Am ersten Abend, als Herr v. K. mit dem gichtbrüchigen alten Freiherrn, dessen Gemahlin und der einzigen Tochter das leidliche Abendessen einnahm, entschuldigte sich die Frau vom Hause, daß sie dem fremden Herrn das Spukzimmer habe anweisen müssen. Herr v. K., der ein starker Freigeist war, erkundigte sich lachend danach, welche Bewandtnis es mit dem Spukzimmer habe; der alte Freiherr und seine Gemahlin machten ernste Gesichter; sie waren ehrliche und einfache Landedelleute vom alten Schlage, die sich jeden Sonntag vormittags und nachmittags in zwei altväterischen Sänften in ihren Prunkkleidern in die Kirche tragen ließen und bei den Liedern der frommen Gemeinde der Tagelöhner vorsangen. Das achtzehnjährige Töchterchen blickte mit unbeweglichem Gesicht in den Schoß. Der alte Herr berichtete dann, daß jedem Besucher, welcher die erste Nacht in dem fremden Zimmer schlafe, ein Geist erscheine, welcher mit Ketten raßle, kläglich stöhne und zuweilen von innen heraus durch höllisches Feuer leuchte. Herr v. K. lachte noch mehr und behauptete, daß das Gespenst sich nicht an einen preußischen Offizier wagen werde, und daß er schon unbesorgt schlafen wolle. Es schien ihm, als ob in dem hübschen, kecken Gesicht des Fräuleins ein leichtes Lächeln aufblitzen wollte, das sie unterdrückte; und indem er sich den Unterschied zwischen den braven Leuten und dem zierlichen Figürchen der Tochter, ihrem silberhellen Lachen, ihren leichten Bewegungen und ihrer modischen Figur klar machte, kam ihm ein Verdacht, daß das anmutige Persönchen irgendwie an den Spukerscheinungen beteiligt sein könne.

Man ging in dem ordentlichen Hause schon um neun Uhr schlafen. Herr v. K. leuchtete die Wände seines Zimmers ab und fand eine unscheinbare Tapetentür, die von seinem Bett aus nicht zu sehen war. Er verschob sein Bett, daß er sie sofort ins Auge fassen konnte, kleidete sich dann mit großer Seelenruhe aus, löschte das Licht und legte sich zu einem tiefen Schlaf, denn er hatte einen anstrengenden Ritt hinter sich.

Etwa um Mitternacht erwachte er durch ein mörderliches Gepolter, Rasseln und Klirren. Er schlug Feuer, zündete sein Licht an, bekleidete sich notdürftig, und sah auf die Tür. Diese öffnete sich; ein gespenstisches Wesen von etwa sechs Fuß Länge, in ein weißes Tuch gewickelt, mit einem ungeheuren Kopf, aus dessen Augen, Nase und Mund Feuer strahlte, stutzte einen Augenblick, dann schritt es in das Zimmer unter Dröhnen und Klirren. Herr v. K. sah, daß der Kopf ein ausgehöhlter Kürbis war, in den ein Licht gestellt sein mochte; er ging zu der offenen Tür, zog den außen steckenden Schlüssel ab, schloß sie mit diesem zu, steckte den Schlüssel in die Tasche, und wendete sich um nach dem Gespenst. Dieses war in die entfernteste Ecke entwichen. Er ging hin, nahm den Kürbis mit leichter Mühe ab, stellte ihn auf den Tisch, umarmte das Gespenst, wickelte den wirklichen Kopf aus dem weißen Laken heraus und küßte das hübsche Fräulein tüchtig ab; denn es war wirklich die Tochter seiner Wirtsleute.

Plötzlich erschrak er, denn große runde Tränen rollten ihr aus den Augen; es war ihm merkwürdig rührend, daß die Tränen rund blieben und sich nicht verteilten. Er sah sie bestürzt an; da lachte sie plötzlich und rief: »Ach, Sie sehen so dumm aus.« Diese unerwartete Ansprache machte ihn noch mehr verlegen; er ließ sie aus seinen Armen und fragte sie, aus welchem Grunde sie diesen Gespensterspuk aufführe.

