Cosimos Sterbebett stand in dem großen Saal, dessen drei rundbogige Fenster auf den Platz hinausgingen, denn er hatte Beklemmungen des Herzens und mußte einen großen Raum um sich empfinden. Unheimlich drang Unverständliches von unten zu ihm und machte ihn unruhig; denn er hatte Savonarola geschont, um ihn gegen den Papst zu verwenden, aber fürchtete immer, daß er einen Aufruhr entfachen werde.
So erhob er sich langsam vom Bett, ließ sich die Schuhe vom Diener anziehen und schlich an das Fenster. Schon begannen ihm die Augen zu versagen, und mehr der Verstand zeigte ihm, was unten geschah, als der Blick. Das fiel ihm auf, und wie zahnlose alte Leute tun, murmelte er etwas; es war darüber, daß das Innere länger lebte als das Äußere.
Der alte Diener mußte ihm um die Hüften greifen, und er selbst legte seinen Arm über des Dieners Nacken. So schleppte er sich schlürfend zu einem Schrank. Schwerfällig zog er ein Schlüsselbund aus der Tasche und prüfte mit den Fingern, bis er den richtigen Schlüssel gefunden hatte, dann ließ er sich vom Diener die Finger führen, bis er das Schlüsselloch fand. Die Tür ging mit leisem Ächzen auf, und Häufchen Holzmehl lagen inwendig, und ein dumpfer Modergeruch kam aus dem Dunkeln. Dann suchte er mit den zitternden Fingern den zweiten Schlüssel und ließ sich die Hand zu dem Schlüsselloch des Schubkastens führen. Er zog ihn ganz heraus, dann tastete er im Auszug, suchte die Feder, die Feder sprang, und ein geheimes Kästchen zeigte sich. In dem lag ein kleiner Ring auf rotem Samt. Es war ein dünner Goldreif, der einen blauen, goldgetupften Stein hielt; in dem war ein Schmetterling eingeschnitten; es war ein antikes Stück aus den Zeiten des römischen Heidentums. Schon war Cosimos Hand schweißbedeckt durch die Anstrengung. Mit unsicherem Griff drückte er das Kästchen wieder zurück, daß die Feder einschnappte, dann paßte der Diener das Schubfach in den Auszug und schob es hinein. Cosimo drehte den Schlüssel um, der Diener schlug die Tür des Schrankes zu und führte wieder die Hand mit dem Schlüssel zum Schlüsselloch. Cosimo schloß, zog den Schlüssel ab und ließ das Bund wieder in die Tasche gleiten. Den Ring hielt er fest mit Daumen und Ringfinger der linken Hand.
Nun ging er aus dem Saal, geführt und getragen von dem Diener, und stieg Stufe für Stufe die Treppe nieder, und ging über den Vorplatz, und trat aus der Tür. Die Menge wich schweigend auseinander und machte ihm einen Weg frei. Er schleppte sich zu dem Scheiterhaufen, erhob die linke Hand zu halber Höhe, und warf, mit ungeschickter Bewegung durch die Schwäche, den Ring zu dem Haufen. Dann wendete er sich und ging so zurück, wie er gekommen war.
Vor langen Jahren, als Cosimo noch ein unbärtiger Jüngling war, dessen Hände noch nicht zitterten und dessen Augen scharf sahen, ging er einst lustwandeln und disputieren mit Savonarola und einem anderen jungen Mönch, einem Maler, der später der Fra Beato oder Angelico genannt wurde. Die drei Freunde stiegen den Weg nach Fiesole in die Höhe zwischen hohen Gartenmauern, über welche sich gelbe Rosen hängten. Wie sie bei San Domenico angekommen waren, kam ihnen Lucrezia entgegen, die junge und schöne Frau eines entfernten Vetters der Medici, zu der Cosimo eine unerwiderte Liebe hegte. Sie trug mit zwei Fingern einen hohen Lilienstengel, auf dem die Blüten standen. Sie ging mit raschem Gang, daß ihr blaues Gewand hinter ihr in einem schönen Bogen schlug. Wie sie vor den Dreien angekommen war, zeigte sie ihnen ihren Fund: in der Erde hatte seit undenklichen Zeiten ein Ring gelegen; durch einen Zufall war die Lilie durch ihn hindurchgewachsen und hatte ihn gehoben, sodaß er nun in der Mitte des Stengels lag, auf einem der schmalen Blätter. Der Ring umschloß einen dunkelblauen Stein mit Goldflimmern, auf welchem ein Falter eingeschnitten war.
