Wie sie zu Ende gegessen hatten, erhoben sich alle, und Nicolette räumte flink den Tisch ab. Die Eltern machten keine Anstalten für einen Ausgang, und wie André fragte, ob sie nicht mit ihnen beiden vor das Tor gehen wollten, da sagten sie, daß ihre Tochter lieber den Nachmittag mit ihm allein verbringe, und daß sie keinerlei Besorgnis hätten, sie mit ihm ohne eine Begleitung gehen zu lassen, denn sie sei immer ein sehr besonnenes und gutes Kind gewesen, das ihnen stets nur Freude gemacht habe. Bei diesen Worten weinte die Mutter. Nicolette aber hatte in der Küche ihre Schürze abgelegt und sich eine gefällige kleine Haube aufgesetzt und kam, um ihn zum Ausgang abzuholen. Sie gaben den alten Leuten die Hand, und Nicolette nahm eine Blume aus dem Strauß, um sie in ihr Haar zu stecken, und das tat sie mit einem flinken Blick auf André und unter Erröten, und dann gingen sie.

Sie begegneten vielen geputzten Menschen, und André erklärte ihr, wie die Gestalt des Menschen geschädigt wurde durch die Art der Kleidung, wie unwahr Haltung, Gang und übrige Bewegungen der meisten sind, und wie das Unwahre auch unschön werde; und dann erzählte er ihr, welchen besonderen Eindruck ihre ganze Gestalt sofort auf ihn gemacht habe, und wie er sich gleich ihren Körper in allen seinen Verhältnissen ohne die Kleider vorgestellt. Sie errötete bei diesen Erzählungen und wurde sehr verlegen, ohne daß er es verspürte; vielmehr fuhr er in seiner Erzählung fort, daß er für seine Arbeit notwendig ein lebendes Modell gebrauche und doch nie das finden könne, was ihm nötig sei, weil besonders die Frauen ihren Körper verschnüren und verkrüppeln. So liege ihm die Figur einer Venus im Sinn, und er habe sich in der Phantasie das Bild auch ganz ausgedacht; aber unter den Mädchen, die Modell stehen, finde er kein Vorbild; und auch sonst würde ihm die Arbeit unmöglich sein, denn er wolle sie nicht nur in Ton machen, sondern in Marmor; aber bei dem jetzt herrschenden Geschmack werde niemand, wenn er die Tonfigur gesehen habe, das Werk in Marmor bei ihm bestellen; und er sei zu arm, um für sich selbst einen Marmorblock zu kaufen.

Nach diesen Gesprächen sagte Nicolette zu ihm, daß sie fröhlich sein müßten und alle schweren Gedanken vergessen, weil Sonntag sei, wo man sich erhole von der wöchentlichen Arbeit. Und so gingen die beiden zu einem Bauernhäuschen, dessen Bewohner an die Lustwandelnden Milch ausschenkten, setzten sich unter die weitschattende Linde vor dem Hause, unter der glattgehobelte Bänke und Tische in der Erde eingeschlagen waren, und ein rotwangiges Mädchen brachte ihnen auf einem weiß gescheuerten Holzbrett in sauberen Krügen kühle Milch. Sie tranken, und er scherzte viel mit ihr, weil auf den feinen und unsichtbaren Härchen ihrer Oberlippe zarte Perlen der Milch zurückgeblieben waren und einen leichten Rand bildeten. Sie nahm ein Tuch aus der Tasche und lachte leise in sich hinein.

Als die Schatten begannen länger zu werden, brachen sie auf, und sie legte ihren Arm in seinen, als seien sie seit langem vertraut, und gingen zurück, und vor ihrer Haustür nahm er Abschied mit einem freundlichen Händedruck.

Nun erwartete er sie wieder täglich und begleitete sie, wenn sie morgens zu ihrer Arbeitsstelle ging und abends nach Hause kehrte, und sie sprachen miteinander wie zwei vertraute Menschen.

