Savonarola und Fra Beato waren zu dem sterbenden Cosimo gerufen. Sie standen vor seinem Bett.

Savonarola sprach: »Du hast in Gewalttätigkeit, Trug und Hinterlist gelebt, denn du wolltest, dir soll alles gehorchen. Als du ein Jüngling warst, da waren die Florentiner freie Bürger, du hast sie zu deinen Sklaven gemacht. Viele Menschen hast du gemordet; aber schlimmer wie die Morde war es, daß du Freie zu Sklaven gemacht hast, denn du hast die Seelen erniedrigt. Laß von deinem Wahn der Herrschaft, gib dem Volk die Freiheit wieder, denn noch kannst du es und kannst vieles gut machen, denn noch bist du im Leben, und wir wissen die Stunde nicht.« Und wieder betonte er das: wissen.

Cosimo lag mit dem Gesicht zur Wand gekehrt; lange lag er so; dann drehte er sich langsam herum und sah Savonarola in das furchtbare Antlitz, und ein kluges Lächeln huschte über sein müdes Gesicht, und er sprach: »Savonarola, auch du hast in Gewalttätigkeit gelebt, auch du hast oft anders gesprochen, als du dachtest, denn du hattest immer im Auge, was du dein Ziel nanntest: nämlich, daß dir alle gehorchen sollen. Savonarola, Savonarola, du hast mehr Seelen erniedrigt wie ich, denn ich machte die Menschen unfrei gegen ihren Willen, du aber hast sie mit ihrem Willen zu deinen Sklaven gemacht. Aber ich will dich nicht vermahnen, denn du warst notwendig, wie ich notwendig war, und nur Gott weiß, weshalb wir so sein mußten, wir aber, wir wissen die Stunde nicht.« Und wieder betonte er das: nicht.

Da sprach Fra Beato: »Mir hat Gott das höchste Glück verliehen, nämlich die Freiheit, und nicht nur für mich gab er sie, sondern er gab mir auch, daß ich alle Menschen frei machen kann, die zu mir kommen. Das aber tat er, indem er mich zu einem Knecht der Schönheit machte. Wie ein Schmetterling habe ich gelebt, und jeder Tag meines Lebens war mir so lang wie ein ganzes Menschenleben, und alles Glück habe ich in mir, denn Schönheit ist Glück. Mitleid habe ich stets für dich gehabt, Cosimo; denn ein Herrscher muß einen andern Menschen aus sich bilden neben sich selbst, der hält ihn in Gefängnis und Ketten. Und noch größeres Mitleid hatte ich mit dir, Savonarola; denn Cosimos wahrer Mensch lebte wenigstens noch, wenn auch in Banden, und er hatte die Erinnerung an Jugend, Liebe und Sonne; aber du hast einen solchen andern Menschen aus dir bilden müssen, der dich selbst, deinen wahren Menschen, ermordete. Ich aber bin noch, der ich war, und ich freue mich, daß ich der sein werde bis zu der Stunde, denn deshalb war ich ja immer freudig, weil ich Gottes Willen mit mir erfüllen wollte, der war: ich soll immer freudig sein, denn wir, wir wissen ja die Stunde nicht.« Und wieder betonte er das: Stunde.

Savonarola stand stolz da, dann ging er aus der Tür, ohne Abschied; Cosimo aber hielt seine Hände vor das Gesicht und weinte. Seine Hände waren sehr fest gewesen.


Der Dichter und die Schauspielerin

Eine Novelle in Briefen