Der Rittmeister blieb mit dem Laken, der Kuhkette und dem Kürbis zurück. Er legte die Gegenstände in einen Wandschrank, verschloß ihn und ging dann vergnügt vor sich hin pfeifend wieder zu Bett.
Am andern Morgen bat er mit einem sehr ernsten Gesicht die alten Herrschaften in sein Zimmer. Der Freiherr setzte sich verängstigt in den großen Lehnstuhl, und seine Gemahlin begann sich gegen ihn und den Rittmeister zu verteidigen, daß es wirklich ganz unmöglich gewesen sei, ein anderes Zimmer so schnell bereit zu machen, aber schon diese nächste Nacht werde sie ihn umquartieren. Der Rittmeister schnitt höflich die Entschuldigungen ab, indem er beteuerte, daß ihm selber durchaus nichts geschehen sei, wegen dessen seine Wirtsleute sich Sorge zu machen brauchten, und daß sein Erlebnis vielmehr sie, seine Wirtsleute, selber sehr nahe berühre. Er bedaure seine leichtfertigen Reden von gestern abend hinsichtlich der Gespenstererscheinungen, und sein Erlebnis werde ihm für die Vertiefung seiner Welt- und Lebensauffassung förderlich sein. Hierzu nickte der alte Freiherr beifällig. Der Rittmeister fuhr fort, indem er erzählte, daß das Gespenst auf sein Befragen sich ihm als den Ahnherrn des Geschlechtes zu erkennen gegeben habe. Derselbe sei in den Besitz der Güter durch ein Verschulden gegenüber seinem jüngeren Bruder gekommen; nach seinem Tode habe er dafür jahrhundertelang büßen müssen; als Zeichen für den Brand, der ihn inwendig verzehre, habe er seine Hand auf die Tür gedrückt. Mit schauderndem Gemüt erkannten die alten Herrschaften die verkohlte Handspur, und die Freifrau bemerkte mit Überraschung eine alte Familieneigentümlichkeit in einem etwas gekrümmten Goldfinger. Das Gespenst habe weiter erzählt, daß der Pastor des Ortes der letzte Nachkomme des jüngern Bruders sei, der damals einen bürgerlichen Namen angenommen habe; und nun sehe er eine Möglichkeit, aus seiner Pein erlöst zu werden durch eine leichte Rückerstattung der geraubten Güter, wenn nämlich das Freifräulein mit dem einzigen Sohn dieses Pastors verheiratet werde. So werde die jüngere Linie in ihren rechtmäßigen Besitz gesetzt, und vielleicht werde er selbst, der Ahnherr, so von seiner Qual befreit.
Hier schüttelte der alte Freiherr bedenklich den Kopf, da der Rittmeister eine Pause machte. Er gab zu, daß der Pastorssohn von der Schwertseite her wohl ebenbürtig sei; seine Mutter aber sei früher Kammerjungfer bei seiner verstorbenen Mutter gewesen und wegen ihrer langjährigen treuen Dienste habe seinerzeit sein Vater die Verleihung der Pfarre an den Pastor an die Bedingung geknüpft, daß er sie heirate. Und wenn man auch gegen die treue und brave Person durchaus nichts einwenden könne, insofern vor Gott alle gleich sind, die einen rechten Wandel führen, so könne doch sein Ahnherr nicht verlangen, daß ihr Nachkomme sich mit einem im ehelichen Bett erzeugten Freifräulein von zweiunddreißig untadeligen Ahnen verbinde. So schwer es ihm falle, müsse er doch das Verlangen des Ahnherrn abweisen, als der Ritterehre zuwiderlaufend. Im übrigen sei er gern bereit, dem jungen Mann jede Förderung zuteil werden zu lassen, die er vor Gott und seinem adeligen Gewissen verantworten könne.
