Damals lebte eine vornehme Jungfrau in ihrem großen und vornehmen Hause allein mit einigen Dienerinnen. Ihr Name war Manto, und sie war eine Griechin aus einem uralten und stolzen Geschlechte in Elis, welches seine Vorfahren noch in der heroischen Zeit hatte. Schon seit mehreren Geschlechtern aber war die Familie nach Alexandria übergesiedelt und war auch hier immer vornehm, stolz und reich gewesen. Wie denn nun damals in rätselhafter Weise oft viele Menschen starben, als sei eine Krankheit gekommen, welche nur eine bestimmte Klasse, Stand, Schicht oder Familie befiel, daß viele an Brunnenvergiftungen durch die Christen, viele an heimliche Tücken der Verwandten der Erbschaften wegen dachten, und noch andere an Geheimbünde wollüstiger und frommer Art, so überfielen auch plötzliche und verschiedene Krankheiten die Familie der Manto, daß ihr alle Anverwandten in wenigen Tagen starben und sie allein zurückblieb in dem hallenden Palast.

Nun hatte sie sich schon als Kind an der Kunde des Himmels und der Sterne erfreut, denn ihr Vater war ein stiller und schweigsamer Mann gewesen, welcher seine Nächte auf dem hohen Turm seines Hauses verbrachte mit Betrachtung der Sternbilder an dem blauen und klaren Himmel, und mit vielen Berechnungen und Voraussagen. Diese Freude hatte sie beibehalten; und wie sie nun ohne Eltern, Geschwister und selbst Vormund war, denn in jenen unruhigen Zeiten wurde von den Behörden wenig auf die Schicksale der Bürger geachtet, dachte sie nur noch daran, des Abends auf dem viereckigen, quadergemauerten Turm zu sitzen, der hoch über das flache Dach des Hauses in die dunkelblaue Nacht hinausstand, und durch allerlei Rohre die glitzernden Sterne zu betrachten, Beobachtetes aufzuschreiben und älterer Sternkundigen Niederschriften nachzulesen.

Bei diesem Forschen gewann sie einen Freund, welcher jung war wie sie, und ein Gelehrter der Sternkunde, von jüdischer Abstammung, mit dem Namen Sextilius; denn er gehörte einem Judengeschlechte an, welches sich den Dingen anpaßte und nicht streng festhielt an allem, was es einst in Palästina geglaubt hatte, weil es wohlhabend war und gebildet. Mit diesem Freund verbrachte sie manche Nacht unter dem klaren Himmel bei dem blassen Sternlicht auf dem flachen Dache des alten Turmes; und auch Sextilius war der letzte und einzige seines Geschlechtes, denn seine gesamte Familie war umgekommen bei einem Aufstand des Pöbels gegen die Juden, wo viele vornehme Judenfamilien gänzlich ausgerottet waren.

Nun geschah es an einem Abend, als die beiden in ihrer gewohnten Weise zusammen waren, daß sie ein ungewohntes Lärmen hörten in den Straßen. Es kam nämlich für gewöhnlich nur ein dumpfes und gleichmäßiges Dröhnen an ihr Ohr, welches herrührte von der Vermischung vieler verschiedenartiger Geräusche, die ihr Besonderes unter einander zu verlieren schienen, wie auch der Blick über die Stadt selbst ganz gleichmäßig schien durch die vielen Lichter, obschon doch die Straßen ganz verschieden waren und die Häuser. Es entstand aber das neue Lärmen durch die gleichmäßigen Fußtritte vieler, und durch einen allgemeinen Gesang, der einen wilden und wüsten Takt hatte, und dazwischen war das allgemeine Dröhnen der Stadt doch noch vernehmbar.