Sie wickelte sich gänzlich aus dem weißen Laken, warf es zu den Ketten, die auf der Erde lagen, setzte sich, und erzählte folgende Geschichte:

Ihre Eltern lebten so gänzlich zurückgezogen von der Welt, daß sie außer ihren allernächsten Verwandten nur noch die Einwohner des Fleckens sah. Nun hatte der Pastor einen Sohn, der bereits Kandidat der Theologie war; dieser hatte von der Universität die Bücher der neuen Dichter mitgebracht, besonders die Schriften von Klopstock. Die hatten sie zusammen gelesen, und indem sie unter der Lektüre eine vollkommene Gleichheit ihrer Gedanken und Gefühle bemerkt hatten, wurden sie von gegenseitiger Liebe entflammt trotz der Verschiedenheit ihres Standes. Der Kandidat hatte dann sein theologisches Amtskleid angezogen und war auf das Schloß gegangen, um dem alten Freiherrn mitzuteilen, daß die Natur ihre beiden Herzen zusammengeführt habe, ihm die Nichtigkeit der gesellschaftlichen Unterschiede sowohl philosophisch wie auf Grund des Naturrechts nachzuweisen, und um ihre Hand anzuhalten. Der alte Freiherr aber war sehr erstaunt über seine Rede gewesen und hatte ihm nichts Bestimmtes geantwortet, sondern nur den Vater ihres Geliebten rufen lassen und dem anbefohlen, seinen Sohn fortzuschicken; was der alte Pastor auch getan hatte.

Nun hatte aber das junge Fräulein sich eine List ausgedacht, wie sie ihre Eltern zwingen wolle, doch noch das Jawort zu ihrer Wahl zu sprechen. Wenn nämlich ein Besuch auf das Schloß kam, so verkleidete sie sich als Gespenst, machte sich, wenn sie konnte, einen hohlen Kürbis zurecht, nahm eine alte Kuhkette und vollführte den oben beschriebenen Lärm, und zeigte sich dann durch die Tapetentür dem Besucher. Bis jetzt nun hatte jeder Angst vor der Erscheinung gehabt, was ihr auch für ihren Zweck sehr lieb war; und so hatte sich denn bei den Eltern durch die verschiedenartigen Erzählungen, durch Hinzudichten und Übertreiben der Besuchten ein fester Glaube an ein umgehendes Gespenst gebildet.

Nachdem sie nun glücklich in dem jungen Rittmeister einen beherzten und klugen Mann gefunden hatte, bat sie inständig um eine zweckmäßige Weiterführung ihrer List. Herr v. K. solle am andern Morgen den Eltern sagen, auch ihm sei das Gespenst erschienen; auf Anreden habe es erklärt, es sei der Ahnherr des Geschlechtes, und es werde nicht eher zur Ruhe kommen, bis die Tochter den Sohn des Pastors geheiratet habe; denn nur so könne ein Unrecht gesühnt werden, das er selber vor langen Jahrhunderten begangen habe.

Der Rittmeister lachte über die lustige Zumutung und warf ein, daß der Scherz doch auch übel auslaufen könne, und wenn ihre Verabredung entdeckt werde, so könne er von seinem Vorgesetzten einen harten Verweis bekommen. Da weinte das Fräulein, setzte sich auf seinen Schoß und küßte ihn; und bei der dunkeln Nacht und dem unruhig flackernden Öllicht wurde ihm ganz wunderlich zumute, sodaß er ihr gegen seine erste Absicht zusagte. Wie sie seine Zusage hörte, sprang sie auf und tanzte fröhlich im Zimmer herum, indem sie immer wiederholend sein »Ja« unter Händeklatschen nach einer wunderlichen Melodie sang. Diese Lustigkeit wirkte auch auf ihn zurück. Er nahm ein angekohltes Stückchen Holz und malte an die Tür die rohen Umrisse einer Hand; dann hielt er die Lampe so nahe an die Zeichnung, daß einige verkohlte Stellen an der Tür entstanden, die man mit einiger Beihilfe wohl für den Abdruck einer feurigen Hand mochte halten können. Als er mit seiner Arbeit fertig war, sahen sich beide einen Augenblick an und lachten dann zugleich los; er umarmte und küßte sie wieder, aber sie nahm ihm geschickt den Schlüssel aus der Rocktasche, steckte ihn ins Schloß und entwischte ihm lachend; nach einer Weile öffnete sie nochmals, steckte den Kopf durch die Spalte und sagte, er küsse viel schöner wie ihr Bräutigam, aber den habe sie dennoch viel lieber.