Der Rittmeister nahm seine Erzählung wieder auf, indem er fortfuhr, daß der Ahnherr diesen Einwurf wohl bedacht habe, deshalb habe er hinzugefügt, wenn man seinem Wunsche nicht nachgebe, so werde er das Schloß mit allen seinen Insassen durch eine Feuersbrunst vernichten und die Felder im nächsten Frühjahr durch eine Überschwemmung gänzlich zerstören. Dieses sei die Botschaft, die er zu überbringen habe. Mit großer Höflichkeit setzte er noch hinzu, daß die Herrschaften natürlich durchaus Herren ihres Willens seien, und daß er sich in die nur sie angehenden Angelegenheiten nicht weiter mischen wolle, als er durch die Mitteilung des Geistes verpflichtet sei; immerhin aber müsse er um Entschuldigung bitten, wenn er sich heute noch ausquartiere; denn wenn er auch als Soldat die Gefahren seines Berufes bestehen müsse und sich ihnen nie entziehen werde, so sei er selber doch auch der einzige Sohn seiner Eltern und wolle sich derentwegen nicht in eine augenscheinliche Lebensgefahr gelegentlich der angedrohten Zerstörung des Schlosses begeben; er werde jedoch in unmittelbarer Nähe des Schlosses wohnen bleiben, um jedenfalls gleich mit seiner Hilfe zur Hand zu sein.
Die alte Dame begann in ein lautes Wehklagen auszubrechen; der Freiherr aber geriet in eine große Erregung und rief mit zorniger Stimme seine Tochter; die kam schnell, da sie an der Tür gestanden hatte. Dann ging er und kehrte mit einer großen Pergamenttafel zurück, auf welcher der Stammbaum der Familie aufgezeichnet stand; den zeigte er der Tochter und fragte sie, ob das möglich sei, hier den Namen einer früheren Kammerjungfer zu verzeichnen. Die Tochter erwiderte schüchtern, man könne vielleicht an der Stelle einen Tintenfleck machen, der den Namen verdecke. Über diesen Vorschlag geriet der Freiherr in noch größeren Ärger. Herr v. K. bat, sich entschuldigen zu dürfen, da er seinen Auftrag ausgerichtet habe und bei den weiteren Verhandlungen nicht stören möge, verließ das Zimmer und ging auf den Gutshof, wo er seine versammelte Mannschaft zu inspizieren hatte.
Im Laufe des Nachmittags teilte der alte Herr dem Rittmeister mit, daß er sich dazu entschlossen habe, dem Wunsch des Ahnherrn nachzugeben, und daß der Kandidat schon in den nächsten Tagen eintreffen werde, da man nunmehr die Heirat möglichst beschleunigen wolle.
Der Kandidat erschien als ein schüchterner und schmaler junger Mann, mit einem würdigen schwarzen Rock bekleidet, der in einer größeren Versammlung nichts sprach, aber wenn er mit einem Menschen allein war, in ganz erstaunlicher Weise fortgesetzt reden konnte. Der Rittmeister war bei der ersten Begegnung der Verlobten anwesend; es schien ihm, als fliege ein leichter Schatten von Enttäuschung über das lustige Gesicht des Fräuleins; mit einem flüchtigen Blick streifte sie den Rittmeister, der ein Lächeln über die lange und linkische Gestalt des Kandidaten verbiß, und ein plötzliches Rot färbte ihr Gesicht.
Es folgte nun eine eifrige Tätigkeit in Heraussuchen von Leinwandballen, Zerschneiden und Säumen und sonstigem Nähen und Schneidern. Der Kandidat machte regelmäßig jeden Tag von zwei bis vier Uhr einen Besuch auf dem Schloß. In der ersten Zeit brachte er Bücher mit, aber nachdem das Fräulein mehrmals erklärt hatte, die Bücher seien langweilig, saß er mit zusammengeschlagenen Händen stumm in der großen Stube, indem er mit den Bewegungen seiner runden Augen dem Fräulein folgte.
Der Rittmeister wunderte sich, daß die Braut nach einiger Zeit plötzlich gegen ihn verlegen zu werden schien und ihn zu meiden suchte. An einem Abend sagte sie ihm, sie müsse ihn noch heute notwendig sprechen, er möge sie in seinem Zimmer erwarten. Sie kam mit dem Zeichen höchster Befangenheit und sagte ihm, daß sie ihm Vorwürfe machen müsse, weil er sie erst zu einem Briefe an ihn veranlaßt habe und den nun nicht beantworte. Gewiß habe er nur die Absicht gehabt, sich mit ihrem Brief vor seinen Kameraden zu rühmen. Nach diesen Worten begann sie heftig zu weinen und schluchzen.