Er fuhr fort.

»Man brachte in die Klinik einen Eisenbahnarbeiter, dem ein Wagen über den Körper gefahren war. Ich kann die Verletzungen nicht beschreiben, es quält mich zu sehr; jahrelang habe ich nie an den Leidenden gedacht, immer nur an meine berufliche Pflicht. Jetzt kommt alles Leiden zurück zu mir, das ich nicht mitgelitten habe.

Er war der Mann meiner früheren Geliebten. Ich sah, daß ihm unmöglich zu helfen war; er blickte mir ins Gesicht und nickte, als er meinen Ausdruck verstanden hatte. Er mußte unsagbare Schmerzen ausstehen. Seine Stirn war in Falten gezogen, welche zitterten, sein Mund war zusammengezogen und zitterte. Ich bereitete eine Morphiumspritze, um ihm die Schmerzen zu ersparen, er sollte in der Betäubung verscheiden. Er erfaßte meine Hand, winkte mit den Augen und sprach: »Ist es wahr, daß es Mittel gibt, welche das Leben um einige Stunden verlängern? Dieses ist es nicht!« Es war neun Uhr abends. Ich antwortete: »Eine Kampfereinspritzung regt die Herztätigkeit wieder an.« Er sprach: »Machen Sie, daß ich bis nach zwölf Uhr lebe.« Ich entleerte die Morphiumspritze und reinigte sie, dann bereitete ich die Kampferlösung vor.

Seine Frau kam, meine frühere Geliebte. Sie hatte ihr Kind an der Hand, mein Kind. Still kniete sie an dem Bett nieder, der Knabe weinte still. Der Mann sah die beiden an. Nur selten, wenn er den Schmerz nicht mehr unterdrücken konnte, stöhnte er leise, dann ging ein Schütteln durch den Körper der Frau. Ich saß in einer Ecke des Saales, ging zuweilen zu dem Sterbenden und fühlte das Herz. Gegen halb elf machte ich ihm eine Kampfereinspritzung. Er dankte mir mit den Augen, kein Wort hatte er gesprochen, seit Frau und Kind bei ihm waren, das Sprechen war ihm zu schmerzhaft. Die Uhr im Saal schlug elf. Ich empfand, wie der Leidende die Schläge verfolgte, er ersehnte den Tod, mir war, als fühlte ich das Ringen seines Willens gegen den Schmerz mit dem Herzen. Die Frau konnte seine furchtbaren Verletzungen nicht sehen, nur sein Kopf war sichtbar auf den weißen Kissen.

Gegen halb zwölf wurde der Herzschlag ganz matt, sein Blick verlor die Kraft und den Ausdruck des Willens, er war im Begriff, in den Tod zu gehen. Plötzlich schoß mir ein Strahl aus den eben umflorten Augen ins Gesicht. Ich verstand, machte ihm eine neue Einspritzung. Seine Lippen bewegten sich, aber sie formten keinen Laut.

Die Uhr schlug zwölf. Er zählte die Schläge, seine Augen waren wieder voll Ausdruck, ich konnte seinen Gedanken wieder folgen. Dann sprach er zu mir: »Sie können bezeugen, daß ich den ersten Oktober noch erlebt habe; von heute an bin ich angestellter Weichenwärter, meine Frau bekommt die Beamtenpension, das Kind kann erzogen werden.« Er sprach mit großer Ruhe, manche Buchstaben konnte er nicht mehr bilden. Dann seufzte er, seine Augen brachen.«

Mein Bekannter schwieg wieder eine lange Zeit. Dann fuhr er fort:

»Was ich nun tat, war vor dem Verstand gänzlich unsinnig. Vernünftigerweise hätte ich nach meinen Kräften die Witwe und das Kind unterstützen sollen. Aber vor dem toten Mann hatte ich ein so heftiges Gefühl der Scham, daß ich einsah, ich könne nicht mehr leben. Nein, ich konnte nicht mehr leben.