Die Liebe des Flibustierführers

Im Jahre Siebzehnhundert war an einem nebeligen und kalten Herbstabend in London in der niedrigen holzgetäfelten guten Stube des alten Wirtshauses zum Anker eine kleine Gesellschaft von Kapitänen und Reedern versammelt. Die Männer tranken einen schweren Südwein aus großen Gläsern, priemten und spuckten. Das Gespräch war nach manchen verschiedenartigen Erzählungen auf das damals in diesen Kreisen unerschöpfliche Thema der Flibustier gekommen, die im Golf von Mexiko die merkwürdigsten Taten gegen die Spanier vollführt hatten. Einer der älteren Kapitäne hatte in seinen jungen Jahren noch unter Monbars gedient. Er hatte erzählt, wie Monbars in einem kleinen offenen Ruderboot mit zwölf Mann sich an eine spanische Fregatte gehakt, an Bord geklettert war, und mit seinen Leuten sich durch die spanischen Soldaten mit dem Säbel durchgeschlagen, von vorn bis hinten und dann wieder zurück, und wie er immer ausrief, während die Spanier vor ihm fielen: »Und das muß ich tun, der ein so weiches Herz hat.« »Wie die Hammel vor dem Hund drängten sie sich«, erzählte er.

Ein alter weißhaariger Reeder mit ausrasiertem Kinne sagte mit gespielter Gleichgültigkeit: »Ich habe gestern mit Morgan zusammen auf einer Bank gesessen und habe ihm Schwamm für seine Pfeife gegeben!« Die Männer lachten. Er wiederholte unerschüttert »ich habe ihm Schwamm gegeben.« Dann erzählte er.

»Wie ein alter Affe sah er aus, dem man die Haut im Gesicht abgezogen hat und schwarze Pflaster auf die Augen geklebt.« Einige behaupteten, daß man als letztes von ihm gehört habe, vor langen Jahren, wie er nach England hatte zurückfahren wollen, daß die Matrosen ihn erkannt hatten, unter denen alte Flibustier waren und nachts in seine Kajütte gekommen waren; ob die Geschichte gelogen war, wußte man nicht; aber er sollte auf der Tonne gesessen haben mit den Edelsteinen und dem Gold, das er den Flibustiern nach der Einnahme von Panama gestohlen hatte, und um ihn standen sechs Tonnen mit Pulver, und in die eine klopfte er seine brennende Pfeife aus. Der alte Kasten war in die Luft geflogen, und so hatte wohl keiner Zeit gehabt, einem die Geschichte zu erzählen. Aber die Seeleute denken, ein starker Glaube gehört zu ihrem Geschäft. »Der Bart wird ihm wohl damals versengt sein«, meinte der alte Reeder. »Man konnte seine zweiunddreißig Zähne hübsch zählen, sie waren alle da, und weiß wie Elfenbein, und von der Nase waren ihm nur die Löcher geblieben, durch die konnte man ihm in den Rachen hineinsehen.« Ein junger Kerl meinte lachend, es gebe wohl so eine Art Liebe, die einen so zurichten könne. Der alte Flibustier sah ihn strafend an und sagte: »Wenn wir so etwas hatten, dann fraßen wir vier Wochen lang Schildkrötenfleisch, dann waren wir wieder wie eine Stange Silber.«

Der Reeder fuhr fort: »Er hatte einen schmutzigen alten Juden als Führer, der trug keine Hosen unter dem Kaftan, die haarigen Beine staken ihm unten heraus. Aber er sorgte für ihn, wie die Amme für das Kind: Hier ist ein Steinchen, da ist ein Klötzchen, da kommt eine Herrschaft.« Die andern lachten.

Im Hause des Reeders wohnte im Oberstock eine alte spanische Amerikanerin, aus Panama, die etwas wirr war im Kopf. Sie war gelb wie eine Zitrone und hatte einen Schnurrbart wie ein Ungar, aber zwei Augen rollten ihr im Gesicht wie zwei glühende Kohlen, und eine Stimme hatte sie wie eine Geige, wenn sie sang. Und sie sang sehr viel, daß man sich wundern mußte, wie sie das aushielt. Es wollte kein Dienstmädchen bei ihr bleiben, weil sie ihnen immer Stecknadeln in den Arm steckte, wenn sie ihre spanischen Worte nicht verstanden. Die kam zufällig an der Bank vorbei. Sie sang ein Liebeslied:

Por un soto verde y ambroso
Se salió Amor paseando,
De los amentes quejoso,
Porque su fuego amoroso
Trataban los mas burlando.

Der Blinde sprang auf und zitterte, die holländische Tonpfeife fiel aus seinen nackten Zähnen und zerbrach auf der Erde, und er sang den zweiten Vers krächzend und heulend, weil ihm die Nase und Lippen fehlten: