Sie trat zurück und wies mit der Linken nach der Tür des Hauses. Die in der Kammer flüsterten wenige Worte zusammen, dann schritten sie mit leidlicher Haltung durch die aufgeregte Schar, die ihnen immer lautere und lautere Verwünschungen mit auf den Weg gab. Der Wundarzt war unschlüssig, ob er folgen dürfe; aber auf einen gebieterischen Wink des Mädchens schloß er sich seinen Begleitern eilfertig an.
Diese ganze Szene hatte der Kranke in der Kammer halb aufgerichtet mit großen Augen mitangesehn. Jetzt trat die Alte wieder zu ihm und rückte ihm das Kissen. "Still liegen, mein Sohn!" sagte sie. "Es ist keine Gefahr. Schlafen, schlafen, armer Sohn! die alte Chiaruccia wacht, und daß Ihr sicher seid, dafür sorgt unsre Fenice, das benedeite Kind! Schlaft, schlaft!"
Sie summte ihn dann mit eintönigen Liedern ein wie ein Kind. Er aber nahm den Namen Fenice mit in seine Träume.
Filippo war zehn Tage droben im Gebirg und in der Pflege der Alten, schlief viel in den Nächten und genoß am Tage, vor der Tür sitzend, die reine Luft und die Einsamkeit. Sobald er wieder schreiben konnte, schickte er einen Boten mit einem Brief nach Bologna und erhielt am andern Tage Antwort, ob erwünscht oder unerwünscht, war auf seinem blassen Gesicht nicht zu lesen. Außer mit seiner Pflegerin und den Kindern von Treppi sprach er mit niemand, und Fenice sah er nur des Abends, wenn sie am Herde schaltete. Denn sie verließ das Haus mit Sonnenaufgang und blieb über Tag im Gebirg. Das war sonst anders gewesen, wie er aus zufälligen Äußerungen entnahm. Aber auch wenn sie zu Hause war, fand sich nie eine Gelegenheit, mit ihr zu sprechen. Sie tat überhaupt, als merke sie seine Anwesenheit gar nicht, und schien das Leben wie früher zu tragen. Doch war ihr Gesicht wie steinern geworden und ihre Augen wie erstorben.
Als Filippo eines Tages, von dem herrlichen Wetter gelockt, weiter als sonst sich vom Hause entfernte und zum erstenmal wieder im Gefühl neuer Kraft eine sanfte Höhe hinabstieg, erschrak er, als er um einen Felsen bog und unerwartet Fenice im Moos neben einer Quelle sitzen sah. Sie hatte Wocken und Spindel in Händen und schien während des Spinnens sehr in sich vertieft. Bei Filippos Schritten sah sie auf, sprach aber kein Wort, noch veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts, und rasch erhob sie sich samt ihrem Gerät. Dann ging sie, ohne auf seinen Ruf zu achten, davon und war ihm bald aus den Augen.
Am Morgen nach dieser Begegnung war er eben aufgestanden und seine ersten Gedanken gingen wieder zu ihr, als die Tür seiner Kammer geöffnet wurde und das Mädchen ruhig zu ihm eintrat. Sie blieb an der Schwelle stehen und winkte ihm gebieterisch mit der Hand, als er vom Fenster ihr näher eilen wollte.
"Ihr seid wieder geheilt", sagte sie kalt. "Ich habe mit der Alten gesprochen. Sie meint, Ihr hättet wieder die Kraft zu reisen, in kleinen Tagereisen und zu Pferde. Ihr werdet morgen früh Treppi verlassen und nie dahin zurückkehren. Dies Versprechen fordre ich von Euch."
"Ich verspreche es, Fenice, unter einer Bedingung."
Sie schwieg.
"Daß du mit mir gehst, Fenice!" sprach er in großer, unverhaltener
Bewegung.