Wie sie sich noch verwunderten, kam eine Sklavin in Eile die Enge des Turmes heraufgestiegen und erzählte, daß die Christen in große Unruhe geraten seien und sich zusammengerottet hätten, weil sie glaubten, daß Zauberkünste angewendet würden, um die alten Heidengötter zurückzurufen, welche durch die Heiligen und Märtyrer verbannt waren; denn es strömte da eine Quelle, welche früher der jungfräulichen Artemis geweiht war, wo Leute geheilt wurden von allerlei Gebrechen, indem sie badeten und tranken, nun aber war Artemis vertrieben, und an ihrer Stelle herrschte hier eine christliche Heilige, welche mehr Wunder tat wie die Göttin. Und an eben dem Tage waren zwei arme Männer, welche lahm waren, in das Wasser gestiegen, hatten sich bekreuzt und die Heilige angefleht: da war ein böser Geist gekommen, der hatte sie erwürgt, daß man sie tot herauszog aus dem Wasser; und nun meinten die Christen, das sei Artemis gewesen, welche durch Zauberkünste der Heiden zurückgerufen sei und die Heilige vertrieben habe. Deshalb zogen sie durch die Straßen und wollten sich an den Heiden rächen, und vornehmlich an solchen wie Manto, welche ihnen verdächtig schienen wegen ihrer Wissenschaft.

Da sagte Manto, daß es zu dem Turme nur einen Eintritt gebe, nämlich durch eine eiserne Tür, welche vom ersten Stockwerk des Hauses in den Turm führte; und wenn die Christen wirklich ihr Haus angreifen würden, und würden eindringen, so wollten sie die Tür verschließen und Feuer in das Haus legen, daß das verbrennen müßte, der Turm aber unversehrt bliebe, denn alsdann werde der Pöbel keinen Zugang zu ihnen gewinnen, welche auf dem Turme blieben, und später müßten sie dann durch die Behörde gerettet werden. Sextilius wurde sehr traurig über diese Rede, denn er dachte an die vielen Kostbarkeiten, Bücher und Bilder, welche in dem großen und schönen Hause aufbewahrt waren. Aber indem erblickte Manto auch schon von oben die ersten der wütenden Schar, welche in die Straße liefen mit geschwungenen Fackeln und brüllend, und ihr Name wurde gerufen unter heftigen Verwünschungen. Da raffte sie ihr weites Gewand zusammen, schlüpfte durch die schmale Falltür die enge und gewundene Treppe hinunter und lief in das Haus, da brannten in leeren Zimmern Lichter, die riß sie herab und warf sie zwischen kostbare Decken und Teppiche, und in einem kleinen und dunkeln Zimmer traf sie eine ganz junge Sklavin, die verschüchtert in einem Winkel hockte, die trieb sie heraus; und wie schon die Schläge und Stöße der wüsten Menge gegen das eisenbeschlagene Tor hallten, warf sie noch Kleidungsstücke über die Geländer der großen Treppe in den Hausflur und warf eine Fackel hinterher, dann eilte sie zurück zu der eisernen Tür des Turmes, zog die nach sich und verschloß und verriegelte sie.

So kam sie atemlos nach oben, fand da Sextilius und die Sklavin, welche schweigend saßen. Und wie sie sich in ihrem weißen Gewand über die Brüstung des Turmes beugte, um nach unten zu sehen, wo die Menge an dem starkbohligen Haustor arbeitete, ward sie gesehen von unten, und Johlen und Pfeifen drang nach oben, heftige Verwünschungen und verächtliche Namen auf die alten Götter. Aber indem sprang aus einem Fenster spitz die erste Flamme, wie ein Pfeil vom Bogen, und die Menge ward plötzlich still; dann folgte wirbelnder Rauch, und ein Sturmwind kam plötzlich; da johlte die Menge lauter und heulte vor Wut, und die Stöße und Schläge gegen das Haustor wurden heftiger, bis am Ende ein Krachen und Splittern gehört ward; aber wie der eine Flügel sich nach innen neigte, sprang auch aus dem Tor die spitzige Flamme und flog dem Vordersten ins Gesicht, daß der Pöbel heulend auseinanderstob; unterdessen klirrten noch andere Fenster, und die Flammen leckten hoch an dem schweren Gemäuer.

