein Recht, auf Sie eifersüchtig zu sein; aber wenn Sie meinen Stand und meine Lage als nicht problematisch (wie sie meines Erachtens sind), sondern als in ihrer Art gleich vollendet und selbstgenügend hinstellen wie die einer Dame der Gesellschaft; so muß ich auch verlangen, daß Sie in entsprechender Weise Rücksichten nehmen, indem Sie das schonen, was Sie ja in Ihrem Innern meine Lebenslüge nennen mögen. Noch einmal: Stellen Sie sich recht lebhaft vor, wie Sie an Mlle. de Villars geschrieben haben würden, an das junge Mädchen von achtzehn Jahren aus vornehmer Familie, das eben aus dem Kloster gekommen ist, und das Sie zu Ihrer Gattin zu machen beabsichtigen. Sie würden nicht gedacht haben: ich will ihr schreiben, was ich selbst tun würde, nachdem ich ihr geschrieben, was ich selbst denke, sondern ich will mir vorstellen, was sie empfinden muß, was ein Mensch, der so empfindet, denken und tun muß; denn ein Mann muß Frauen schonen.
Sie wollen Emiliens Geschichte wissen; ich will sie Ihnen erzählen; vielleicht, daß Sie aus ihr lernen, was einen Dichter hätte die Natur lehren sollen.
Sie wurde als ganz junges Mädchen von ihrer Mutter dem Leiter unserer Truppe vorgestellt, und da sie eine vorzügliche Bühnenfigur besaß, nahm man sie sogleich mit einem kleinen Gehalt an. In der Folge stellte es sich heraus, daß sie keinerlei schauspielerische Begabung hatte; nicht, daß es ihr an Phantasie, Temperament und Verstand gemangelt hätte; aber sie war durch eine eigenartige Vornehmheit ihres Wesens gebunden und konnte nicht aus sich herausgehen; Sie sagten einmal selbst: jede Kunst steht in einem gewissen Gegensatz zur Vornehmheit; man konnte sie höchstens zu Anmelderollen verwenden. Von ihrem Herkommen sprach sie nie, es schien mir aber, daß sie von guter Familie sein müsse. Ein geringer Rest von Vermögen, der wohl noch vorhanden war, wurde im Laufe der Zeit ausgegeben, da sie mit ihrer Mutter von ihrem Verdienst beim Theater nicht leben konnte, und es stellte sich die Notwendigkeit heraus, daß sie den Bewerbungen eines reichen Verehrers nachgab. Über diese Dinge sprach sie nie mit mir, trotzdem ich die einzige unter uns war, zu der sie ein Zutrauen gefaßt hatte. Sie wissen, wie es am Theater hergeht, und daß selbst ein Mädchen ohne besondere Reize, wenn sie nur irgendwie mit der Bühne in Beziehung steht, auf das lebhafteste von unseren vornehmen jungen Herren umworben wird. Emilie scheint ihre Verehrer mehrfach gewechselt zu haben, aus welchen Gründen ist mir unbekannt; jedenfalls wußten wir alle, daß sie in einigen Jahren durch die Freigebigkeit der Herren und ihr einfaches Leben ein beträchtliches Vermögen erworben hatte. Ihre Mutter starb in dieser Zeit, und als ich sie bei dem Begräbnisse besuchte, sagte sie mir, daß sie sich ein Landgut in einer entfernten Gegend kaufen wolle, wo sie niemand kenne, um dort ihr Leben zu beschließen. Sie haben wohl nie von ihr gehört durch Ihr einsames und zurückgezogenes Leben; bei jedem andern Herrn Ihres Standes und Alters würde es mich wundern, daß Sie Emilie nicht gekannt haben sollen. Herr de Saint-Cyr kam um diese Zeit nach Paris. Durch einen Zufall nahm er seine Wohnung in dem Hause, wo Emilie wohnte, nur durch den Korridor von ihren Zimmern getrennt. Diese sah den vornehm aussehenden, aber sehr bescheiden gekleideten jungen Herrn täglich an ihrem Fenster vorbeigehen, und sein höflicher und achtungsvoller Gruß machte einen tiefen Eindruck auf das arme Mädchen, das sehr unter ihrer Stellung litt. Sie bemerkte, daß der Ausdruck seines Gesichtes täglich trauriger wurde. Da er sich um die Zeit des Mittagessens immer auf seinem Zimmer aufhielt und sie ihn nie mit irgend welchen Einkäufen zurückkehren sah, so wurde sie durch ihr Mitgefühl getrieben, ihn durch das Schlüsselloch zu beobachten; sie sah, daß er ein Stück Brot aus dem Schrank nahm, es sorgfältig abmaß, ein Stück abschnitt, und dieses dann ohne weitere Beigabe verzehrte.
Für den nächsten Tag ließ sie ihre Köchin etwas reichlichere Einkäufe machen und ein für mehrere Personen genügendes Essen vorbereiten; dann erwartete sie ihn an ihrem geöffneten Fenster, indem sie sich an ihren Blumenstöcken zu schaffen machte. Er wollte mit seinem gewöhnlichen Gruß vorbeigehen, sie redete ihn aber an, indem sie ihm scherzend vorwarf, er sei unhöflich, daß er noch nie zu ihr gesprochen habe; und indem er erwiderte und sie antwortete, lud sie ihn am Ende zu ihrem Essen ein und drängte ihn so, daß er kommen mußte.
Nach der Mahlzeit, als sie noch verschiedenes geredet hatten und vertrauter geworden waren, sagte sie zu ihm: »Ich sehe, mein Herr, daß Sie sehr unglücklich sind, und vermute wohl mit Recht, daß Sie hier keinen Freund oder Bekannten haben, dem Sie Ihre Sorgen erzählen können. Deshalb möchte ich mich Ihnen als Vertraute anbieten, ob ich vielleicht Sie trösten oder Ihnen sonst irgendwie helfen kann. Und damit Sie die Scham überwinden, welche ein Unglücklicher naturgemäß hat, wenn er einem Fremden sein Herz öffnen soll, so will ich selbst mit einem Geständnis beginnen, welches mir viel schwerer werden muß als alles, was Sie mir gestehen können, denn mein Leiden ist schwerer, wie es das Ihre sein kann: ich bin ein Mädchen, das seinen Unterhalt davon hat, daß es seine Ehre preisgegeben hat.«