Hier schwieg mein Bekannter, und zwei runde volle Tränen rollten langsam über sein verarbeitetes und krankes Gesicht. Er sagte: »Ich schämte mich des Gefühls, das ich wegen der Finger hatte und wollte es bezwingen; aber sie merkte es doch; und ich hätte es ihr nicht übel nehmen können, wenn sie ungehalten gewesen wäre, denn sie gab mir alles, ich aber nahm nur; aber sie demütigte sich. Das ist so einer von den Stacheln, die ich im Gewissen habe, den ich auch heute noch nicht entfernen kann. Es ist etwas Furchtbares um die Liebe; wenn sie uns nicht edler macht, so macht sie uns schlechter, auch gegen unsern Willen; und in den meisten Fällen wird es bei einem Liebesverhältnis so sein, daß der eine Teil besser wird und der andere schlechter; denn dieses Gemeine ist im Menschen verborgen, daß er Güte mißbrauchen muß.«
Er wollte wohl Einzelheiten aus der Geschichte dieser Liebe erzählen, aber nach verschiedenen Ansätzen verstummte er immer wieder und sagte: »Ich muß mich schämen.« Nur eine Geschichte erzählte er: »Ich fuhr mit ihr an einem Sonntag aus der Stadt heraus, wir gingen durch den Wald und über eine Wiese. Vor einem Marienblümchen blieb sie stehen, breitete die Arme aus gegen den Himmel und rief: Ich habe noch nie eine Blume gesehen.«
»Nach einigen Monaten veränderte sie ihr Wesen in auffälliger Weise. Ich verstand das nicht, wie denn Männer in solchen Fällen oft wenig einsichtsvoll sind, dachte, daß sie meiner überdrüssig sei oder eine andere Liebe im Sinne habe und sich von mir trennen wolle. Was wir in einem solchen Fall empfinden, ist wohl eine gereizte Eitelkeit, der wir irgend einen besseren Namen unterlegen; und Eitelkeit verführt uns mehr wie andere Leidenschaften zu Roheit. So kam es, daß ich mich oft häßlich gegen sie betragen habe. Was nun geschah, erfuhr ich erst später.
Sie ging an einem Abend außerhalb der Stadt die Bahnlinie entlang, weinend und mit einem halb gefaßten Entschluß. Da begegnete ihr ein Streckenarbeiter, der nach Hause ging von seiner Arbeit. Er redete sie an, daß der Weg verboten sei wegen der Gefahr. Sie wickelte sich fester in ihr Kopftuch, weinte leise und ging weiter. Der Mann spürte, welches ihre Absicht war, kehrte um, faßte ihre Hand und fragte mit freundlicher Stimme, welchen Grund sie doch habe, daß sie sich töten wolle. Sie antwortete, daß sie eine Liebe habe mit einem Herrn und ein Kind erwarte und nicht wisse, was sie tun solle. Da ging er weiter mit ihr zusammen, und sie erzählte ihm alles und sagte ihm auch, daß sie mich lieb habe; aber sie habe ja von Anfang an gewußt, daß das alles keinen Bestand haben könne. Und früher habe sie geglaubt, sie wolle so lange glücklich sein, wie das Glück anhalte, und dann wolle sie so weiter leben; und auch, daß sie ein Kind bekommen könne, habe ihr keine weiteren Sorgen gemacht; denn das geschehe doch oft, daß ein Mädchen ein Kind habe, und sie habe gedacht, daß sie es zu einer Frau geben werde, und soviel verdiene sie schon, daß sie den Unterhalt bezahlen könne. Aber nun verspüre sie eine Liebe zu ihrem künftigen Kinde, und es tue ihr weh, daß das so schlecht aufwachsen solle. Deshalb wolle sie jetzt mit ihm sterben, solange es noch kein Mensch sei; denn wenn es erst geboren sei, dann würde sie nicht mehr die Kraft haben, sich selber und das Kind zu töten.
Der Mann redete ihr aus gutem Herzen zu und brachte sie dahin, daß sie ihren Vorsatz aufgab. So ging er mit ihr zurück, bis sie zu den ersten Häusern der Stadt kamen, und dann in die Straßen. Und wie sie nun angefangen hatte, ihm zu erzählen, was das Allergeheimste bei ihr war, da hatte er das Gefühl, daß sie sich vor ihm schämen müsse, wenn er nicht auch ihr vertraue, was ihn bedrückte. Da ergab es sich, daß er ein einsamer und freudenloser Mann war, der die rohe Gesellschaft mied und Bücher und Schriften für sich las. Im ganzen waren sie kaum eine Stunde zusammen gewesen, aber sie waren so vertraut geworden, als kennten sie sich schon lange. Deshalb drang er in sie, daß er am nächsten Abend wieder mit ihr gehen konnte, und nicht eine Woche war vergangen, da sagte er zu ihr, er habe sie lieb gewonnen, und wenn sie möge, so wolle er sie heiraten, und ihr Kind wolle er auferziehen wie sein eigenes. Sie weinte und sagte, das dürfe er nicht tun. Aber er erwiderte, er brauche doch keinen Menschen zu fragen bei seinem Handeln, und er gehe nur nach seinem Gewissen. Das aber rede ihm zu, denn er spreche nicht zu ihr in Leichtsinn oder besinnungsloser Leidenschaft; er sei ein Dreißigjähriger und habe es immer schwer gehabt im Leben, da sei ein Mensch denn ernst und prüfe seine Absichten und Pläne. Sie hinwiederum gestand ihm, daß sie mich noch lieb habe. Aber er entgegnete, das wisse er wohl; aber sie wisse ja doch auch, daß diese Liebe zu keinem Ziel führen könne, und sie werde allmählich mich vergessen; aber sie müsse ihm versprechen, daß sie mir alles sagen wolle und Abschied nehmen und mich nie wiedersehen.
