Abends im Bett haben wir lange Gespräche, mitunter sehr ernste.

Jetzt, wo ich Tehura verstehen kann, in der der Geist ihrer Vorfahren noch schlummert und träumt, bemühe ich mich durch diese Kinderseele zu sehen und zu denken und in ihr die zwar toten, aber in vagen Erinnerungen noch bestehenden Spuren der fernen Vergangenheit wiederzufinden.

Ich stelle Fragen, und sie bleiben nicht alle ohne Antwort.

Die von unsern Eroberungen mehr betroffenen und von unserer Zivilisation stärker beeinflußten Männer haben die alten Götter vielleicht vergessen. Aber im Gedächtnis der Frauen haben diese sich einen Zufluchtsort bewahrt. Und es ist ein rührendes Schauspiel für mich, wenn unter meiner Einwirkung die alten nationalen Gottheiten allmählich in Tehuras Erinnerung erwachen und die künstlichen Schleier abwerfen, in die protestantische Missionare sie einhüllen zu müssen geglaubt. Im ganzen war das Werk der Katecheten ein sehr oberflächliches. Die Erfolge ihrer Tätigkeit entsprachen, besonders bei den Frauen, nur wenig ihren Erwartungen. Ihre Lehren sind wie eine schwache Firnisschicht, die schnell bei der geringsten Berührung abbröckelt und schwindet.

Tehura besucht regelmäßig den Gottesdienst und befolgt die Vorschriften der offiziellen Religion. Aber sie weiß die Namen aller Götter des maorischen Olymps auswendig, und das ist keine Kleinigkeit. Sie kennt ihre Geschichte, sie lehrt mich, wie sie die Welt erschaffen haben, wie sie herrschen und wie sie geehrt sein wollen. Die strengen Lehren der christlichen Moral sind ihr fremd, oder sie kümmert sich nicht darum, denkt z. B. nicht daran zu bereuen, daß sie die Konkubine – wie sie es nennen – eines Tané ist.

Ich weiß nicht recht, wie sie Jesus und Taaro in ihrem Glauben zueinander stellt. Ich glaube, sie verehrt alle beide.

Nach und nach hat sie mir einen ganzen Kursus über tahitische Religion gehalten. Dafür versuche ich ihr auf Grund europäischer Kenntnisse einige Naturphänomene zu erklären.

Die Sterne interessieren sie sehr. Sie fragt mich nach der französischen Benennung des Morgen-, des Abendsterns und der anderen Gestirne. Es wird ihr schwer zu begreifen, daß die Erde sich um die Sonne dreht ...

Sie nennt mir die Sterne in ihrer Sprache, und während sie erzählt, sehe ich beim Schein der Gestirne, die selber Gottheiten sind, die heiligen Gestalten der maorischen Beherrscher der Luft, des Feuers, der Inseln und Meere deutlich vor mir.

Die Bewohner von Tahiti haben immer, soweit man auch in ihrer Geschichte zurückgreift, ziemlich ausgedehnte Kenntnisse in der Astronomie besessen. Die periodischen Feste der Aréoïs – Mitglieder einer geheimen religiösen und zugleich politischen Gesellschaft, die auf den Inseln herrschte – wurden nach der Stellung der Gestirne bestimmt. Selbst die Natur des Mondlichtes scheint den Maories nicht unbekannt gewesen zu sein. Sie nehmen an, daß der Mond eine der Erde sehr ähnliche Kugel sei, wie diese bewohnt und reich an Produkten wie die unsrigen.