Savonarola sagte: »Der Schmetterling entsteht am Morgen aus der toten Puppe, und einen Tag hat er zu flattern. Der Weg der Sonne ist für ihn das Maß seines Lebens. Er denkt, daß für ihn die Blumen gewachsen sind und der Berg sich hochzieht, und wenn er abends auf den kalten Erdboden fällt, so ist die Welt tot. Und wenn wir Menschen auch achtzig Jahre leben und denken, alles ist für uns da, und uns muß alles gehorchen, so leben wir doch nicht länger wie der Schmetterling. Deshalb war er unseren Vorfahren ein Sinnbild der Vergänglichkeit. Aber ruhiger kann er leben wie wir, denn er weiß seine Stunde, denn die ist, wenn die Sonne sinkt. Wir aber, wir leben, wie es geschrieben steht, und wissen die Stunde nicht.« Und er betonte das: wissen. »Deshalb ist es ein Furchtbares um diesen geschnittenen Stein, der tausend Jahre in der Erde geruht hat und nun aufersteht, wie der Schmetterling aus der Hülse. So nimm ihn und vergrabe ihn wieder, damit er weiter ruht, mit allem Andenken an seinen alten Herrn und an dich, die ihn nun von neuem betrachtet hat.«
Fra Beato sagte: »Der Schmetterling wird geboren am Morgen und muß sterben am Abend, ihm sind seine Stunden gezählt. Aber Menschen sah ich sterben, die zwanzig Jahre gelebt hatten und in der Zeit ihren Weg durcheilten, und Menschen, die achtzig Jahre brauchten, um an ihr Ziel zu kommen. Deshalb müssen wir glücklicher sein wie der Schmetterling, denn wir, wir wissen die Stunde nicht«; und er betonte das: Stunde; »denn es wäre ein Unrecht gegen unsern gütigen Gott, wenn wir uns nicht jeder Blume gefreut hätten, weil wir etwa dachten: noch viele Jahre haben wir vor uns, in denen wir sie umflattern können. Deshalb ist der Schmetterling ein Sinnbild des Glückes, weil er unschuldig alles Glück genießt. So ist es etwas Wundervolles um diesen Trost und die Ermahnung, die nach tausend Jahren aus der toten Erde zu uns kommt. Gib mir den Ring, Lucrezia. Ich will dich auf meinem Bilde darstellen als den Engel der Verkündigung, der die Lilie in der Hand trägt; und unter dem Bild in einem Kästchen will ich den Ring aufbewahren, der so schön gesprochen hat: Freue dich.«
Cosimo sagte: »Die Raupe starb, und es ward die Puppe, und als die Puppe starb, ward der Falter. Deshalb ist er ein Sinnbild der Auferstehung. Und wir wissen nur nicht, was sein wird, wenn der Falter stirbt. Aber alles das geschieht, weil es so geschehen muß, ohne unsern Willen, ohne Verdienen, ohne Verschulden. Auch wir werden sterben, und das ist alles ein ewiger Kreislauf, deshalb wollen wir gleichmütig sein; denn wir, wir wissen die Stunde nicht.« Und er betonte das: nicht. »Deshalb gib mir den Ring, Lucrezia.« Und er griff nach der Lilie und nahm sie und wollte Lucrezia küssen; sie aber schrie auf, riß sich los und eilte den Berg hinab.