Manto dachte daran, daß das alte Schnitzbild der Aphrodite verbrannt war, und dachte an die alte Sage in ihrer Familie, welche sich an das Schnitzbildnis knüpfte.

Vor Urzeiten, als die Heroen noch lebten, noch vor dem trojanischen Kriege, waren zwei Schwestern, die lebten in einem Hause, das lag an dem Wege nach Elis. Diese gerieten untereinander in Streit, welche von ihnen die Schönere wäre, und nachdem sie alle ihre Gliedmaßen einzeln und auch ihre ganzen Personen insgesamt miteinander verglichen hatten, konnten sie doch zu keinem Ende kommen. Da beschlossen sie, ein Urteil Fremder anzurufen, gingen aus dem Hause und setzten sich an der Landstraße auf einen Stein. Wie sie eine Weile gewartet hatten, kam ein Wanderer, ein junger und schöner Mann, dem trugen sie ihren Streit vor und sagten ihm, er solle entscheiden, und so legten sie ihre Gewänder ab und traten nackt vor ihn, damit er urteile. Er prüfte sie, und ihm schien die Ältere schöner zu sein; das sagte er auch; und weil sie aber so sehr schön war, und er hatte alle ihre Glieder gesehen, so faßte er eine große Liebe zu ihr, fragte sie, ob sie ihn zu ihrem Ehegatten wolle, und wie sie ihm erwiderte, ja, nahm er sie und ging mit ihr, die Vermählung zu vollziehen.

Die Jüngere wurde sehr traurig und blieb zurück, zog ihr Gewand wieder an, setzte sich auf den Stein und weinte sehr vor Kummer. Da kam ein zweiter Wanderer des Weges, der war ein jüngerer Bruder des vorigen. Wie der die weinende Jungfrau sah, hatte er Mitleiden und fragte sie, weshalb sie so traurig sei. Sie erwiderte ihm, indem sie alles erzählte und auch sagte, daß der andere ihrer Schwester Schönheit vorgezogen habe. Da sagte der Wanderer, daß es in diesen Dingen kein sicheres Urteil gibt, und daß die einen so urteilen über die Schönheit und die anderen so, und vielleicht, wenn er an Stelle des älteren Bruders hätte entscheiden sollen, so hätte er die Jüngere vorgezogen. Da trocknete die Jungfrau ihre Tränen und sagte, wenn das so sei, so wolle sie sich auch vor ihm entkleiden, und er solle ein Urteil fällen, ob es wohl möglich sei, daß ihre Schwester schöner sein könne. Damit war er auch einverstanden, und sie entkleidete sich. Aber wie er sie nun so gesehen hatte, da sagte er, sie habe recht gehabt in ihrem Urteil, und er wenigstens könne sich nicht denken, daß eine Jungfrau schöner sein könne wie sie. Deshalb habe er eine plötzliche und starke Zuneigung zu ihr gefaßt und frage sie, ob sie nicht seine Ehefrau werden wolle. Da sagte sie ja, und nun gingen auch diese beiden gleich nach Hause und vollzogen ihre Vermählung.

Nun lebten die beiden Schwestern mit den beiden Brüdern zusammen und waren sehr froh und zufrieden, hatten ihre Kinder und wurden sehr alt, und keinerlei Unglück traf sie. Da sagten sie, daß Aphrodite ihres Glückes Ursache gewesen sei, welche ihnen den Streit um ihre Schönheit aufgeregt und ihnen dann auch aufgegeben hatte, daß sie an die Landstraße gehen sollten, wo sie ihre Männer getroffen hatten. Und weil sie sich nun für solches Glück der Urheberin dankbar erweisen wollten, so bauten sie der Aphrodite einen kleinen Tempel, und durch einen geschickten Arbeiter ließen sie das Standbild machen und beteten an, dankend und preisend. Solche Verehrung wurde dann auf die Kinder vererbt und auf die Kindeskinder, und indem die Familie viele hundert Jahre blühte, wurde das Standbild immer in der alten Weise verehrt durch die jungen Mädchen des Geschlechtes, welche vor ihm die Hände aufhoben und Blumen brachten. Am Ende zogen dann die letzten der Nachkommen von Elis fort und gingen nach Ägypten, da nahmen sie das alte Heiligtum mit, aus Frömmigkeit und in dankbarer Gesinnung, denn Aphrodite war der Familie immer günstig gewesen.

An dieses alte Märchen dachte Manto und dachte, daß nun das alte Götterbild verbrannt war; und sie wunderte sich, daß man in der Urzeit sich nicht seines Körpers geschämt hatte, sondern man war seiner froh gewesen, heute aber hatte man Schamgefühl auch in bezug auf die Seele.

Ganz schwarz und schmutzig waren die Gesichter und Hände der beiden geworden, welche oben auf dem Turm lagen, und ihre Kleidung war mit lauter Flugasche bedeckt; es durstete sie sehr, und sie fühlten sich sehr unglücklich und krank und dachten, daß sie sterben müßten; und so schwach und elend waren sie, daß der Tod ihnen gar nicht abscheulich und schreckenerregend schien, sondern als etwas ganz Leichtes.

Sextilius dachte an eine Begegnung, die er vor wenigen Tagen gehabt. Seine Vorfahren, die strenge Juden gewesen, hatten einen Fluch auf die Unkeuschheit gelegt, und vornehmlich auf die, welche mit heidnischen Dirnen verübt wurde. Nun hing er zwar nicht mehr an dem strengen Glauben seiner Väter, aber doch lebte noch in ihm jenes Gebot. So geschah es ihm, daß er vor den Toren der Stadt lustwandeln ging und kam in eine Gegend, wo viele Gärten sind und kleine Häuser, welche sich die Reichen gebaut haben zu ihrem Vergnügen, an den Sommerabenden da die Frische und Kühle zu genießen. Diese Gärten waren so geordnet, daß Straßen zwischen ihnen liefen und Nebenstraßen, wie in einer Stadt; und wie in einer Stadt war da auch eine entlegene Gegend, wo die Dirnen wohnten. Dahin geriet er durch einen Zufall. Da war ein ganz kleines Häuschen, das war weinüberrankt, und gelbe Trauben leuchteten aus dem Laube, und Rosen blühten vor dem Eingang; die Tür war geöffnet und wies in ein dämmerndes grünes Dunkel, und in der Tür stand eine Dirne, ein ganz junges Mädchen, die hatte die leichte und durchsichtige Tracht des Landes, durch welche man jedes Glied sehen konnte, und mit einem heitern und unbekümmerten Lächeln winkte sie Sextilius zu, er solle kommen; ihre Zähne blitzten in dem sonnenbraunen und frischen Gesicht: ein Weintrieb war vor ihrem duftigen und weißen Kleid, mit den schönen Blättern und der fein geschwungenen Ranke. Ihm pochte das Herz vor Freude und Sehnsucht, aber etwas anderes machte, daß er sich abwendete mit einer verächtlichen Gebärde; da sah er, wie über das helle und offene Gesicht des Mädchens eine Enttäuschung flog.


Schmutzig und ganz erbarmungswürdig sahen die beiden aus, wie sie auf dem Turm lagen, ihre Augen waren gerötet. Sie mochten schon lange nichts mehr zu einander sprechen, denn der Gaumen war ihnen ganz ausgedörrt. Sie meinten, daß sie sterben müßten in der Hitze und durch den Rauch, und schon erwog Sextilius, ob es nicht ein besseres Ende sei, sich von dem Turme auf das Pflaster herabzustürzen. Noch lärmte und schrie der Pöbel unten, aber ein großer Teil des Volkes war abgezogen, um an einem anderen Orte zu rauben und zu töten. Da wendete sich plötzlich der Wind und machte den Turm von dem Rauch frei, und auch die Hitze schien minder arg zu sein. Bald darauf stürzte das Dach des Hauses nach innen, und obgleich eine kurze Weile dann eine hohe Flamme in die Höhe schlug, schien doch der Brand abzunehmen, als würde er durch die schweren und großen Dachsteine erstickt. Die beiden erhoben sich und traten an die Brüstung, um mehr von dem kühleren Windhauch zu genießen. Da johlte die Menge von unten und rief Schimpfworte nach oben, und rief, Manto habe einen Liebhaber bei sich. Wie sich die beiden aber anblickten, da erschraken sie, so entstellt sahen sie aus.