Wie der alte Meister das neue Bild gesehen hatte, kam über ihn ein tiefes Stillschweigen, und wiewohl die meisten Leute sagten, deren Art es ja immer ist, daß sie das Einheimische loben, aus Stolz, daß es geringer sei wie die Bilder, welche er selber gemalt hatte, so erwiderte er doch, daß sie das nicht verständen, und sei dieses Bild das herrlichste, welches er je gesehen; er glaube auch nicht, daß er je solche Kunst und Geschicklichkeit erreichen könne, ein dergestaltes Werk zu schaffen.
Darauf ging er zu wichtigen Ratspersonen, stellte denen vor, wie bedeutsam es für eine Stadt sei, wenn berühmte Künstler in ihr leben, denn die ziehen viel Geld von außen herein, und sprach dann, daß er selber seines Lebens zur Genüge habe und nicht auf den Erwerb mehr angewiesen sei, und sollte der Rat den jungen Maler herziehen, welcher die Tafel gemalt habe, durch einen Auftrag eines großen Bildes mit vielen Figuren, das eigentlich er selbst, der Alte, hatte malen sollen.
Die Ratspersonen wunderten sich wohl, daß der alte Mann gar keinen Neid gegen den Fremden aufwies, aber sie dachten, daß er doch wohl sein Handwerk aufgeben wolle seines hohen Alters wegen, und schien ihnen auch gut, was er gesagt, daß sie den jungen sollten herziehen. Also schrieben sie Briefe und schickten die fort, und es wollte auch das Glück, daß der Junge ja sagte, sich auf die Reise machte und angezogen kam.
Der Alte hatte eine große Begier, ihn zu sehen, und wie denn von einem Bauern durch Zufall erzählt wurde, daß er einige Meilen vor der Stadt in einem Wirtshause dem Manne begegnet sei, der da gesessen habe und habe getrunken und viel Rühmens gehabt von seiner Kunst, da zog er sein gutes Kleid aus feinem Tuch an und seinen Pelzmantel, setzte sich auf ein Pferd, dem Fremden entgegenzureiten. Wie er ihn noch in der Wirtschaft antraf, wunderte er sich zwar sehr, daß der Mann gar nicht erschien nach ehrbarer Bürger Art, sondern hatte einen langen Raufdegen an der Seite und als Gewand trug er einen lumpichten Koller wie ein gartender Lanzknecht.
So setzte er sich nun neben den Jungen mit einer zierlichen Anrede, welche der auch mit großer Höflichkeit und Geschwinde der Zunge erwiderte, erzählte von dem Bilde, wie er großen Gefallen an dem gefunden, und er sei selber auch Maler und habe viele Tafeln vollendet in seinem Leben. Der Fremde erwies sich als ein Mann von frohem Mute, der gern lachte, Späße erzählte und allerlei Scherz trieb mit den kichernden Mägden. Solches Wesen hatte der alte Meister bis dahin nicht gekannt; aber er dachte, daß die heutige Jugend wohl in allen Dingen fröhlicher ist wie die frühere. Während dem Reden und Spaßen zog dann der Junge ein Büchlein aus der Tasche und zeichnete mit flinken Strichen des Silberstifts die fliegenden Röcke einer Dirne, welche am Fenster vorbeijachterte zum Ziehbrunnen mit zwei Eimern in den Händen; hier erstaunte der Alte wieder über die Lebendigkeit und natürliche Schönheit der Zeichnung, freute sich des jungen Gesellen und ward gegen aller Erwarten mit einem Male selber ganz lustig, daß er Wein bestellte und eifrig mit dem andern becherte.
Nun zeigte es sich, daß der Beiden Art zu arbeiten ganz verschieden war, denn der Alte setzte sich in die Einsamkeit, brütete über seiner Aufgabe und brachte es dahin, daß ihm endlich ein herrliches Bild vor der Seele stand, durch seinen Willen, welchen er auf seine Absicht gerichtet; das mühte er sich dann auf dem Holz festzuhalten durch fleißige und sorgfältige Arbeit. Der Junge aber lebte in der Welt, freute sich mit den Menschen, und die Frauen hatten ihn lieb, trotzdem er ein frecher Geselle war; da zeichnete er in sein Buch dann viel, das er sah, mit wenigen Strichen, und dachte: Dieses brauche ich für dieses Bild, und das für jenes, und auch was ich von solchen schnellen Zeichnungen nicht brauche, das gefällt mir doch, und macht mir solches Zeichnen Freude, wie einem jungen Mädchen das Tanzen. Hatte er dann aber einen Auftrag für ein großes Bild, so suchte er zuerst immer in seiner Erinnerung, wo er Menschen gesehen, die wohl so aussehen mochten, wie die Leute, welche auf seinem Bilde abgemalt sein sollten, Männer und Frauen, und dann ging er hin zu denen, bat freundlich, und sie gewährten es ihm meistens, daß sie sich vor ihm in der Stellung halten sollten, welche der Mensch auf dem Bild haben mußte, und danach malte er dann treu seine Figur, und aus vielen solchen Figuren setzte er sein Bild zusammen.