Da geschah es an einem Abend, daß sie ihn bat, sie noch eine Weile zu führen, denn es war eine schöne und frische Luft, und sie sagte, daß sie ihm etwas mitteilen wolle, aber sie wolle die Dunkelheit abwarten, und wie die Dunkelheit kam, da sagte sie ihm, daß sie wohl gemerkt habe, wie sehr ihm seine Arbeit an der Venus am Herzen liege, und sie wisse jetzt auch, daß er sie an jenem ersten Abend nur seiner Arbeit wegen versäumt habe; sie habe damals aber geglaubt, daß er irgend einer leichten Liebschaft wegen nicht gekommen sei; deshalb habe sie damals die ganze Woche hindurch nicht zu ihm gesprochen, um ihn auf die Probe zu stellen, aber ehe sie aus dem Hause gegangen sei, habe sie immer im stillen zu ihrer Heiligen gebetet, daß er sie erwarten möge, und wenn er damals fortgeblieben wäre, so wäre sie sehr traurig gewesen. Wenn einem jungen Mann aber seine Arbeit so am Herzen liege, das sei nicht verwerflich, vielmehr müsse man es auf das höchste loben. Deshalb habe sie sich auch seinen Plan mit der Venus sehr überlegt, und sie wolle ihm sagen, daß sie von einem verstorbenen Oheim ein kleines Vermögen geerbt habe und ihm gern das Geld geben wolle, um den Marmorblock zu kaufen. Und sie wolle auch zu ihm kommen in seine Werkstätte und ihm als Modell dienen, wenn er wenigstens ihren Vorschlag so auffassen wolle, wie er gemeint sei. Aber wenn sie sich auch überwinden könne, sich vor ihm nackt zu zeigen, so wolle sie doch nicht, daß irgend ein anderer Mensch die Figur sehe, welche nach ihrem Körper gemacht sei, denn dann müsse sie sich allzusehr schämen. Deshalb müsse er ihr fest versprechen, daß kein Mensch je die Figur sehen dürfe. Sie schloß aber ihre Rede, indem sie sagte, die Dunkelheit habe sie abgewartet, weil sie ihm das alles nicht habe im Hellen sagen können, aus Scham.

Nun wurde André sehr froh, denn er wußte schon einen schönen Marmorblock, der für sein Bildwerk paßte. Er machte eine gute Ordnung in seiner Werkstätte, kehrte Staub und Schmutz fort, richtete einen Vorhang ein, hinter dem sich Nicolette entkleiden sollte, und erwartete mit Ungeduld die Stunde, wo er seine Arbeit beginnen konnte. Und wie Nicolette kam, mit sehr großer Scham in ihrem Gesicht und in allen ihren Bewegungen, da gab er ihr nur flüchtig die Hand, führte sie gleich hinter den Vorhang, und indessen sie sich entkleidete, rückte er nochmals an dem Fußgestell, das er für sie bereitet hatte und versuchte die Feuchtigkeit des Tons und den Halt des Drahtgerüstes, wie er aber eine Weile vergeblich gewartet hatte, daß Nicolette hinter dem Vorhang hervorkommen sollte, hörte er ein leises Weinen; da ging er hin, wo sie saß, und fand sie entkleidet, nahm sie bei der Hand, denn er war ganz hingenommen von dem Gedanken an seine Arbeit, und sie folgte ihm geduldig, wie er sie zog und an ihren Ort stellte und ihr angab durch Worte, Bewegungen und Richten, wie sie stehen müsse. Dann eilte er zu seinem Drahtgerüst und Ton und begann mit großem Eifer zu arbeiten, indem er sie mit scharfen Augen anblickte und ihr gelegentlich ein kurzes Wort zurief, wenn sie müde schien oder ratlos aussah. Und dann lachte er mit einem kurzem Lachen und sagte sich selbst, daß seine Arbeit gut werde, ging einige Schritte zurück, prüfte Nicolette und die Figur mit andern Blicken, wie er sonst sie ansah, und begann aus Freude an der Arbeit ein Lied zu singen, indem er Nicolette ganz vergaß. Nachdem er aber stundenlang gearbeitet hatte, sagte Nicolette mit leiser Stimme, daß sie ermüdet sei und nicht mehr ihre Haltung beibehalten könne; da erwiderte er, daß er heute seine Arbeit beschließen wolle; sie stieg herab und ging hinter den Vorhang, und er arbeitete immer weiter an seinem Ton; und als er nach einer ganz langen Zeit sich ihrer erinnerte, da hatte sie sich längst angezogen gehabt und war leise fortgegangen.

So arbeitete er nun mit großem Fleiß an einem Tonmodell, dann machte er die Übertragung auf den Marmor und begann an seinem Marmorblock zu schlagen; und zuletzt wurde er fertig mit seiner Arbeit und freute sich über sie; da war Nicolette das letztemal in seiner Werkstatt und freute sich seiner Freude und bat ihn denn nochmals mit bekümmertem Herzen, daß er die Figur niemandem zeigen wolle; das versprach er ihr und gab ihr die Hand, sie aber nahm mit beiden Händen seinen Kopf, küßte ihn auf die Lippen und entfloh mit schnellen Schritten aus der Werkstatt, indessen er verwundert zurückblieb.