* * *
Oro könnte gut ein umherwandelnder Brahmine sein, der den Inseln – wann? die Lehre des Brahma brachte (auf deren Spuren in der australischen Religion ich schon hinwies).
In der Reinheit dieser Lehre erwachte das maorische Genie. Geister, die fähig waren zu verstehen, erkannten einander und vereinigten sich, – natürlich völlig abgesondert vom Volk, – um die vorgeschriebenen Riten auszuüben. Aufgeklärter als die übrigen ihrer Rasse, rissen sie bald die religiöse und politische Herrschaft über die Inseln an sich, sicherten sich wichtige Vorrechte und gründeten eine starke Übermacht, die in der Geschichte des Inselmeers die glänzendste Periode bildete.
Obwohl sie des Schreibens unkundig gewesen zu sein scheinen, waren die Aréoïs wahre Gelehrte. Sie verbrachten ganze Nächte damit, alte „Aussprüche der Götter“ Wort für Wort mit peinlichster Genauigkeit zu erforschen, und sie auszulegen erforderte eine jahrelange Arbeit. Diese ihnen allein zugänglichen Aussprüche der Götter, denen sie höchstens Kommentare beifügen durften, verschaffte den Aréoïs die Sicherheit eines geistigen Mittelpunkts, regte sie zu gewohnheitsmäßigem Nachdenken an, berechtigte sie zu einer übermenschlichen Mission und gab ihnen ein Ansehen, vor dem jeder sich beugte.
Es gibt in unserm christlichen, lehnspflichtigen Mittelalter ganz ähnliche Einrichtungen wie diese, und ich kenne nichts Furchtbareres als jene religiöse und kriegerische Gemeinschaft, jenes Konzil, das im Namen Gottes Urteile fällte und allmächtig über Leben und Tod entschied.
Die Aréoïs lehrten, daß Menschenopfer den Göttern wohlgefällig seien, und opferten selber in den Maraës alle ihre Kinder außer den Erstgeborenen: das Symbol dieses blutigen Ritus war die Sage von den sieben Schweinen, die außer dem ersten, dem „heiligen Schwein“, alle getötet wurden.
Doch dürfen wir über diese Barbarei nicht voreilig schelten.
Diese grausame Pflicht, der so viele primitive Völkerschaften sich unterwarfen, hatte tiefe Gründe sozialer Art und allgemeinen Interesses.
Bei sehr fruchtbaren Rassen, wie es die der Maories einst war, bedrohte die unbegrenzte Vermehrung der Bevölkerung ihre nationale wie positive Existenz. Das Leben auf den Inseln war zwar mühelos, und es bedurfte keines großen Fleißes, um sich das Notwendige zu verschaffen. Aber das sehr beschränkte Gebiet, von dem unermeßlichen, den gebrechlichen Pirogen unzugänglichen Ozean umgeben, wäre für ein sich stetig vermehrendes Volk bald unzureichend geworden. Das Meer hätte nicht mehr genügend Fische geliefert und der Wald nicht genug Früchte. Eine Hungersnot wäre nicht ausgeblieben und hätte, wie sie es immer getan, die Anthropophagie zur Folge gehabt. – Um Männermorde zu vermeiden, beschränkten die Maories sich auf Kinderopfer. Übrigens war Menschenfresserei bereits üblich, als die Aréoïs auftraten, und um diese zu bekämpfen und die Ursache aufzuheben, führten sie den Kindesmord ein, der vielleicht als eine Milderung der Sitten zu bezeichnen wäre, wenn das unheimlich Komische dieser Behauptung auch einem Possenschreiber zur Belustigung dienen könnte. Die Aréoïs mußten wahrscheinlich große Energie anwenden, um diesen Fortschritt durchzusetzen, und erreichten es wohl nur dadurch, daß sie sich in den Augen des Volkes die volle Autorität der Götter anmaßten.
Schließlich wurde der Kindesmord ein mächtiges Mittel der Zuchtwahl für die Rasse. Das furchtbare Recht der Erstgeburt, ein Recht auf das Leben selber, erhielt die Kraft des Volkes unverkürzt, indem es von den schädlichen Folgen erschöpfter Säfte verschont blieb. Es nährte in all diesen Kindern auch das Bewußtsein unverwüstlichen Stolzes. Die Urkraft und letzte Blüte dieses Stolzes ist es auch, die wir noch bei den letzten Sprößlingen einer großen, im Aussterben begriffenen Rasse bewundern.