Ja, der Wein macht uns frei, mir ist wie dem Vogel in der Luft. Wir sind schwermütig, wenn wir nicht trinken, und Schwermut ist etwas Gemeines.
Er trat auf die Straße, in den Pfützen spiegelte sich das Laternenlicht. Er lachte und sang leise vor sich hin, ein Liebeslied, das er damals gedichtet hatte. Ein Freund hatte die Musik dazu geschrieben, der war nun schon lange tot, er war irrsinnig geworden, weil er sich überarbeitet hatte. Denn er konnte nur des Nachts arbeiten, weil er den Tag über Klavierstunden geben mußte, an Bäckerstöchter für fünfzig Centimes die Stunde. Aber heute, ja, da war er auch durchgedrungen. Sie hatten ihm sogar schon ein Denkmal gesetzt.
Da begegnete ihm die, welche früher Apfelblüte gewesen war. Ihr Gesicht war verbunden, sie humpelte an einem Stock, in durchnäßten Filzschuhen, und ihre Lumpen hingen schlaff an ihr nieder. Er rief sie an. Sie sprach: »Schämst du dich denn nicht, daß du mich kennst?« Und dann rollten ihr Tränen aus den entzündeten Augen über den Verband ihres Gesichtes. Er antwortete: »Ich bin ja auch älter geworden, ganz kahl ist mein Schädel, alle Haare sind mir ausgegangen.« Er lehnte sich an eine Hauswand. Sie streckte die Hand aus und sprach: »Du könntest mir ein paar Sous geben, damit ich nicht im Freien schlafen muß.« Er antwortete: »Ich schlechter Mensch habe alles vertrunken, aber du kommst auf mein Zimmer, nur habe ich keinen Ofen.« Sie schüttelte den Kopf »das ist eine häßliche Krankheit, die ich habe, du kannst mich nicht mitnehmen.« »Du warst gut«, sprach er, »und hast allen Menschen nur Freude machen wollen, weshalb sind die Menschen so schlecht gegen dich gewesen? Aber sie wissen ja nicht, was sie tun, sonst wären sie anders.« Dann faßte er sie unter den Arm, und er sagte: »Ich habe einen Stoß alte Zeitungen und etwas schmutzige Wäsche, daraus machen wir noch ein Lager.« Sie weinte und sprach: »Seitdem ich von dir ging, vor zwanzig Jahren, hat nie wieder ein Mensch ein gutes Wort zu mir gesprochen. Aber ich ging nur fort, weil ich damals so jung war und gern tanzte.« Langsam gingen sie, denn sie hatten beide wenig Kräfte.
Wie sie auf seinem Zimmer waren, setzte er sich und sprach: »Mir ist so sonderbar, ich habe den guten Wein zu schnell getrunken.« Sie dachte, er sei betrunken, und holte das Nachtgeschirr; es hatte keinen Henkel. Aber ihm war der Kopf auf die Brust gefallen, und die Zunge war zwischen die Zähne geklemmt. Da fühlte sie, daß er tot war, drückte ihm die Augen zu und legte ihn auf die Stubendiele, denn sie konnte ihn nicht in das Bett heben.
Wie das nun am andern Tag in den Zeitungen stand, daß der große Dichter gestorben war, und wie groß sein Elend gewesen war, da kam der, den er Fagerolles nannte, ging in seinem feinen Pelz die schmutzige Treppe hinauf und fand die Prostituierte mit dem verbundenen Gesicht neben dem toten Dichter kauern. Er bezahlte Leute, die für das Begräbnis sorgten, und er folgte seiner Leiche zusammen mit der Prostituierten. Ihr Verband hatte sich verschoben durch das Weinen und Tränentrocknen, man sah, daß die Krankheit ihr die Nase fortgefressen hatte. Er war ein sehr berühmter Dichter, sah gesund und reich aus.
Wie der berühmte Dichter am andern Tage in den Zeitungen die Artikel las, da las er auch, daß seine Werke nur von zeitlicher Dauer seien, aber das Buch des Toten werde ewig dauern. Da geriet er in Angst, daß die Menschen das schrieben, denn er dachte, daß er sehr viele Schulden hatte bei seinem kostspieligen Hausstand, und daß schon begannen die Einnahmen sich zu vermindern. Seine Frau kam zu ihm und zeigte ihm ein neues Kleid, und seine beiden in Reichtum erzogenen Kinder kamen; sie sahen vornehm und unschuldig aus; und er dachte, wie das sein werde, wenn man ihm seinen ganzen Hausrat verkaufte und er in einer armen Dachstube leben müßte mit der Frau und den Kindern, wie der Tote gelebt hatte, und er ängstigte sich vor seiner Lüge.
Manto und Sextilius
Zu der Zeit, als das Christentum die Herrschaft über die anderen Religionen erlangt hatte, waren in Alexandria häufige und schwere Unruhen; denn das untere Volk, nämlich die Arbeiter, die Armen und die Sklaven hingen der christlichen Lehre an, die Vornehmen aber und Reichen glaubten noch an die alten Götter, erwiesen ihnen Verehrung und beschäftigten sich mit der Philosophie. Und indem das Volk auch Neid und Haß zeigte gegen die anderen, wegen ihres Reichtums und ihrer Bildung, und zugleich stolz war auf seine bessere Religion, beruhigte es sich wohl die meiste Zeit, weil es ein Reich hoffte, welches nahe bevorstand, in welchem es selber alles Glück und Wohlleben haben würde, denn alsdann, dachten sie, trägt das Korn tausendfältig ohne Mühe des Landmanns, und der Weinstock bringt Trauben, so schwer, daß zwei Menschen sie tragen müssen, und eine Olive hat so viel Öl, wie eine ganze Familie braucht zu ihrer Mahlzeit, die Stadt ist aus Edelsteinen gebaut, und ihre Tore sind von lauterem Golde; die Reichen aber und Gebildeten werden dann in den tiefsten Abgrund geworfen zu dem alten Drachen, da ist Heulen und Zähneklappen, weil sie bis nun ein großes Wohlleben gehabt haben. Jedoch nur die meiste Zeit beruhigten sich durch solche Hoffnungen die armen und einfältigen Leute, und wenn große Krankheiten kamen und Teuerungen, welche denn damals häufig waren, so wurden sie ungeduldig, meinten, der große Umschwung stehe schon bevor, und zogen mit vielem Lärmen durch die Stadt, erbrachen die Häuser der Reichen, raubten und plünderten, zerrissen Schuldbriefe, und wenn sie einen vornehmen Reichen antrafen, so ermordeten sie ihn auch. Das taten sie aber in eigener Weise; denn da geschrieben steht: des Herrn Wort wird die Ungläubigen töten, so nahmen sie ihre heiligen Bücher, welche eben des Herren Wort enthielten, die waren in großen Büchsen aus Erz aufbewahrt, und mit denen schlugen sie auf die Reichen ein, welche sie fanden, Männer, Frauen und Kinder, bis die tot waren; die Leichname schleppten sie dann durch die Straßen und sangen fromme Lieder, und es wurde auch erzählt, daß sie einige von den Leichen gegessen haben, denn es steht geschrieben: des Herren Zorn wird sie fressen. Als Anführer hatten sie bei solchem Treiben Mönche, welche nackt gingen oder sich in große Decken hüllten und aus der Wüste kamen, wo sie sonst lebten und viele Erscheinungen hatten von Geistern, Engeln und Teufeln.