»Lieber, wenn ich mein Gemüt nicht bezwingen könnte, so möchte ich dich jetzt bitterlich hassen. Denn das Lied, welches die Dirne eben sang, das habe ich selber gemacht vor vielen Jahren, denn ich war damals ein Jüngling von zwanzig, und heute bin ich ein Neunziger. Das war für eine Jungfrau, die heiratete mein Freund, und seitdem ist sie selbst alt geworden und ist gestorben, und ihre Kinder sind alt geworden und sind gestorben, und ihre Enkelin ist nun schon ein altes Weib, so lange ist das nun her; aber gegen meinen Freund zog ich damals mein Messer und verwundete ihn hart, nachher bereute ich, tat Buße und habe ihn gepflegt in seiner Krankheit, damals war es, daß ich zuerst lenkte alle meine Inbrunst auf meine inwendigen Bilder und begann zu malen in der Weise, welche du kennst, und wurde ein froher Mann, auch ohne Weib und Kind; denn es sind ja Weib und Kind auch ein Hindernis.«

Darauf schwieg er eine Weile. Dann fuhr er fort: »Nun scheint mir aber jetzt, daß ich verblendet gewesen bin, wie ich deine Bilder gesehen habe, denn deine ganze Art und Kunst ist törlicher und leichter Art und kann nicht bestehen vor einem ernsten Gemüt.« Der andere vermeinte ihn immer noch zu beruhigen, er aber nahm seine Mütze und ging aus dem Hause ohne Gruß und Abschied; und wie er in seiner eigenen Werkstätte angekommen war, steckte er einen Kienspan an und beleuchtete alle seine Bilder, welche er neulich gemacht, seufzte tief, nahm jedes von seinem Ort und zerspellte es mit einer Axt in der Küche auf dem Fleischklotz, da seine Haushälterin das Fleisch wiegte, denn er hatte keine Zähne mehr und konnte nichts Hartes genießen.

Nach diesem hielt er sich Wochen zu Hause und zu seiner Arbeit, ohne sich um seinen Gesellen zu kümmern, machte dem auch nicht auf, wie er ihn besuchen wollte, sondern entsendete ihn mit harten Worten, welche endlich sich auch der in sein harmloses Gemüt nahm und ihn nun desgleichen mied.

Es vermochte aber der Alte in diesen Wochen nichts zustande zu bringen, sondern saß nur immer und strengte sich an mit Mischen der Farbe, Zurichten der Tafeln und anderm handwerksmäßigen Tun. Hierüber faßte er einen Gram, der fraß ihm am Herzen, daß er krank wurde und im Bett liegen mußte.

Nun hatte er wohl eine sehr starke Natur, aber das hohe Alter zwang ihn doch, also, daß er arg von Kräften kam; und am Ende genas er zwar und stand auf von seinem Bett, aber da war er gar klapperig und schwach geworden, mochte nicht viel mehr gehen, geschweige daß er hätte ein Pferd besteigen können, sondern saß gern und viel in der Sonne und wärmte sich.

Weil er in dieser Verfassung nun wieder freundlicher schien und milder denn früher, lachte auch wohl einmal mit Kindern, die da auf der Straße spielten, so dachte sein Beichtiger, daß er ihn wollte wieder versöhnen mit dem jungen Maler, damit er nicht dereinst in einer Feindschaft mit einem Menschen abfahren müsse. So ging er zu ihm und sprach mit ihm, der seufzte und klagte, daß er nichts mehr arbeiten könne, aber auf des Pfaffen Vorhalten gab er zu, daß er an seines Lebens Grenze angelangt sei und müsse Gott nur danken für die Gnade eines solchen langen Lebens voller Kunst und Kraft. Durch diese Gespräche ward er erweichet, daß er am Ende beistimmte und sprach, er wolle sich versöhnen, und wolle auch mit dem Jungen zusammen das Abendmahl nehmen auf die neue Freundschaft.

So ward nun alles abgemacht, und trafen sich die Beiden an der Kirchentür, und nahm der Alte mit einem freundlichen Lächeln die schwarze Mütze von seinem weißen Haar, drückte dem Jungen die Hand und sprach mit Herzlichkeit zu ihm, daß der in ganz besondere Fröhlichkeit kam und ihm die Hand küßte, welche zitterte; denn er hatte vor dem alten Mann eine sonderliche Hochachtung.

Nun gingen sie zusammen durch die Tür; da faßte der Riemen, daran der Alte sein Messer am Gurt hängen hatte, in das Schloßblech, sodaß der schwache Mann ins Wanken geriet; der Junge griff ihn schnell unterm Arm und stützte ihn, und so schritten sie vorwärts in der Kirche miteinander, wie der Urahn mit seinem Enkel, so sehr schienen sie zusammengehörig. Darauf stellten sie sich zusammen hin, recht in die Mitte der Kirche, vor den Altar, daran der Priester zelebrierte.

Aber auf dem Altar stand ein Bild des Alten, das er gemalt hatte vor nunmehr wohl fünfzig Jahren, das stellte den Schmerzensmann vor; wie er das wieder ansah, und er hatte genug Zeit zu solchem Ansehen, da zog wieder alles in sein Herz, das er einst gefühlt hatte, und das Herz hob sich ihm. Da zog er sein Messer aus der Scheide, mit Ungeschicklichkeit, und ehe sich einer solches versah, stieß er zu und traf den Jungen gerade an einer sichern Stelle, daß er umfiel ohne einen Laut, und so wenig Aufsehen hatte diese Schnelligkeit und Ruhe gemacht, daß der Priester noch fortfuhr im Amt, wie schon das Blut aus dem Toten sich auf den Fliesen verbreitete.