Manto sprach: »Ich bin allein auf der Welt, denn alle meine Verwandten sind gestorben, und meine ganze Familie ist ausgestorben, und ich glaube auch, daß mein Volk tot ist, dem ich angehöre; denn diese da, welche heulen, sind anders wie ich und sind mir ganz gleichgültig. Nun will ich in die Gegend dieser Stadt ziehen, wo die Dirnen wohnen, und will mich preisgeben jedem, der mich kaufen will.«
Sextilius sprach: »Ich will in die Wüste gehen, wo die Einsiedler und Heiligen der Christen wohnen. Sie fasten und kasteien sich, und die Teufel kommen in allerlei Gestalt, um sie zu verlocken, sie aber sind standhaft. Deshalb will ich ein Christ werden und leben als ein Heiliger und Einsiedler.«
Manto sprach: »Wenn ich an uns denke wie an fremde Menschen, so meine ich, daß wir uns lieb haben könnten, heiraten und Kinder haben, und in Ehre und Freude leben, denn wir könnten ja auch in einer andern Gegend leben wie in Alexandria. Sehr wunderbar ist es, daß das nicht geschehen kann, und ich weiß dessen keinen verständigen Grund. Aber es kann nicht geschehen, sondern ich werde in die Dirnenvorstadt gehen und du in die Wüste.«
Die beiden Maler
Zu der Zeit, als das Mittelalter sich zu Ende neigte und neues Wollen in allen Künsten und Wissenschaften aufkam, lebte in einer nördlichen Stadt ein ganz alter Maler, welcher bei seinen Leuten als der kunstfertigste Maler galt. Er hatte nicht Weib und Kind und führte ein recht einsames Leben, indem er nur immer fleißig war, sich in seiner Kunst weiterzubilden und vollkommener zu werden; und wiewohl er zu jener Zeit, von welcher wir sprechen wollen, schon das neunzigste Jahr erreicht hatte, schienen seine neuen Bildnisse auch in Wahrheit immer schöner und lebendiger geworden zu sein wie seine früheren; so sagte er auch von sich: »Bis zu meinem fünfundachtzigsten Jahre bin ich nur ein Lehrjunge gewesen und gut genug, die Farben zu reiben, nun bin ich ein Geselle worden, aber so mir Gott das Leben gönnt, so werde ich mit hundertundzehn Jahren ein Meister sein.« Und solchen Glaubens fröhlich lebte er seine Tage dahin im Winter und Sommer.
Nun geschah es, daß ein reicher Kaufmann, welcher viele Reisen machte, auch einmal eine Reise machte zu den großen Handelsstädten, die im Westen liegen, wo stolzes Tuch gewebt wird und schöne Leinwand. Der sah dort Bilder eines neuen Meisters, die ihm gar wohl gefielen, und besser wie die Bilder des alten Mannes, den sie daheim hatten; und indem diesem Meister viele Schüler zugeströmt waren, welche alle von ihm seine vollkommenere Art gelernt hatten, so kaufte er von einem solchen Schüler ein schönes Bildnis unserer Frauen um ein nicht allzu teures Geld, denn die Bilder des Meisters selber wurden allzu hoch gehalten im Preise, also, daß er nicht darankommen konnte. Solches Bild bewahrte er sorgfältig auf, nahm es mit nach seiner Stadt und schenkte es in die Kirche seines Viertels als einen besonderen Schmuck an der Wand des Chores.