Wir gingen beide nackt, mit dem weißblauen Paréo umgürtet, das Beil in der Hand und mußten unzählige Male den Bach durchschreiten, um ein Stück Weges abzuschneiden, den mein Führer mehr mit dem Geruche als mit dem Auge zu entdecken schien, denn ein prächtiges Gewirr von Gras, Blättern und Blumen hatte den Boden ganz bedeckt.

Es herrschte vollkommene Stille, trotz des klagenden Rauschens des Wassers in den Felsen, eines einförmigen Rauschens, einer sanften, leisen Klage – wie die Begleitung der Stille.

Und in diesem Walde, in dieser Einsamkeit, dieser Stille wir beide allein, – er, ein ganz junger Mann, und ich, fast ein Greis, dem viele Illusionen den zarten Hauch von der Seele gestreift, viele Anstrengungen den Körper erschlafft und eine physisch und moralisch kranke Gesellschaft ihre Laster, dies alte verhängnisvolle Erbe hinterlassen!

Mit der animalisch geschmeidigen Anmut seiner Androgynen-Gestalt schritt er vor mir her. Ich meinte die ganze Pflanzenpracht ringsum in ihm verkörpert zucken und leben zu sehen.

War es ein Mensch, der da vor mir ging? War es der kindliche Freund, bei dem mich das Einfache und Komplizierte seiner Natur zugleich angezogen? War es nicht vielmehr der Wald selber, der lebendige Wald, geschlechtlos und – verführerisch?

Bei diesen nackten Völkerschaften ist der Unterschied der Geschlechter, wie bei den Tieren, weniger betont als in unsern Klimaten. Mit Gürtel und Schnürleib ist es uns gelungen, aus der Frau eine Anomalie, ein künstliches Wesen zu schaffen, das die Natur uns, den Gesetzen der Vererbung gehorchend, zu komplizieren und zu entkräften hilft, und das wir sorgfältig in einem Zustand nervöser Schwäche und unzulänglicher Muskelkraft erhalten, indem wir es vor Ermüdung bewahren und ihm die Gelegenheit nehmen, sich zu entwickeln. Da unsere Frauen nach einem so bizarren Ideal von Schlankheit geformt sind – bei dem wir, seltsam genug, verharren –, haben sie nichts Gemeinsames mehr mit uns, was vielleicht nicht ohne ernste moralische und soziale Nachteile bleibt.

Auf Tahiti kräftigt die Wald- und Meeresluft die Lungen, macht Schultern und Hüften breit, und weder Männer noch Frauen werden von den Strahlen der Sonne und den Kieselsteinen am Strande verschont. Sie verrichten zusammen die gleichen Arbeiten, mit demselben Fleiß oder demselben Gleichmut. Es ist etwas Männliches an diesen, und an jenen etwas Weibliches.

Diese Ähnlichkeit der Geschlechter erleichtert ihre Beziehungen, und die stete Nacktheit gibt den Sitten eine natürliche Unschuld und vollkommene Reinheit, weil den Gemütern die Beschäftigung mit dem gefährlichen Mysterium fehlt, das einen „glücklichen Zufall“ so bedeutungsvoll macht, und ihnen das verstohlene oder sadistische Wesen der Liebe bei den Kulturmenschen fremd ist. Mann und Frau, die Kameraden und mehr Freunde als Liebende sind, leben in Freud und Leid fast unausgesetzt zusammen, und selbst den Begriff des Lasters kennen sie nicht.

Warum erwachte in diesem Rausch von Duft und Licht nun plötzlich bei dem alten Kulturmenschen, mit dem Reiz des Neuen, Unbekannten, trotz der geringeren sexuellen Unterschiede, jene furchtbare Begierde?

Das Fieber pochte in meinen Schläfen und mir wankten die Knie.