Der Rauch zog wirbelnd in die Höhe und flog über den Turm hin; da legten sich die drei, welche oben standen, auf den Boden des Turmes hinter die Brüstung, denn sie fürchteten, daß sie ersticken möchten, und der Wind trieb den Rauch fort über ihnen, so daß sie nun atmen konnten. Und im Liegen sprach Sextilius und klagte über die Schätze, welche verbrannten; denn in dem Hause stand goldenes und silbernes Gerät, kunstvoll gearbeitet von berühmten Handwerkern der alten Zeit, das schmolz nun zu schlackigen Klumpen; und kostbare Gewebe waren da mit allerhand künstlichen Figuren, wie sie in früheren Zeiten von den Frauen in Alexandria gewebt wurden, und seltene Bücher standen in Rollen, viele Werke der Gelehrten und Dichter, welche in Alexandria ein friedliches Leben geführt hatten, und auch die Werke der alten Dichter des heimatlichen Griechenlands. Dann hingen an den Wänden Bilder, welche Götter und Göttinnen darstellten, und die Geschichte der alten Helden und merkwürdige und schöne Landschaften. Aber das Kostbarste war ein uraltes Holzbildnis der Aphrodite, welches in einem kleinen und dunklen Heiligtume des Hauses aufgestellt war. Das hatten die Vorfahren der Familie mit aus ihrer griechischen Heimat gebracht, wo es einen eigenen Tempel gehabt hatte und verehrt wurde, und es stammte noch aus der Zeit, da die Götterbilder mit geschlossenen Füßen gestaltet wurden und mit Armen, welche eng am Körper anlagen. Von allen diesen Schätzen und Heiligtümern sprach Sextilius, denn auch die Dichtwerke waren Heiligtümer und die schönen Bilder, weil sie Erhabenes darstellten, das die Menschenseele in die Höhe reißt. Nun verschwelte und verkohlte das alles, oder brannte auch mit lichter Flamme; und es war nicht anders, als sei da nur schlechtes Brennholz und alte Lumpen.

Die alte Sklavin lag dem Sextilius gerade gegenüber, und in ihren Augen erglänzte merkwürdig das Weiße, indem die Pupille sich fast ganz in die Höhe geschoben hatte. Da stand sie plötzlich auf und trat auf die Brüstung, so daß die Schwaden des Rauches sie umzogen; ihr graues Haar war hinten in ein ärmliches und dünnes Zöpfchen geflochten, das stand wunderlich von ihrem Kopfe ab. Zuerst heulte sie in einem hellen und durchdringenden Ton, indem sie mit den Händen um sich schlug, und dann fing sie in abgebrochenen Worten an zu schreien und rief, daß eine Feuersbrunst das Herrlichste ist, und des Menschen Herz jauchzt vor Lust und Schmerz und voller Wohligkeit gegen die Flamme, und alles jagt in den rauchumzogenen Himmel, denn es gibt nur einen Gott, der macht, daß unsere Eingeweide sich umwenden; und wir suchen den Schmerz und die Schande, denn auch seine Heiligen jauchzten im Kot der Gefängnisse und indem Eiter und Blut von ihren gepeitschten Rücken rann, darum ist es süß, wenn wir unrecht leiden.

Solche und ähnliche Worte schrie sie mit brüllender Stimme, dann sprang sie wieder herunter von der Brüstung, riß die Falltür auf, welche zu der schmalen und gewundenen Turmtreppe führte. Eine grausige Glut spie die schmale Treppe aus, sie aber eilte hinab, der eisernen Tür zu, welche den Turm mit dem Hause verband; Manto und Sextilius liefen ihr nach, aber die Sklavin glitt aus und ward wie eine Kugel und kollerte die steilen Stufen hinunter, die rund um die Spindel der Treppe liefen; ihr Kopf schlug dumpf auf den Steinen auf, aber sie schrie in einem fort ihre Worte, die sie vorher geschrieen hatte; da war am Ende die eiserne Tür, die war rotglühend geworden von dem Brande, gegen die rollte sie; da geschah ein Zischen und Fauchen und ein ganz lauter Schrei, und Brandgeruch drang nach oben, denn Manto und Sextilius hatten nicht weit folgen können wegen der Hitze; und wie ein paar gellende Schreie gewesen waren, ward alles still, nur ein ganz scheußlicher, stinkender Schwaden kam herauf. Da kletterten die beiden entsetzt zurück und schlossen wieder die Falltür und legten sich wieder dicht an die schützende Brüstung; aber es war nun sehr heiß oben geworden, und der Rauch beizend und scharf, und senkte sich nieder, und viele Asche senkte sich auch nieder und bedeckte hoch die Fläche des Turmes oben und die Brüstung, und quälte die beiden sehr. Und auch einen heftigen Durst bekamen sie, daß sie fast ihre Lage nicht mehr aushalten konnten.