Bei dieser ersten Begegnung verstand ich sie jedoch nur unvollkommen. Menschen und Dinge, die so verschieden von denen waren, wie ich sie gewünscht, hatten mich enttäuscht, ich war angewidert von dieser ganzen europäischen Trivialität und zu kurze Zeit im Lande, um erkennen zu können, wieviel sich in dieser eroberten Rasse unter der künstlichen, verderblichen Tünche unserer Einführungen noch von Nationalität, Ursprünglichkeit und primitiver Schönheit erhalten hatte, ich war in mancher Beziehung noch blind. Ich sah auch in dieser bereits etwas reifen Königin nichts als eine gewöhnliche dicke Frau mit Spuren von edler Schönheit. Als ich sie später wiedersah, änderte ich mein erstes Urteil, ich unterlag dem Reize ihres „maorischen Zaubers“. Trotz aller Mischung war der tahitische Typus bei ihr sehr rein. Und dann gab die Erinnerung an ihren Vorfahren, den großen Häuptling Tati, ihr wie ihrem Bruder und der ganzen Familie ein Ansehen von wahrhaft imposanter Größe. Sie hatte die majestätische, prachtvolle Gestalt der Rasse dort, groß und doch anmutig, die Arme wie die Säulen eines Tempels einfach und fest, und der ganze Körperbau, diese gerade horizontale Schulterlinie, die oben spitz auslaufende Höhe erinnerte mich unwillkürlich an das heilige Dreieck, das Symbol der Dreieinigkeit. – In ihren Augen blitzte es zuweilen wie von vage auftauchender Leidenschaft, die sich jäh entzündet und alles ringsum entflammt, – und so vielleicht sind die Inseln selber einst aus dem Ozean aufgetaucht und die Pflanzen darauf beim ersten Sonnenstrahl erblüht.

Alle Tahitaner kleideten sich in Schwarz und sangen zwei Tage lang Trauerweisen und Totenklagen. Mir war, als hörte ich die Sonate Pathétique.

Dann kam der Tag der Bestattung.

Um zehn Uhr morgens verließ der Zug den Palast. Truppe und Behörden in weißem Helm und schwarzem Frack, die Eingeborenen in ihrer düstern Tracht. Alle Distrikte marschierten in der Reihenfolge, und der Anführer eines jeden trug die französische Fahne.

Bei Aruë wurde haltgemacht. Dort erhebt sich ein unbeschreibliches Monument, ein unförmlicher Haufen mit Zement verbundener Steine, der zu der Umgebung und der Atmosphäre in peinlichem Kontrast steht.

Lacascade hielt eine Rede nach bekanntem Muster, die ein Dolmetscher für die anwesenden Franzosen übersetzte. Dann folgte eine Predigt des protestantischen Pastors, auf die Tati, der Bruder der Königin, ein paar Worte erwiderte – das war alles. Man brach auf, und die Beamten drängten sich in den Wagen zusammen, es erinnerte etwas an „die Rückkehr von einem Rennen“.

Unterwegs, wo die Gleichgültigkeit der Franzosen den Ton angab, fand dieses seit mehreren Tagen so ernste Volk seine Fröhlichkeit wieder. Die Vahinas nahmen wieder den Arm ihrer Tanés, sprachen lebhaft und wiegten sich in den Hüften, während ihre kräftigen nackten Füße den Staub des Weges aufwühlten.

In der Nähe des Flusses Fatüa zerstreute sich alles. Zwischen den Steinen versteckt, kauerten hier und dort Frauen mit bis zum Gürtel aufgenommenen Röcken im Wasser, um ihre Hüften und die vom Marsch und von der Hitze ermüdeten Beine zu erfrischen. So gereinigt machten sie sich, stolz den Busen tragend, über dem der dünne Musselin sich straffte, mit der Grazie und Elastizität junger gesunder Tiere wieder auf den Weg nach Papeete. Ein gemischtes, halb animalisches, halb pflanzliches Parfüm strömte von ihnen aus, das Parfüm ihres Blutes und der Gardenien – Tiaré –, die alle in den Haaren trugen.

Téiné merahi noa noa (jetzt sehr wohlriechend), sagten sie.

* * *