Durch solche Gedanken gewann er das gefundene Mädchen immer mehr lieb; deshalb suchte er unter den vornehmsten Edelleuten seines Reiches den schönsten und tapfersten und gab ihr den zum Mann; und wie sie ihre Hochzeit feierte, welches mit großer Pracht und Herrlichkeit geschah, sagte er ihr und ihrem Manne, wenn er einst sterbe, so wolle er ihnen sein Reich verlassen als seinen Erben, denn er sehe sie an wie seine leibliche Tochter.
Nun hatte aber die junge Frau ganz die Geschichte ihrer ersten Kindheit vergessen und nicht anders gemeint zu allen Zeiten, als daß sie die leibliche Tochter des alten Königs sei. Denn sie war noch zu klein gewesen in der Zeit, wie sie gefunden wurde im Wald und nachher, wie sie mit dem Blut des Königsknaben gewaschen wurde; und später hatte ihr niemand etwas von diesen Geschichten gesagt, denn der König hatte verboten, daß an seinem Hofe davon gesprochen wurde, aus großem Kummer über seinen Sohn, denn er dachte, es lobte ihn vielleicht einmal einer vor seinen Ohren, der den Knaben nicht wahrhaft lieb gehabt hätte. Deshalb wurde die junge Frau erstaunt über die Rede des Königs und fragte heimlich ihren Mann, was das bedeute, und der erzählte ihr alles, nach der Reihe, und welche Guttaten ihr der König erwiesen, auch wie er seinen einzigen Sohn für sie gegeben. Hierüber schwieg sie und verriet nicht ihres Herzens Meinung.
Nun geschah es, daß zu ihrer Zeit die Frau eines schönen und gesunden Knäbleins genas, über welches sich alles freute, besonders aber der alte König; und wie das Kind aus den Windeln gewachsen war und laufen konnte und etwas sprechen, war es immer viel bei dem Großvater. Da sah es einmal einen schlechten, hölzernen Trinkbecher und begehrte ihn, wie Kinder oft einen plötzlichen Wunsch haben; der alte König aber nahm den Becher und verschloß ihn. Hierüber weinte der Knabe, lief zu seiner Mutter und erzählte ihr die Geschichte. Die ging zum König und fragte ihn, da erzählte der, daß dieses hölzerne Becherchen seines toten Kindes Eigentum gewesen sei, aus dem es immer getrunken habe.
Die Frau erwiderte nichts, sondern schalt ihren Sohn; in ihrem Herzen aber hatte sie einen Groll gegen den König. Deshalb begann sie ihren Mann aufzureizen mit allerlei Reden, indem sie ihm vorhielt, daß der alte Mann kindisch werde und ihr Erbteil schmälere, indem seine Diener sich neue Rechte anmaßten, und die Feinde an den Grenzen des Landes bereiteten einen Krieg vor, den er nicht mehr werde bestehen können; und wie sie viele derartige Reden häufte, bewegte sie endlich ihren Mann zu dem Glauben, es sei wahr, was sie ihm erzählte, und er müsse sich nach Freunden umtun, ihm zu helfen, daß der alte König ermordet werde, damit er und seine Frau früher die Herrschaft ergreifen könnten. So tat er auch und stiftete eine große Verschwörung an; seine Sache kam aber heraus, und er selbst nebst seiner Frau und seinen Freunden wurden gefangen gesetzt.
Nun wurden die Verräter von den gewöhnlichen Gerichten zum Tode verurteilt. Wie der König aber dachte, daß auch seine Pflegetochter hingerichtet werden sollte, dachte er an alles, was er für sie getan, und an das Blut seines Sohnes, und hatte ein großes Erbarmen. Deshalb entzog er sie den ordentlichen Gerichten und rief die Weisesten seines Landes zusammen, ihm zu raten, was er mit ihr beginnen sollte; denn wenn es möglich wäre, dachte er, daß sie Reue empfinden sollte, dann wollte er sie vom Tode erretten.
Die Weisen sahen wohl den Wunsch des Königs, und weil sie ihn liebten, so wollten sie den gern erfüllen; aber sie fürchteten sich, daß sie ein so großes Verbrechen und so unmenschlichen Undank sollten unbestraft lassen. Da kamen sie nach langem Besinnen auf einen ganz neuen und nie gehörten Beschluß. Sie trugen der Frau auf als Strafe für ihr Vergehen, daß sie solle vor den König gebracht werden und dem in die Augen sehen; und wenn sie ihm in die Augen gesehen hätte, so solle sie von aller weiteren Strafe der Buße frei sein.
So wurde sie nun vor den König geführt, und stand vor ihm, und hatte die Augen auf den Boden gerichtet. Der König aber saß auf seinem Thron, tröstete und ermahnte sie. Er sagte, daß ihr Vergehen aus ihrem Blut komme, denn sie sei niederer Abkunft und deshalb mißtrauisch, und es sei ein großes Unglück, wenn jemand einen Sinn im Blut habe, der nicht zu seinem Stande passe, wie ja auch umgekehrt ein Mensch im niederen Stande leide, der ein hochherziges Gemüt hat. Aber uns sei gegeben, solche Neigungen zu überwinden durch unsern Willen, und deshalb müssen wir nur unser Vergehen einsehen und uns vornehmen, unser Herz zu ändern. Und das werde sie gewißlich tun, denn er bitte sie herzlich darum, weil er sie erkauft habe mit dem Blut seines geliebten Kindes.
Als der König diese Rede beendet hatte, erhob die Frau ihr Haupt und sah ihm in die Augen; und da schrie sie plötzlich laut auf, und dann fiel sie zur Erde, denn eine heftige Scham hatte sie plötzlich getötet.