Nun war am Hofe des Königs ein vornehmer Herr, der viel Liebe zur Kunst hatte und Bildhauer und Maler oft besuchte, ihre fertigen Werke betrachtete und den König dann von dem Gelungenen erzählte, damit er es für sich ankaufe. Dieser Herr kam auch zu André, und weil er unerwartet kam und eintrat ohne anzuklopfen, so hatte André keine Zeit gehabt, seine Venus zu verbergen, sondern das Werk stand gerade in der Mitte seiner Arbeitsstube und zeigte sich dem Eintretenden mit der allerbesten Verteilung von Licht und Schatten. Der geriet in eine lebhafte Begeisterung über die Arbeit und trotz aller verlegenen Ausreden Andrés versprach er, dem König einen Bericht zu geben; und weil er in diesem Bericht sehr große Lobeserhebungen machte, so befahl ihm der König, das Werk dem Bildhauer für eine große Summe abzukaufen und es dann in einem seiner Gärten aufzustellen, damit sich viele an ihm erfreuen könnten.
Gegen diesen Befehl des Königs konnte André sich nicht sträuben; er mußte seine Venus abgeben, und aus großer Liebe zu ihr besorgte er alles selbst bis zu der Aufstellung im Garten. Aber als das nun alles beendet war, da geriet er in große Bedenken wegen seines Versprechens; und er wußte sich keinen Ausweg aus Schüchternheit, sondern wartete, bis Nicolette das Geschehene von selbst erfahren werde.
Das geschah aber auf eine sehr schlimme Art.
Denn es hatte sich das Gerücht verbreitet von der schönen Figur, die im Garten des Königs aufgestellt war, und da der Garten des Sonntags allen Einwohnern von Paris geöffnet wurde, so versammelte sich am ersten Sonntag eine sehr große Menschenmenge vor der Venus. Unter dieser befand sich auch Nicolette, denn durch ihre Freundschaft für André hatte sie Liebe zur Bildhauerkunst gefaßt, und indem sie nicht wußte, daß das neue Werk Andrés sei, war sie mit andern hingegangen, es anzusehen. Wie sie es erblickte, stieß sie einen lauten Schrei aus und fiel ohnmächtig hin, und ihre Freundinnen dachten, daß ihr durch die Menge der Menschen übel geworden sei und brachten sie nach Hause. Hier aber weinte sie und erwies sich als ganz untröstlich. Wie sie allein war, schrieb sie einen Brief an André, durch welchen sie ihm anbefahl, daß er sie besuchen solle; und indem André sich wohl dachte, welches der Grund ihres Briefes war, beschloß er, sich unbefangen zu stellen, nahm das viele Geld, das er vom König bekommen hatte und ging zu ihr, in der Meinung, daß er ihr sagen wolle, da ihr der Marmor gehöre und der Körper der Figur, so solle sie ganz ihr Eigentum sein, und deshalb bringe er ihr alles Geld, das er bekommen habe, weil es ja ihr gehöre. Sie aber ließ ihn gar nicht seine ausgedachte Rede vorbringen, sondern redete sogleich zu ihm, daß er sein Versprechen nicht gehalten habe, und daß sie sich sehr schäme; und noch mehr: er habe nicht gespürt, weshalb sie sich ihm als Modell gegeben, nämlich weil sie ihn über alle Maßen geliebt; und wohl habe sie während der Arbeit gesehen, daß er von ihren Gefühlen nichts wisse, aber sie habe sich gedacht, daß die Mädchen wohl zärtlicher sind wie die Männer; und wenn sie auch eine Weile eine Eifersucht gehabt habe auf die Figur, so habe sie sich doch nachher bezwungen und sie sogar geliebt, weil sie gemeint, er liebe sie. Nun sie aber gesehen, daß er das Werk fortgegeben und es sogar habe in der Öffentlichkeit ausstellen lassen, sodaß jeder es mit den Augen haben könne, da sei ihr klar geworden, daß er im Innern seiner Seele ein gemeiner und schamloser Mensch sei, wenngleich er äußerlich sogar schüchtern erscheine. Nun sei ihr jedoch das Leben in der Welt überhaupt eine Last geworden, denn alle Menschen seien anders, wie sie früher gemeint habe, und deshalb wolle sie in ein Kloster gehen, und heute sage sie ihm das letzte Lebewohl.
André ging mit bestürztem Gemüt von ihr fort und erwog alle ihre Worte wochenlang; und durch dieses Denken und Überlegen kam eine immer größere Liebe zu Nicolette in sein Herz, daß er vor übergroßer Sehnsucht schwachen Herzens wurde, träumte und nachsann mit Kummer. Der König schickte zu ihm, sprach freundlich mit ihm und gab ihm eine schöne Stellung, sodaß er keinerlei Sorgen mehr hatte um sein Auskommen und hätte arbeiten können, wie er wollte; aber er saß nur traurig in seiner Werkstatt, und es war ihm, als seien alle Pläne und Gedanken davon geflogen in die Luft.
So fand ihn nach Monaten jener vornehme Herr, der die Figur als Erster gesehen hatte, wie er gleichgültig vor einem Werk saß, das er früher gemacht hatte und mit Anstrengung und Willen etwas verändern wollte. Er sah ihm ins Gesicht und sprach zu ihm, er habe gewiß eine Liebe, die nicht erwidert werde; aber er müsse nicht verzagen, denn wenn jemand ernstlich liebe, so erwecke er auch bei dem andern eine Zuneigung, wenn dessen Herz nicht etwa vorher vergeben sei, nur müsse er heiter sein und suchen, daß er glücklich aussehe. Über diese Worte weinte André plötzlich, sodaß der Herr in Verlegenheit fortging.
In der Nacht aber nahm André einen Becher, aus dem Nicolette einmal getrunken hatte, als sie noch bei ihm war, mischte ein Gift und tötete sich selbst.