Lieber Freund, es soll zwischen uns die größte Offenheit herrschen, nicht wahr? Sie wissen, welchen Teil in meiner Seele Sie einnehmen: nie wird jemand Sie aus diesem Besitz verdrängen können. Aber dieser achtzehnjährige Vicomte hat noch ein neues Land in mir entdeckt. Ich glaube Ihr skeptisches Lächeln zu sehen, aber Sie haben unrecht: ich habe die Schönheit der Tugend empfunden. Mein Ausdruck ist schlecht. Er sagte einmal: er werde am nächsten Abend zu einer bestimmten Stunde einen Stern ansehen, den er mir zeigte; ich solle zu derselben Zeit meine Blicke fest auf den Stern heften und wir würden dann glücklich sein, indem wir empfinden, daß unser gereinigtes Ich sich auf jenem Stern treffe.

Während ich diese Zeilen schreibe, fühle ich selbst, wie lächerlich ich mich Ihnen zeige. Könnte ich mich ausdrücken – ach, gerade Ihnen gegenüber kann ich mich nicht ausdrücken! Ihnen habe ich einmal gesagt: Ehe ich Ihre Freundschaft hatte, habe ich mich selbst nicht gekannt. Und ich habe dasselbe dem jungen Vicomte gesagt, ich habe es ihm sagen müssen, indem ich dabei an Sie denken mußte; und wir saßen dabei in demselben Zimmer, das Ihnen so gut bekannt ist, an demselben Tischchen, und alles war dasselbe wie damals, nur auf Ihrem Stuhle saß der Vicomte.

Ich muß mich fragen: Ist denn unser ganzes Leben nur ein Theaterspiel? Spiele ich nur eine Rolle, heute in einem Stück, das der Vicomte dichtet, wie gestern in einem, das Sie gedichtet hatten? Aber ich schwöre es Ihnen: ich bin gegen Sie die alte, und der Vicomte hat Ihnen nichts, nichts genommen: er hat sich eine neue Welt entdeckt und ein herrenloses Land erobert.

Als ich meinen ersten Brief an Sie schrieb, ahnte ich, daß die Begegnung weitere Folgen für mich haben werde, und ich fühlte mich zu schwach, allein denen entgegenzutreten. Ich fühlte, daß ich Ihnen und Ihren Gefühlen ein Unrecht antun werde durch meine Mitteilungen, aber Sie sind ja der einzige Mensch, dem ich mich anvertrauen kann in meiner Lage, und Sie sind großmütig, Sie wissen, weshalb wir Frauen oft grausam sind – schlecht sind. Ich bin schlecht gegen Sie, aber Sie sind ein guter Mensch.

Gestern war der Vicomte bei mir und trug mir seine Hand an. Ich hatte seine Worte erwartet, aber als er sprach, war ich so überrascht, daß ich in Tränen ausbrach, aus dem Zimmer ging und mich einschloß. Er verließ das Haus, ohne mich nochmals gesprochen zu haben.

Habe ich Ihnen einmal die Geschichte Emiliens und des Herrn de Saint-Cyr erzählt? Hätte ich Emilie noch hier! Aber ich weiß nicht, in welcher entlegenen Gegend Frankreichs sie sich verborgen halten mag.

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Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.

Chateau Tournay, April 1750.