Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.
Chateau Tournay, April 1750.
Ich habe lange darüber nachgedacht: insoweit man von Schuld sprechen kann bei unserer Trennung, auf wessen Seite lag denn die Schuld? Aber ich bin zu dem Ende gekommen, daß das eine unlösbare Frage ist. Als wir zusammen waren, entstand ein Neues zwischen uns Beiden, das weder Sie waren noch ich – das auch nicht einmal Züge von uns Beiden hatte, sondern es war ganz neu entstanden. Und wie das mit dem Glück war, so war das nachher auch mit dem Streit und mit dem Auseinandergehen: es war ein neues Wesen zwischen uns entstanden, das uns trennte.
Von Herzen danke ich Ihnen für Ihren Brief. Er beweist, was er zwar mir nicht beweisen mußte, daß Sie groß denken: dafür danke ich Ihnen, daß Sie das vermögen, wie ich Ihnen immer dankbar bin dafür, daß Sie sind. Erzählen Sie mir, was Ihnen auf der Seele liegt; ich werde Ihre Worte treu aufnehmen. Vielleicht gibt Ihnen das eine gewisse Beruhigung in der Aufregung, in welcher Sie sich offenbar jetzt befinden, daß Sie zu einem Mann sprechen können wie zu einem Fremden, der ein Beichtvater ist: nicht wahr, Sie wissen, daß Sie nicht mehr von mir erwarten dürfen, wie einen Fremden, einen sehr gütigen Fremden, der ein Beichtvater ist? Als wir uns trennten, sagte ich Ihnen: »Ich werde immer Güte fühlen gegen Sie«; auch das haben Sie gewiß nicht vergessen, denn als ich es Ihnen sagte, wollte ich, daß Sie es in Ihrem Sinn behalten sollten.
Ich schließe mit den Worten, mit denen Sie Ihren Brief beginnen: Liebe Freundin.
3
Mlle. Eugenie Chabert an Herrn de Voisenon.
Paris, April 1750.
Lieber Freund, hier ist meine Erzählung. Vor etwa vier Wochen erhielt ich einen seltsamen Brief von einem mir unbekannten Vicomte de Palafoy. Der Schreiber hatte mich am Abend in einer großen Rolle gesehen – die Sie gewiß ahnen, die mir sehr teuer ist Ihretwegen – und hatte, nach seiner Darstellung, einen sehr tiefen Eindruck gewonnen. Er erzählte, daß er noch sehr jung sei und eben den Nachmittag erst in Paris eingetroffen sei. Meine Darstellung der edlen und schönen Empfindungen, welche die Heldin des Stückes habe (merkwürdig, daß der junge Mann in seiner Begeisterung doch den Unterschied zwischen den Worten des Dichters und der Darstellung machte, den die meisten unserer Verehrer vergessen; ein Zeichen für seine Intelligenz) – werde bestimmend für sein ganzes Leben sein. Der weitere Inhalt des Briefes kann Sie nicht interessieren.
Ich empfand den Wunsch, den Briefschreiber selbst kennen zu lernen. Es stellte sich mir ein wirklich sehr junger Mann vor. Um die äußern Dinge gleich mitzuteilen: er treibt hier wissenschaftliche Studien, ist sehr reich und sehr vornehm und völlig sein eigener Herr, da beide Eltern tot sind.