An solche Möglichkeit des Arbeitens hatte der Alte noch nicht gedacht, und wie er erst eine Weile des Jungen Art beobachtet hatte, da sah er sehr wohl, daß die Jungfrauen, die er selbst malte, Arme hatten, die eng an die Seite gedrückt waren und das Jesuskindlein hielten mit steifer Haltung und ohne Lieblichkeit, und so war auch alles andere. Aber wie er das eingesehen hatte, da ward ihm, als sei er mit einem Male wieder ein ganz Junger geworden und fange in allem von vorn an, und fühlte eine Hoffnung und Zuversicht, daß er lachend zu dem andern sagte, nun werde er ihn noch übertreffen. Der aber, als ein fröhlicher und leichter Mann sonder Harm und Groll lachte desgleichen und antwortete, wenn er das vermöchte in seinem Hochalter, so wolle er ihn für den tüchtigsten Maler halten, den es je gegeben, bei den alten heidnischen Völkern wie bei den neueren. Und so wurden sie beide fröhlich, und ließ der Alte Wein holen, wie er denn nun gewohnt war, seit er des Jungen Gesellschaft hatte, und saßen lange zusammen in Kunstgesprächen.
Nun geschah es, daß der junge Maler eine leichtsinnige Dirne annahm, welche hübsch gewachsen war von Körper und auch ein anmutiges Gesicht hatte; die gebrauchte er für seine Kunst, indem er sie in allen Stellungen, welche ihm nötig schienen, zeichnete und malte, und in viel verschiedenen Gewändern, wie auch ohne alle Kleider und gänzlich nackt. Dieses Mädchen blieb eines Abends noch in der Werkstatt, als der alte Mann zum Besuch kam, und wie nachher gesprochen und getrunken ward, da ergriff sie eine Laute, welche des Jungen war, und sang ein lustiges Lied, das damals von Allen gesungen wurde, und so wurden sie alle drei recht fröhlich, und der Alte betrachtete mit scharfen Augen alle ihre Bewegungen und prägte sie seinem Gedächtnis ein, am Ende aber ergriff er einen Stift und zeichnete auf den Tisch die merkwürdige und schnelle Wendung ihrer Füße, wie sie in kurzen Kleidern in der Werkstatt hin und herging, denn sie machte die Wirtin. Da sagte er zu dem andern: »Heute habe ich meinen Bart im Spiegel betrachtet, der war zwanzig Jahre lang schneeweiß, und nun finde ich ganz schwarze Haare in ihm; so will auch mein Körper sich verjüngen, wie sich mein Geist schon verjüngt hat.«
Diese Freude wurde aber durch einen wunderlichen Zufall gestört. Denn wie das Mädchen wiederum ein Lied sang zur Laute, da ward der Alte plötzlich ganz still und sah das Mädchen mit großen Augen an, die waren so dunkel geworden, daß sie sich fürchtete, zu ihrem Herrn trat und mit Singen aufhörte. Da schlug der alte Mann mit der Faust auf den Tisch und wollte aufstehen; aber er fiel zurück, legte sein Haupt in seine Hände und fing heftig an zu weinen.
Der Junge, in Gutmütigkeit, vermeinte ihn zu trösten; und weil er dachte, daß des Alten Kummer auf irgend welche Weise mit der Frauensperson zusammenhänge, sagte er ihm, ein Weib sei nur ein Ding wie ein Hund oder Pferd, aber nicht unseresgleichen; erzählte dann auch, er werde jetzt ein groß Geld kriegen für sein Bild, dann wollten sie zwei ein lustig Leben führen und alles vertun. Aber solche Reden halfen nichts, und am Ende gab sich der Alte von selbst, setzte sich aufrecht in seinen Stuhl, schickte die Dirne aus der Werkstatt, welche denn gar gern ging, denn vor dem Alten fürchtete sie sich und des Jungen Rede hatte sie verdrossen, und begann so zu reden: