Ich bin ja kein schlechter Mensch. Ich habe ja nichts Schlechtes getan. War es denn ein Unrecht, daß ich jenes Mädchen liebte? Wir waren beide glücklich, einige Monate lang. Nie bin ich sonst glücklich gewesen, auch sie wird nie sonst glücklich gewesen sein. Und was sollte ich denn weiter tun? Auch jetzt noch könnte ich ja nicht anders handeln, wie ich gehandelt habe; nur ein törichter Mensch hätte von mir verlangen können, daß ich sie zu meiner Frau machte; wir hätten uns nur beide gequält. War es denn ein Unrecht, daß ich sie liebte? Ich hätte entsagen können; nun, ich wäre einige Jahre eher vertrocknet; auch sie hätte entsagen können; kann man denn von Menschen, die so leben wie wir, Entsagung verlangen? Entsagung müßte doch aus einem freudigen und stolzen Herzen kommen, nicht aus einem dürftigen und bettlerhaften. Und was denn wäre verhütet oder besser geworden? Ja wenn sie sich damals selbst getötet hätte, ich könnte keine Gewissensbisse haben über mein Handeln; denn wichtiger ist es, einmal im Leben ein Mensch sein und dann sterben, wie lange leben als dürftiges, elendes Tier, das seine Arbeit tut, um sich zu ernähren.

Und doch sah ich ein: ich kann nicht leben, und meine Schuld ist es, daß ich nicht leben kann. Als der Arbeiter starb, da wußte ich es: ich trage Schuld an mir, daß ich so dürftig und elend und gemein bin, deshalb kann ich nicht leben.

Damit mein Tod denn doch irgend einen Zweck habe, nehme ich ein Gift, dessen Wirkung erprobt werden sollte für einen wissenschaftlichen Zweck – dieser wissenschaftliche Zweck kam mir ja selber albern vor, als ich nun so vor den Toren der Ewigkeit stand; aber die Albernheit war noch das einzige, wozu ich nütze war. Ich habe genau Buch geführt über die Fortschritte der Vergiftung und werde bis zuletzt alles genau beschreiben. Sie kennen das Heft bereits.«

Er wendete sich zur Wand, und ich ging leise aus dem Sterbezimmer.


Das Gespenst

1

Im letzten Jahre des Siebenjährigen Krieges wurden größere preußische Truppenmassen in der Umgebung von Breslau in Winterquartiere gelegt. Ein junger Rittmeister, wir wollen ihn v. K. nennen, kam mit seiner Schwadron auf das Rittergut O. Die Räumlichkeiten auf dem Gute waren sehr beengt; die Herrschaft, eine freiherrliche Familie von O., wohnte in einem uralten burgartigen Schloß, das noch mit einem tiefen Graben umgeben war und in seinen dicken Mauern nur einen Saal, eine Unzahl schmaler und hoher Gänge und wenige Zimmer barg, die alle, mit Ausnahme eines einzigen, von der Familie täglich benutzt wurden. So konnte man nur den Rittmeister selber im Schloß unterbringen; die drei jungen Offiziere wurden bei dem Pfarrer einquartiert und die Unteroffiziere und Mannschaften an die armseligen Büdner verteilt.