Nun bat sie ihn, bei diesem Abschied solle er zugegen sein; und dann kamen beide an einem Sonntagvormittag zu mir. Sie vermochte nicht zu sprechen, sondern weinte beständig; aber der Mann nahm das Wort und erzählte mir alles. Da zog auch mir ein furchtbares Weh ins Herz, denn nun erst wurde mir klar, wie ich das liebe Kind geliebt hatte, über alle Unterschiede von Stand, Bildung und äußern Manieren hinweg; denn ich hatte bis dahin immer geglaubt, eine wahre, vollkommene Liebe sei nur da möglich, wo nichts Störendes im Wesen der Geliebten vorhanden ist. Da weinte auch ich, und der Mann zog sich anständig und bescheiden zurück, nahm die Türklinke in die Hand und sagte, er wolle auf die Straße gehen. Aber da kam es über mich, ich ergriff ihre tränennasse Hand und fragte sie: Bist du zufrieden mit seinen Worten? Sie nickte. Da trat ich ans Fenster, und wunderte mich, wie doch die Leute seelenlos die Straße entlangeilen mögen.
Ich schrieb dem Mann, daß ich für das Kind sorgen wolle, wie ich könne, und ich wolle ihm monatlich ein Kostgeld schicken. Aber er kam zu mir und sprach, das wollte er nicht, denn er würde sich gedemütigt fühlen, wenn er das annähme; aber für meinen guten Willen danke er mir.«
Mein Bekannter schwieg eine lange Zeit, indem er nachdenklich seine schmale Hand betrachtete, die auf der Bettdecke lag. Dann fuhr er fort. »Wir, die man so zu den höheren Ständen rechnet, und die doch von der Gesellschaft nur eben so hin verbraucht werden wie die Menschen aus den untern Klassen, wir führen doch ein furchtbares Leben. Wir haben nicht die Unbefangenheit und den sorglosen Sinn, die Freiheit und Freude des Volkes, und es fehlt uns eben so das sichere und versorgte Dasein der wirklich höheren Klassen; und wenn man so mit seinem Herzen bei der Arbeit ist wie wir, so müßte man doch nach außen versorgt sein; aber wir vertrocknen durch unser Leben.
Ich stehe jetzt vor dem Angesicht des Todes, und es ist jämmerlich, daran zu denken, daß ich nur einhundertundfünfzig Mark Gehalt den Monat hatte und keine Hoffnung haben konnte, je viel mehr zu erwerben; denn mir fehlt jenes Besondere, das den Arzt zu einem guten Verdiener machen kann. Aber ich bin verkümmert und vertrocknet, ich wußte selbst nicht wie, ich war ja kein Mensch mehr mit einem Herzen und mit Mut, ich war nur noch eine Art Beamter, der seine Pflicht tat, wie die Uhr ihre Pflicht tut. Ich war kein Mensch mehr. Ich habe ja nichts Schlechtes getan, das ich bereuen mußte; nein, ich war ordentlich, häuslich, gut angezogen und machte keine Schulden. Ach, ich habe nichts Gutes getan, nein, nicht eine gute Tat; und schlimmer noch: ich habe auch nichts Gutes empfunden. Ein Mörder ist vielleicht ein besserer Mensch wie ich, denn er hat vielleicht einmal Reue empfunden; aber ich habe nichts empfunden.«
Er schwieg eine Weile. Dann sah er mich mit einem Blick an, der mich auf das tiefste erschütterte, und sprach: »Lassen Sie sich die Worte eines Sterbenden zur Lehre dienen. Sie gehen denselben Weg wie ich. Und wie ich als junger Mensch einmal dachte, ein Arzt müsse alle Menschen lieben und allen helfen, und ein Mensch, dem man helfen könne, der könne nicht schlecht oder gemein sein; so haben auch Sie einmal gedacht, ein Künstler müsse die größte Güte haben und alle Menschen glücklich machen; und nun denken Sie nur an Gegner, an Durchdringen, an Geldverdienen. O, was hat Jesus gesagt von uns: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz dumm wird, womit soll man's salzen?« Er faßte meine Hand. »Vergessen Sie alles Kleinliche und Gemeine, sonst können Sie nicht leben, sonst müssen Sie sterben wie ich.«