Die Venus
Zur Zeit Ludwigs des Vierzehnten lebte in Paris ein junger Bildhauer namens André, der von seinen Freunden wegen seiner Kunst wie um sein fröhliches Wesen sehr geschätzt war. Dieser ging an einem Morgen in der Frühe zu einer Arbeit, die ihm in einem vornehmen Hause aufgetragen war, und indem er einen anderen Weg nahm wie den gewöhnlichen, sah er in einer engen und armen Straße, etwa zwanzig Schritte vor sich, ein junges Mädchen aus einem bescheidenen Hause treten, sich flüchtig umblicken und dann mit schnellen und zierlichen Schritten vor ihm hergehen. Zwar hatte er ihr Gesicht nur flüchtig bemerken können, aber sie machte doch einen sehr tiefen Eindruck auf ihn, sodaß sein Herz plötzlich schneller schlug, durch ihre gerade und schöne Haltung und ihre ebenmäßige und schlanke Figur, und besonders durch die Art, wie sie die Arme hielt. Wie er sich von seiner ersten Bestürzung erholt hatte, beschloß er, alles zu versuchen, um ihre Bekanntschaft zu machen; deshalb beschleunigte er seinen Gang und verringerte schnell den Zwischenraum von ihm zu ihr; aber da die entlegene Straße in dieser frühen Stunde noch menschenleer war, so hörte sie sein eiligeres Gehen, wurde ängstlich und beschleunigte gleichfalls ihre Schritte. Als er das sah, ging er in eine noch schärfere Gangart über, sie aber begann fast zu laufen vor ihm her. So kamen sie aus der engen Straße und eilten quer über das Seineufer zu der Brücke Heinrichs des Vierten; auf deren Mitte holte der junge Mann das Mädchen ein. Er zog höflich seinen Hut, indem er sich etwas zu ihr beugte; und sie blickte ihn erst mit einem erschrockenen Lächeln an, indem sie die Hand auf ihr Herz legte, das von dem raschen Gang pochte; da vergingen ihm aber plötzlich die Worte, er wurde rot und stotterte, und sie lachte mit einem silberhellen Lachen auf, als sie seine Verlegenheit verspürte. Er fragte, ob er sie begleiten dürfe, und sie erwiderte, sie wolle es ihm gestatten, wenn er sie nicht belästigen wolle.
So gingen denn die beiden mit nunmehr gemäßigten Schritten weiter. Das Mädchen erzählte, daß sie Nicolette heiße und bei einem großen Kaufmann die Geschäftsbücher führe. Sie bat ihn, daß er sie wegen des Geredes der Leute an der letzten Straßenecke verlassen möge; er dürfte sie indessen am Abend wieder erwarten, um sie heimwärts zu begleiten.
Am Abend aber versäumte André die bestimmte Zeit, da er sich zu sehr in seine Arbeit vertieft hatte. Deshalb wartete er am andern Morgen auf sie an der Brücke Heinrichs des Vierten. Sie sah ihn schon von weitem, beachtete ihn aber nicht; als er grüßend zu ihr trat, erwiderte sie seinen Gruß stumm, und während er sie wie den vorigen Tag begleitete und zu ihr sprach, betrug sie sich zwar nicht ablehnend gegen ihn, aber antwortete ihm auf keine Frage und sprach auch sonst nicht ein Wort, bis sie an der bekannten Straßenecke ankamen; dort verabschiedete sie sich von ihm mit einem stummen Gruß. An diesem zweiten Abend versäumte André die Stunde nicht, sondern erwartete sie und gesellte sich grüßend zu ihr; aber auch jetzt wieder blieb sie gänzlich stumm.
In dieser Weise begleitete André das schöne Mädchen jeden Morgen und Abend die ganze Woche hindurch, bis zum Sonnabend. In der allerersten Zeit hatte er ihr immer gleichgültige Dinge erzählt, wie man sie jedem Menschen sagen kann; dann war auch er schweigsam geworden, und an einem Abend hatten sie beide den Weg zurückgelegt, von Anfang bis zu Ende, ohne ein einziges Wort zu sprechen. Wie aber durch das gemeinsame Schweigen eine Vertraulichkeit und Sicherheit in sein Herz gezogen war, erzählte er ihr von seinen Absichten und Plänen und beschrieb, was er für Figuren zu arbeiten gedenke.
Am Samstag Abend nun brach sie plötzlich ihr Schweigen und sagte zu ihm, wenn er möge, so solle er sie und ihre Eltern, bei denen sie wohne, zum Mittagessen besuchen; und nach dem Essen solle er einen Spaziergang mit ihr vor das Tor machen. Er dankte ihr vielmals und versprach ihr, zu kommen, und kam auch zu der bestimmten Stunde mit einem schönen Blumenstrauß zu der Tür, öffnete die, ging die Treppen hinauf und klopfte am Eingang der Mansardenwohnung. Nicolette schloß ihm auf, zog ihn in die Stube und stellte den Blumenstrauß in ein Glas. Da traten ihre Eltern herein, ehrbare und freundliche alte Leute, die ihn zutraulich begrüßten; sie sagten ihm, daß ihre Tochter ihnen von seinem Begleiten erzählt habe. Nicolette band eine große blaue Schürze mit Brustlatz vor ihr zierliches Kleid und ging mit der Mutter in die Küche; und André setzte sich mit dem weißhaarigen alten Mann in die Nische des Mansardenfensters, vor dem allerhand blühende Blumen in Töpfen standen, sauber gehalten und an weißlackierten Stäbchen aufgebunden. Der alte Mann plauderte von seiner Jugend, und wie er Diener bei einem großen Herrn gewesen sei, viele Reisen mit dem gemacht habe und nun in seinem Alter gern an diesem Fenster sitze und dem Zug der Wolken zuschaue, die vielleicht aus den fernen Gegenden hergeschwommen, die er ehedem bereist.
Nicolette richtete indessen hurtig den Tisch zu, indem sie ein glänzendes Leinentuch aufdeckte mit scharfgebrochenen Falten, und altererbte Teller aufstellte, die mit bunten Farben bemalt waren, und Messer und Gabeln zur Seite legte, die geschnitzte Griffe aus Knochen hatten und von dem Gebrauch durch Menschenalter dünn geworden waren. In die Mitte stellte sie den Blumenstrauß. Dann trat die stattliche Mutter herein und trug mit beiden Händen auf einer großen zinnernen Schüssel einen wohlzubereiteten Schweinebraten, dessen zierlich eingekerbte Kruste golden schimmerte. Der Vater erhob sich mit einem listigen Gesicht und holte aus dem Winkel eine Flasche alten Wein, den er da zurechtgestellt hatte, und wie er sie öffnen wollte, nahm André sie ihm aus der Hand und zog sie auf. Dann setzten sich alle, und die Mutter schnitt gleiche Stücke von dem Braten und legte jedem vor auf seinen Teller, und sie nahmen Messer und Gabel, schnitten und aßen; der Vater aber erzählte, daß er den Wein vor Jahren geschenkt erhalten habe von seinem Herrn bei der Hochzeit der jüngsten Tochter, denn bei besondern Gelegenheiten mußte er immer noch bei der Familie zur Hand sein.