Aus den Aufzeichnungen des Musikers
Ich lebte in Berlin in der Philippstraße bei derselben Wirtin mit einem etwa dreißigjährigen Arzt, der Assistent in einer der großen Kliniken war. Man kann jahrelang Wand an Wand mit jemandem wohnen, ohne ihn kennen zu lernen; unsere gemeinsame Wirtin, eine brave Berlinerin aus dem bessern Mittelstande, hatte uns aber eines Morgens, als sie uns beiden den Kaffee brachte, miteinander bekannt gemacht, indem sie uns in ihre Stube rief, das sogenannte Berliner Zimmer der Wohnung mit einem lederbezogenen Schlafsopha und einem bunten Velourteppich, der jeden Abend getreu zusammengerollt wurde; und unter dem merkwürdigen Lobe, daß sie so »anständige Herrn« noch nie gehabt habe, uns gegenseitig vorstellte. Wir lebten beide allein, fast ohne jeden Verkehr, wie das so in der Großstadt möglich ist, und wiewohl wir uns kaum viel zu erzählen hatten, sprachen wir doch oft miteinander bei gelegentlichem Begegnen auf der Treppe oder wenn einer den andern abends um irgend ein gefälliges Aushelfen bat.
An einem Morgen teilte mir die Wirtin kopfschüttelnd mit, daß mein Nachbar krank sei. Ihr merkwürdiger Gesichtsausdruck fiel mir wohl auf, aber ich fragte nicht weiter; gegen Mittag klopfte ich bei ihm an, um ihm einen kurzen Besuch zu machen und ihn zu fragen, ob ich ihm vielleicht etwas besorgen dürfe.
Er lag mit großen fiebrigen Augen im Bett. Als ich ihm die Hand bot, hielt er mich einen Augenblick lang fest; nur einen kurzen Augenblick lang; aber ich spürte, daß dieser verschlossene und einsame Mensch das Bedürfnis nach einem anderen Menschen hatte. So sagte ich ihm denn, nachdem wir die gewöhnlichen Redensarten gewechselt hatten und die bekannte Pause entstanden war, indem ich mich verabschiedete, ich werde am Nachmittag wiederkommen. Er nickte, indem er mich eigentümlich mit sehnsüchtigem Blick aus verzehrten Augen ansah, und hielt wieder meine Hand sonderbar fest. Sein Kopf mit dem dünnen, hellblonden Haar, blassen schmalen Lippen und spärlichem, blondem Schnurrbärtchen sah sehr krank aus auf dem weißen Kissen. Als ich die ausgetretene und schmutzige Treppe hinunterging, wurde mir klar: er wird sterben und will mir etwas anvertrauen, da er sonst keinen Menschen kennt.
Wie ich ihm versprochen, ging ich am Nachmittag wieder zu ihm. Er ergriff meine Hand und lenkte mich ohne weiteres auf den Stuhl, der neben dem Bett stand; er zeigte mir ein Heft in blauem Umschlag, in dem er mit Bleistift geschrieben hatte und sagte mir: »das ist mein Krankheitsbericht, der ist sehr wichtig, denn ich mache ein Experiment mit mir.« Er bat mich, für den Fall seines Todes das Heft einem Gelehrten zu übergeben, den er mir nannte. Dann begann er unvermittelt zu erzählen.
»Vor fünf Jahren hatte ich eine heftige Furcht vor der Einsamkeit. Ich ging abends in eine Kneipe, zuweilen auch in ein Tanzlokal. Sie können mir glauben, daß mir die Menschen dort zuwider waren, aber ich war krank durch das Alleinsein und mußte Menschen sehen. In einem Tanzlokal in Halensee lernte ich ein Mädchen kennen, eine Näherin in einem Wäschegeschäft. Ich hatte mich durch Zufall an den Tisch gesetzt, an dem sie saß; sie war allein gleich mir und machte den Eindruck, daß sie sich das erstemal hier befand. Sie war siebzehnjährig und trug ein verwachsenes schwarzes Kleid, das von der Beerdigung ihrer Mutter stammte. Ihr Vater war schon sehr lange tot, und sie lebte in Schlafstelle bei Leuten, vor denen sie Furcht hatte. Sie schien überhaupt in beständiger Furcht zu leben, sie hatte ein sanftes und schönes Gesicht und einen unentwickelten Körper. Hierher war sie gekommen, wie sie sagte, um ihr Leben zu genießen, weil sie jung sei, aber sie fürchtete sich vor den Männern und meinte, daß man sie schlagen werde. Sie konnte nicht tanzen und wußte selbst nicht, was sie eigentlich hier erwartet hatte, nur, daß sie unbestimmt hoffte, daß sie die Bekanntschaft eines »gebildeten Herrn« wie sie sich ausdrückte, machen könne.
Ich empfand Mitgefühl und Zuneigung. Sie sprach ein ganz reines Deutsch, ohne den mir widerwärtigen Berliner Klang und Fall. Als wir aufbrachen, nahm sie meinen Arm, wie wenn das selbstverständlich wäre. Nachdem wir uns auf eine Verabredung am nächsten Tag noch einmal getroffen hatten, wurde sie meine Geliebte. Sie war zärtlich, sanft und gut. Einmal weinte sie und sagte: »Wenn du mich heiraten könntest, dann wollte ich dir eine gute Frau sein, und du solltest es immer ordentlich im Hause haben; aber das ist ja unmöglich, deshalb will ich ein paar Monate lang glücklich sein.« Sie empfand, daß ihre zerstochenen Finger mir mißfielen, deshalb entzog sie mir sie, soweit es nur möglich war, mit merkwürdig zartfühlenden Ausreden.«